neworks - Aesthetics of Access #1

Kuratiert von Maria Ladopoulos und Liisi Hint

 

15./16. März 2024 - 19 Uhr live

„SPK - der Sommer Phuong Komplex“ von und mit Dasniya Sommer und Fungi Fung. 

Videostream vom 18. März 2024, 10 Uhr, bis 21. März 2024, 23.59 Uhr.

Public Talk nach der Vorstellung am 15. März 2024.

 

Foto: Pippa Samaya

 

Bildbeschreibung / Image description:

Dasniya Sommer in der Performance ‘Yum Yum’. Premiere 2023 am Ballhaus Ost. 

Zwischen farbenfrohen Tüchern kniet in der Bildmitte eine asiatisch-deutsche Performerin neben einem rostigen Wok, der wie auf einem Lagerfeuer auf schimmernden Seilen liegt. Sie trägt ein gelb durchsichtiges Latex-Shirt und hat die Haare locker nach oben geflochten. Vor ihr liegen bunte, leere Yum Yum Nudelverpackungen. Sie dreht sich zum linken Bildrand und richtet ihren Blick auf etwas, das sich außerhalb des Bildes befindet. Gleichzeitig bindet sie sich ein Bondageseil um ihr angewinkeltes Bein. Man fragt sich, was oder wen sie betrachtet.

 

Dasniya Sommer in the performance 'Yum Yum'. Premiere 2023 at Ballhaus Ost.

Between colourful cloths, an Asian-German performer kneels in the center of the picture next to a rusty wok, which lies on shimmering ropes as if on a campfire. She is wearing a transparent yellow latex shirt and has her hair loosely braided upwards. In front of her are colourful, empty Yum Yum noodle wrappers. She turns to the left edge of the picture and focuses her gaze on something outside the picture. At the same time she ties a bondage rope around her bent leg. One wonders what or whom she is looking at.

 

Die angehende Choreografin/Tänzerin (Dasniya Sommer) und die Kampfsportlerin und Lyrikerin (Fungi Fung) nutzen die ada-Residenz, um ihre physischen bzw. psychischen Krankheitserfahrungen performativ zu interpretieren. Von Sommers Sportverletzungen und Fungs klinischer Bipolarität ausgehend, untersuchen sie die Beziehung von „krankem“ Individuum und Gesellschaft, Tanz und Mixed Martial Arts (MMA), sowie Bühnengeschehen und Publikum. Kampfsport dient ihnen dabei als tänzerische Metapher für den sozialen Umgang mit Krankheit und Gewalt. Basierend auf einer historischen Recherche zu alternativen Psychotherapiebewegungen beginnen sie ihre Residenz mit einem theoretischen Fokus auf das 1970 in Heidelberg gegründete Sozialistische Patientenkollektiv (SPK). Dessen Entwicklung von der emanzipatorischen Selbsthilfegruppe hin zur bewaffneten Terrorzelle begreifen sie als radikale Inspiration für eine originäre Tanzpraxis. Der SPK-Slogan: „Aus der Krankheit eine Waffe machen.“ soll so tänzerisch übernommen werden. Auf der Suche nach Antworten, wie choreografierte Szenen über Krankheit, Schmerz, Gewalt in eine möglichst universell lesbare, nicht verletzende Rezeption münden können, sollen Formate ästhetischer Zugänglichkeit für Menschen mit und ohne geistige Behinderung von Anfang an Teil der Materialentwicklung sein.

 

Dasniya Sommer ist freischaffende Tänzerin, Choreografin und Installationskünstlerin. Sie absolvierte eine klassische Tanzausbildung in den 90iger Jahren in Berlin und studierte Zeitgenössischen Tanz (Limon, Cunningham, Trisha Brown Institute) in New York und in Berlin bei LaborGras, 1989-1999 war sie Mitglied der Compagnie des Staatsballetts in Berlin. Ihr aus Thailand stammender Vater unterrichtete sie seit ihrer Kindheit in Yoga, Meditation und buddhistischer Philosophie. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit ihrer Doppelidentität auseinander und entwickelt eine kritische Praxis an sowohl normativ- ästhestischen, als auch kulturellen Körper-Kodierungen. Studien in Ethik und Genderstudies beeinflussen ihre Arbeit. Sie ist Teil der Berliner Kink-Community und praktiziert seit 2008 ‘Shibari/Kinbaku’, eine japanische Bondage-Technik und hat daraus eine zeitgenössische Bühnenpraxis entwickelt, mit der sie mit vielen anderen Künstler*innen (Meine Damen und Herren, das Helmi, Monstertruck, Romeo Castellucci und Silke Schönfleisch-Backofen), sowohl vermittelnd als auch aktiv performend, kollaboriert hat. Ihr langjährig kontinuierliches Balletttraining ist geprägt vom wertfreien Forschen, wobei sie nicht bei der Dekonstruktion stehen bleibt, sondern eine Ausdehnung im Rahmen ihrer Erfahrungen anstrebt, die sich aus anderen Körperpraxen speisen. www.dasniyasommer.de

 

Fungi Fung ist Lyrikerin, Kampfsportlerin und freischaffende Fotografin. 2016 machte sie ihren Abschluss am Lette Verein Berlin und realisiert seitdem Ausstellungen u.a. im Haus der Demokratie und Menschenrechte Berlin und in Paris zum Thema Agent Orange. Auch die Vietnamesische Diaspora und der innere Zustand kunstversierter Menschen gehören zu ihrem Interessengebiet. Seit 2016 praktiziert sie Kampfsport (Kickboxen, Mui Thai, BJJ), nahm an Wettkämpfen teil und entwickelte aus ihrer Trainingspraxis performative Ansätze, u.a. für den Choreografen Yotam Peled und für Haus Sommer. Ihre klinische Bipolarität setzt ihr oft kräftemäßig und psychisch Grenzen. Diese möchte sie so gut wie möglich ausdehnen, u.a. indem sie ihren Körper, trotz der figürlichen Veränderung durch die Medikamentierung, selbst formt und indem sie durch die Kampfsportpraxis sich und ihre Trainingspartner*innen immer wieder neu physisch erforscht. Fungis Schreiben und auch ihre Fotografien versteht sie als bildliche Erzeugnisse ihres eigenen Empfindens. Sie entstehen weniger aus einer kurzen Laune/Phase heraus, als aus länger tief sitzenden Gefühlen. Zusammen mit aus ihrer Umwelt aufgenommenen Details oder in ihrem Geist entstehenden (abstrakten Gefühls-)Landschaften bilden sie den Motor ihrer poetischen Texte. www.tranminh.de, Instagram

 

"neworks - Aesthetics of Access" ist eine Performance-Reihe, die sich auf Arbeiten konzentriert, in denen Barrierefreiheit für behinderte, Taube und/oder chronisch kranke Zuschauer*innen ein integraler Bestandteil des künstlerischen Konzepts ist. Nach der Definition von Diversity Arts Culture ist “der Begriff ‘Aesthetics of Access‘ Englisch und bedeutet Ästhetiken der Barrierefreiheit. Er bezeichnet eine Praxis in den Darstellenden Künsten: Barrierefreiheit wird in der Kunstproduktion von Anfang an und mit einem künstlerischen Anspruch eingebaut und nicht nachträglich hinzugefügt. neworks 2024 zeigt drei Arbeiten von Berliner Künstler*innen, die ihre ganz persönliche Perspektive gefunden haben, ihre künstlerischen Prozesse durch Mittel der Barrierefreiheit inspirieren und beeinflussen zu lassen. 

 

Die Kuratorinnen Liisi Hint und Maria Ladopoulos sind nichtbehinderte junge Tanzkünstlerinnen, die seit 2020 in Kollaboration arbeiten. Sie betrachten diesen kuratorischen Prozess als eine Erweiterung ihrer künstlerischen Arbeit mit dem klaren Ziel, gemeinsam zu lernen, zu experimentieren und ihre eigenen Perspektiven zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund haben sie drei Arbeiten ausgewählt, die sich alle aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Ästhetik der Barrierefreiheit befassen. Die daraus resultierende Performance-Reihe versucht, das breite Spektrum dessen widerzuspiegeln, was im Bereich des barrierefreien Kunstschaffens möglich ist. 

Photo: Pippa Samaya

 

Image description / Bildbeschreibung:

Fungi Fung in the performance 'Yum Yum'. Premiere 2023 at Ballhaus Ost.

In the centre of the picture, a female Asian performer with medium brown skin kneels in front of white curtains and gazes intensely and intently towards the right edge of the picture. She is wearing an armless, bright pink latex top. Her strong, outstretched arms are propped up on the white floor and her long hair is tied up in a dishevelled knot. Scattered props lie on the floor around her: a red foam glove that resembles a crab hand, a cobblestone, a white sitting block and a transparent plastic bag in the background. A wok handle protrudes into the picture at the front. One wonders where the drama in her facial expression comes from.

Fungi Fung in der Performance ‘Yum Yum’. Premiere 2023 am Ballhaus Ost.

In der Bildmitte kniet eine asiatische, weibliche Performerin mit brauner Haut vor weißen Vorhängen und guckt intensiv, konzentriert zum rechten Bildrand. Sie trägt ein armfreies, pink leuchtendes Latex- Oberteil. Ihre kräftigen, durchgedrückten Arme sind auf den weißen Boden gestützt und das lange Haar ist in einem zerzausten Knoten hochgesteckt. Auf dem Boden um sie herum liegen verstreute Requisiten: ein roter Schaumstoffhandschuh, der einer Krabbenhand ähnelt, ein Pflasterstein, im Hintergrund ein weißer Sitzblock und eine durchsichtige Plastiktüte. Vorne ragt ein Wokgriff in das Bild hinein. Man fragt sich, wo die Dramatik in ihrem Gesichtsausdruck herkommt.

 

The emerging choreographer and dancer (Dasniya Sommer) and the martial artist and poet (Fungi Fung) use their time in ada studio to performatively interpret their experiences of physical and mental illness. Based on Sommer's sports injuries and Fung's clinical bipolarity, they examine the relationship between the "sick" individual and society, dance and mixed martial arts (MMA), as well as the situation on stage and the audience. Martial arts serve as a dance metaphor for the social treatment of illness and violence. Based on historical research into alternative psychotherapy movements, they begin their residency with a theoretical focus on the “Sozialistisches Patientenkollektiv” (SPK, socialist patient collective), founded in Heidelberg in 1970. They see its development from an emancipatory self-help group to an armed terrorist cell as a radical inspiration for an original dance practice. The SPK slogan: "Turning illness into a weapon" is thus to be adopted in dance. In the search for answers as to how choreographed scenes about illness, pain and violence can lead to a reception that is as universally legible and non-offensive as possible, formats of aesthetic accessibility for people with and without mental disabilities are part of the material development from the very beginning.

 

Dasniya Sommer is a freelance dancer, choreographer and installation artist. She completed a classical dance education in Berlin in the 1990s and studied contemporary dance (Limon, Cunningham, Trisha Brown Institute) in New York and in Berlin with LaborGras. Between 1989–1999 she was a member of the Staatsballett company in Berlin. Her father, who comes from Thailand, taught her yoga, meditation and Buddhist philosophy from childhood. In her work, she explores her dual identity and develops a critical practice of both normative aesthetic and cultural body coding. Studies in ethics and gender studies influence her work. She is part of the Berlin kink community and has been practising 'Shibari/Kinbaku', a Japanese bondage technique, since 2008 and has developed a contemporary stage practice with which she has collaborated with many other artists (Meine Damen und Herren, das Helmi, Monstertruck, Romeo Castellucci and Silke Schönfleisch-Backofen), both mediating and actively performing. Her many years of continuous ballet training are characterised by non-judgemental research, whereby she does not stop at deconstruction, but strives for an expansion within the framework of her experiences, which are fed by other body practices. www.dasniyasommer.de

 

Fungi Fung is a poet, martial artist and freelance photographer. She graduated from the Lette Verein Berlin in 2016 and has since realised exhibitions on the subject of Agent Orange at the House of Democracy and Human Rights Berlin and in Paris, among others. She is also interested in the Vietnamese diaspora and the inner state of artistically minded people. She has been practising martial arts (kickboxing, Mui Thai, BJJ) since 2016, taking part in competitions and developing performative approaches from her training practice, including for the choreographer Yotam Peled and for Haus Sommer. Her clinical bipolarity often sets her physical and psychological limits. She wants to push these limits as far as possible, for example by shaping her body herself, despite the physical changes caused by the medication, and by constantly exploring herself and her training partners physically through martial arts practice. Fungi's writing and her photographs are approached as visual products of her own emotions. They arise less from a brief mood/phase than from deep-seated feelings. Together with details taken from her environment or (abstract emotional) landscapes created in her mind, they form the motor of her poetic texts. www.tranminh.de, Instagram

 

"neworks - Aesthetics of Access" is a performance series that focuses on works where accessibility for disabled, chronically ill and/or deaf audience members is an integral part of the artistic concept. As defined by Diversity Arts Culture, “the term ‘Aesthetics of Access’ describes a practice in the performing arts: accessibility is built into the art production from the beginning and with an artistic claim and not added afterwards.” neworks 2024 includes three works from Berlin based artists that have found their own personal perspective on how to allow means of accessibility to inspire and inform their artistic processes.  

 

Curators Liisi Hint and Maria Ladopoulos are non-disabled emerging dance artists who have been collaborating since 2020. They approach this curatorial process as an extension of their artistic work with the clear aim of learning together, experimenting and challenging their own perspectives. With that in mind, they chose three projects that all deal with Aesthetics of Access from different angles, creating a performance series that tries to reflect the wide spectrum of what is possible in accessible performance making. 


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

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