Text zu "reinkommen on screen" (2.-4. Oktober 2020) von Anuya Rane

 

Vom 2. bis 4. Oktober 2020 stellten Katherine Leung und Petros Tzekos ihre Recherchearbeit "Code" im Rahmen von "reinkommen on screen" vor.


Die Fotos zur Performance, die vom ada Studio in den sozialen Medien veröffentlicht worden waren, hatte ich schon gesehen. Zum Glück gab es keine Zusammenfassung (ich vermeide es meistens, die Beschreibung vor der Veranstaltung zu lesen). Erwartungen an die  Performance hatte ich daher nicht. Gleichwohl wusste ich, dass es hauptsächlich um Tanz geht. Ich muss euch in mein Geheimnis einweihen: ich bekomme einen Adrenalinstoß, wenn ich die schönen, knochenhart trainierten Körper beharrlich tanzen sehe. Dazu kam noch die live Musik. Ein perfektes Paket.


Der Raum ist nackt. Er erhält ästhetisch ansprechend Tageslicht und sogar Sonnenstrahlen auf den Tisch, auf dem unterschiedliche, ungewöhnliche Schlaginstrumente warten, um geschlagen zu werden. Daneben steht der Musiker Petros Tzekos mit den Trommelstöcken in den Händen. An der anderen Seite des Tisches, mitten im Raum, nicht weit entfernt vom Tisch, erscheint die Tänzerin Katherine Leung. Da die Performance gefilmt ist, schwenkt die Kamera durch den Raum, um alles nach und nach sich entfalten zu lassen. Aber (ich hätte es fast vergessen) ganz am Anfang, nach dem Titel, wurde ein Bild mit Code-Sprache eingeblendet. Während der gesamten Aufführung erscheinen weitere solcher Zeichen immer wieder auf dem Bildschirm. Selbstverständlich, das Stück heißt "Code". Was für ein Code das ist, verstehe ich nicht ganz genau. Manche Zeichen sind meiner Meinung nach aus der Braille-Schrift. Manche sollen Morsezeichen sein, laut Google. (Ich habe nach "Braille Zeichensprache" gesucht.) Konnte ich die Schrift noch erkennen, sind die Sprachen mir komplett unbekannt. Anderseits, die Körpersprache beherrsche ich. Ob es dazwischen eine Verbindung gibt, werde ich peu à peu erfahren.     
Die ästhetisch strukturierten Bewegungen von Katherine, die eine sogenannte Code-Sprache darstellen, machen mich neugierig. Das elektronische Brummeln, zusammen mit dem Klang von Trommeln, führt mich in die Phantasie-Welt von japanischem Theater, Kabuki und Nō. Vor meinen Augen entfaltet sich ein wunderschönes Bild eines blühenden Waldes, in dem die Geräusche von Kolibris widerhallen.
Plötzlich ist die Atmosphäre anders. Die kodifizierte Körpersprache wird weicher und zarter. Die Tänzerin bewegt sich wie eine Marionette. Die Bewegungen wirken lyrisch, nahezu meditativ, bevor es alles stürmisch wird. Dann werden sie wieder scharf und kantig, getanzt zu einem speziellen Rhythmus, der, wenn er getrommelt wird, automatisch den Puls erhöht. Nun tritt die Tänzerin als Kämpferin auf.


Für mich ist die Beziehung zwischen Musik und Bewegung ein ewiges Rätsel. Verkörpert der Tanz die Musik oder umgekehrt? In diesem speziellen Fall schafft jede*r seine* eigene Struktur, wenngleich sie versuchen, gemeinsam die Zeichen zu entziffern, die wir gerade auf dem Bildschirm gesehen haben. Ich bin nunmehr fest davon überzeugt, dass Klang und Tanz eine Verbindung zur Code-Sprache herstellen können.


Katherines Choreografie, die Wahl der Bewegungen, hat buchstäblich zu mir gesprochen. Ob sie tatsächlich die Zeichensprache Wort zu Wort übersetzt, kann ich nicht sagen. Dennoch, die sich wiederholenden Phrasen entwickeln ein klares Bild. Ihre raffinierten Bewegungen machen fast süchtig. Die beiden Medien, Tanz und Musik, kreieren ein interaktives Spiel. Petros, mit seinen vielfältigen Schlaginstrumenten, experimentiert mit Ton, Tempo und Tonalität, indem er versucht, ein musikalisches Muster zu konstruieren.


Die Idee, Musik und Tanz zu kodieren, ist nicht neu. Die beiden Kunstformen sind in sich sehr methodisch und mathematisch. Sie lassen sich leicht notieren. Die Noten und auch die Labanotation sind eine Art von Code. Sicher, die Labanotation ist eigentümlich. Aber jede*r Tanzschaffende findet seine* eigene Methode, seine* Bewegungen zu notieren. Interessanterweise ist der Unterschied zwischen den Kunst-Zeichensprachen und wörtlichen Zeichensprachen sehr deutlich. Die erstgenannten sind visuell und akustisch, während die letztgenannten sensorisch sind. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass die sensorischen Zeichen über einen bestimmten Zweck und eine spezifische Nützlichkeit verfügen. Die Herausforderung, die zwei Welten miteinander zu verweben, ist gewiss sehr spannend.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

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