Text zu „neworks“ (14./15. Juli 2023) von Maia Joseph, ins Deutsche übersetzt von Ada Nasilowksa

 

Bühnenlinks sind zuerst nur ein Tisch mit einem dazugehörigen Stuhl zu sehen. Grėtė, die Hauptfigur, ist allerdings noch abwesend. Die anwesenden Zuschauer*innen haben so die Möglichkeit, den Raum besser wahrzunehmen und zu spüren. Nach einiger Zeit betritt Grėtė die Bühne unmerkbar durch eine Seitentür.

 

Bevor sie sich auf den Stuhl hinsetzt, verharrt sie für einen kleinen Augenblick. Sie atmet tief, während unsere neugierigen Blicke sie durchdringen. Ihre leicht zitternden Mundwinkel implizieren, dass sie etwas sagen möchte. Sie beginnt zu lächeln, als sie auf dem Tisch liegende Papiere in die Hände nimmt. Ihr Blick hebt sich, sie sagt, die Briefe seien an ihren kürzlich verstorbenen Großvater. Einige Briefe wurden von ihr geschrieben, als er noch am Leben war, einige jedoch nach seinem Tod. Da sie ihm die Frage nicht mehr stellen kann, fragt sie uns: "Wie findet man Liebe?". Gleich danach fragt sie: "Gibt es Liebe?" Beides ein großes Mysterium.

 

Ihr Körper sehnt sich offensichtlich nach einer klaren Antwort auf ihre Fragen, die uns immerhin beschäftigen. Um sich von der steigenden Spannung zu erlösen, beginnt sie zu tanzen. Durch die Lautsprecher läuft Beyonces Song ‚Drunk in love‘, was die bisher sehr intime und ruhige Atmosphäre, auf eine nahezu amüsante Weise ändert. Grėtė nimmt die Situation allerdings sehr ernst, indem sie viel mit ihren Händen gestikuliert. Sie werden zum Publikum ausgestreckt und wieder an ihre Brust herangebracht, als ob sie direkt aus ihrem Herzen herauskommen würden. Nach diesem berührenden Moment, werden ihre Tanzbewegungen immer unregelmäßiger, was zu einer leicht erkennbaren Ungleichheit, zwischen ihr und der Musik, führt. Ihr Tanz nimmt ein Ende, sie kehrt zu dem Tisch zurück und setzt sich hin.

 

Nach einer weiteren, einseitigen Konversation mit uns, weist sie auf eine Schnapsflasche hin, die mit einem dazu passenden Glas, auf dem Tisch steht. ‚Ohne Mut ist keine Verbindung möglich‘. Es sind ihres Großvaters Worte, die sie in dem Moment wiederholt ausspricht.

 

Während diese Worte durch den Raum hallen, schaut sie uns für einen kleinen Augenblick an. Sie fängt an, auf verschiedene Anlässe anzustoßen. Nach jedem ausgetrunkenen Shot hält sie das Glas hoch, stellt es beiseite, um dann ihr Gesicht zu verziehen, wenn sie den Schnaps herunterschluckt. Sie befindet sich in einer Art Trance, dies hindert sie nicht daran, weiter zu tanzen - dieses Mal etwas beherrschter und mit mehr Leichtigkeit. Sobald sie fertig ist, setzt sie sich wieder hin, um das letzte Mal anzustoßen mit folgenden Worten: "Zur Liebe zurückkehren". Obwohl wir an ihrem Fest nicht teilnehmen können, wird die Atmosphäre im Raum deutlich leichter und hoffnungsvoller; möglicherweise ist ihr Mut, sich zu verbinden, ansteckend. 

 

Nach einer kurzen Pause kommen wir in den Raum zurück, der jetzt allerdings leer ist. Grėtė betritt die Bühne und hält einen Stuhl in ihren Händen. Sie sitzt zentral auf der Bühne und beobachtet uns. Wir nehmen uns alle einen Augenblick und schauen Grėtė ebenfalls an, um uns gegenseitig neu kennenzulernen. 

 

Ihr Mund zuckt und sie erzählt uns die Geschichte von ihrem Großvater. Voller Passion spricht sie darüber, wie er von der Sowjetunion in jungem Alter deportiert wurde und wie das Leben damals von Angst gefüllt war. Sie erzählt uns von ihren schönsten Erinnerungen mit ihrem Großvater. Sie stellt den Stuhl beiseite und beginnt wieder zu tanzen. Wir als Publikum erleben ihre Freude mit und erfahren, wie es für sie ist, auf einer Schaukel zu sein, im Flachwasser zu planschen oder über eine Wiese zu laufen. Es gibt einen Moment, in dem sie wiederholt wie ein Kind springt, mit viel Sorglosigkeit. Sie bewegt sich immer ruhiger und kleiner, sie selbst hat allerdings noch Fragen, was ihre Augen ausdrücken. Sie fragt uns: "Wie wage ich es, zu denken, dass du es nicht verstehst?" ... Doch verstehen wir es?

 

 

A table and chair occupy the left side of the stage, but Grėtė, the artist of the evening, is absent. 

After giving us observers a moment to take in the space, she quietly makes her presence known, entering the stage from a side door. 

 

She pauses for a moment behind the chair before sitting down. Her chest rises and falls with each breath, as she takes in the curious eyes watching her. Small movements from the corners of her mouth indicate that she wants to say something. She smiles as she takes the papers lying on the table in front of her into her hands, then looks up, and says they are letters to her grandfather who passed away recently. Some of them she wrote while he was still alive, others she wrote after he was gone. As she can no longer ask him, she asks us viewers, "How do you find love?". A heavy question. Shortly after, her question changes to "does love exist?". Another heavy question.

 

As we ponder her thoughts, her frustration and longing for an answer become more evident in her body. In what seems like a way to release the tension, she stands up and begins to dance as Beyonce's "Drunk in Love" blasts through the speakers. It's almost comical the contrast created between the quiet, intimate setting we were first introduced to. However, her dancing holds no humor. She begins with offering gestures, reaching her hands out to us from her heart, then shyly drawing them back in towards her chest. After this tender moment, she begins to dance with sporadic movements, causing a disparity between her and the music. She finishes, and calmly goes back to the table and sits down. 

 

After another brief one sided conversation with us, she draws our attention to the bottle of liqueur accompanied by a small shot glass sitting on the table. She repeats something her grandfather once said to her, "without courage, no connection is possible". 

 

As her words resonate through the room, she takes another moment to look at us. She holds a series of 'toasts', each one with a different significance. Every time she drinks a shot, she holds the glass up high before throwing it back, scrunching up her face as she swallows. In a sort of 'drunken' trance, she gets up to have another dance break, this time moving with more ease and controlled energy. When she's done, she sits once more, and raises her glass in a final toast "to return to love". Though we cannot toast with her, the energy in the room is light and hopeful; perhaps her courage to connect is contagious. 

 

After a brief intermission, we are reintroduced to the space, though now it is empty. Grėtė enters the stage once more, carrying a chair. She sits down in the center of the stage. Altogether, we take a moment to reacquaint ourselves by observing one another. 

 

Her mouth twitches and she begins by telling us her grandfather's story. Her voice is filled with passion as she explains how he was taken by the Soviet Union at a young age, how life at that time was to be lived in fear. She continues to speak as she shares with us her fondest memories with her grandfather. Placing the chair aside, she begins to dance. Through her movements, we experience her joy of being on a swing, playing in shallow water and taking a walk through a meadow. There is a moment where she jumps repeatedly, her expression childlike and carefree. As she calms down and her movements become less, her eyes seem to be still full of questions. She asked us before "How can I dare to think you won't understand?"...but do we? 


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