Text zu NAH DRAN extended: CoOrientation (2./3. April 2016) von Johanna Withelm

 

 

Endlich ist es Frühling geworden, das erste Mal ohne Schal und Mütze und mit freien Knöcheln laufe ich, von einem Kindergeburtstag mit zehn 5-Jährigen kommend, beschwingt ins ada Studio, gerne widme ich mich jetzt Erwachsenendingen: Heute Abend ist das eine Ausgabe von NAH DRAN extended, diesmal unter dem Titel CoOrientation zusammengefasst. NAH DRAN extended bietet immer wieder eine schöne Ergänzung zu der herkömmlichen NAH DRAN-Reihe, weil es zwar ebenfalls drei etwa 20 Minuten-Stücke präsentiert, dabei aber immer einem übergreifenden Thema folgt. Diesmal sind es die drei Choreographinnen Lee Meir, Julia Rodríguez und Annegret Schalke, die ein gemeinsames Interesse am Zusammenkommen von Empfindung und Sprache teilen. Die drei kennen sich von ihrer Zeit am HZT Berlin (Abschlussjahrgänge 2013 und 2014) und nutzen diese Plattform nun, um jeweils ein Solo zu kreieren, das seinen Ausgangspunkt in der Frage nach den verschiedenen Ebenen von Tanz und Sprache hat.
Den Anfang macht Annegret Schalke mit ihrem Solo Fox Dance, in der hinteren linken Ecke des Raums an die Wand gelehnt steht sie da. Trust. Love. Financial crisis. sind die ersten Worte, die aus ihrem Mund kommen. Es ist der Beginn einer ganzen Schar von Worten, die Annegret ausspricht, und die erstmal den Eindruck hinterlassen, es gehe nicht unbedingt um die Bedeutung der Worte, vielmehr um die performative Kraft des Aus-Sprechens – mal möglichst neutral, mal gehaucht, geseufzt oder herausgepresst. Space. Noise. Vision. Security. Training. Reporting. Drama. Die Verbindung der Worte untereinander und die spezifische Sprech-Art birgt manchmal eine Komik, wenn etwa trockene, eher unemotional behaftete Worte dramatisch herausgerufen werden. Die Körperbewegungen von Annegret Schalke wirken echsenartig, erinnern mich an Reptilien oder andere Kriechtiere, bleiben jedoch im Grunde angedeutet. Wenn das Aussprechen der Worte in ein Extrem geht, etwa mit aller Kraft aus dem Mund herausgepresst wird, bekommt die Bewegung jedoch etwas existenzielles: Der ganze Körper wird in Anspruch genommen, als ob die Arme, Beine, der Rumpf mitarbeiten, um das Wort unter Anstrengung über die Lunge durch den Mund aus dem Körper hinaus zu befördern.
Ein irritierendes Element ist das Kostüm. Eine ausgeleierte beigefarbene knöchellange Ripp-Unterhose, ein hineingestecktes weißes Ripp-Unterhemd, dazu einige schlecht befestigte rote Extensions in den kinnlangen braunen Haaren, was dann eben auch aussieht wie ein brauner Pagenkopf mit ein paar absichtlich schlecht befestigten roten Extensions. Die Frage nach einem Understatement in Richtung Anti-Fashion oder ein Pro-Statement für mehr körperliche Diversität auf der Bühne durch „unvorteilhafte“ Bekleidung drängt sich mir kurz auf, vielleicht ist es auch nichts davon, die Irritation bleibt.
Annegret Schalke wechselt schließlich in privatere Manier, sie wendet sich dem Publikum zu und erzählt, wie sie den Fuchs kennengelernt hat (der Fuchs ist eine she/sie). Wie die Füchsin ihren Vater aufaß und sie die Füchsin töten musste, die daraufhin aber irgendwie trotzdem da blieb. Sie (Annegret) musste dann ein Anti-Fuchstraining absolvieren, und der Zorn bleibt, für immer, geht quer durchs Land... Alle Worte, die im ersten Teil des Solos einzeln ausgesprochen wurden, finden in dieser Geschichte von der Begegnung mit der Füchsin ihren Platz und so im Nachhinein ihre Bedeutung. Ein Konzept, das am Ende aufgeht und mir als Zuschauende nachträglich eine Form der Befriedigung verschafft – womit ich aber nicht sagen möchte, dass die Wahrnehmung von Tanz eine wie auch immer geratene Verstehensleistung beinhalten soll, im Gegenteil –, aber „funktionieren“ muss es eben trotzdem. Annegret Schalke trägt ihre Erzählung mit angenehm ruhigen Habitus und ohne Ironie und Schalk vor, was sich auf Grund des schrillen Inhalts leicht aufdrängen würde. Schön ist auch, dass die konkrete Geschichte am Ende sowohl einen Link zum ersten (abstrakten) Teil des Solos schafft, als auch viele weiteren Assoziationspfade eröffnet und mir sogleich seltsame Topics wie ungesunde Liebe, Sucht, destruktive Beziehungsmuster in den Kopf schwirren, aber eben auch wieder vergehen – die Gefahr einer peinlichen Thematisierung dessen besteht hier nicht, denn dafür bleibt die Erzählung zum Glück nicht eindeutig genug.
Bevor das zweite Solo beginnt, folgt ein überraschendes Intermezzo von allen drei Beteiligten in Form eines gesprochenen Kanons. Ein einziger Satz, den ich ungefähr als „As long as things go by... will move and stretch and try“ erinnere, wurde immer wieder in mehreren Tonlagen, simultan, versetzt, überlagernd mit drei Stimmen vorgetragen – ein verbindendes Element zwischen den Arbeiten der drei Frauen.
Das zweite Solo fourteen functional failures von der Israelin Lee Meir entstammt laut Abendzettel einer 14-teiligen Serie des Scheiterns, aus der sie heute Abend n#4 und n#5 präsentiert. Bekleidet mit knallgelber Cargohose, roten Socken und farblich in hellblau abgestimmtem Oberteil + Rucksack steht sie im Raum und beginnt, mit den Händen in den Hosentaschen, leicht zu wippen. Das Wippen bewirkt ein Geräusch, das aus dem Rucksack kommt, dessen Inhalt durch das Wippen hin und hergeschüttelt wird. Dieser Effekt, der zunächst recht banal scheint, nimmt Fahrt auf, indem Lee Meir immer heftiger wippt, den Oberkörper seitlich hin- und herschmeißt, so dass der Rucksackinhalt in wechselndem Rhythmus und Intensität herumgeschleudert wird. Lee Meir hält die Arme hoch in die Luft und schwenkt heftig den Rumpf hin und her, beugt sich vorne über, und führt sämtliche Bewegungen des Körpers durch, die den Rucksackinhalt zum Tönen bringen, experimentiert mit diversen Zusammenhängen zwischen Körperbewegung und Rucksack-Krach. Die Bewegung geht über in ein Springen, durch das sich in den Hosentaschen befindende Münzen scheinbar hochhopsen und ein lautes Klimpergeräusch erzeugen, was alles zusammen zu einem komplexen Klang- und Bewegungskonzert von Münzen, nicht sichtbarem Rucksackkram und (Körper)bewegung führt. Die Bewegungs- und Tonexperimente sind präzise und gut gearbeitet, es ist offensichtlich, dass Lee Meir sich mit einem ehrlichen, dringlichen Forschungsinteresse dieser Körper-Klang-Arbeit gewidmet hat. Als sie schließlich aufhört, sich zu bewegen und die Zuschauenden folglich Stille erwarten, erklingt ein Ton, der an das Geräusch einer technischen Rückkopplung erinnert und auf einer Art Meta-Ebene einen schönen elektronischen Nachhall der mechanischen Klänge von zuvor bildet. Anschließend beginnt ein zweiter Teil, in dem Lee Meir zunächst den gesamten Inhalt ihres Rucksacks auspackt und um sich herum platziert. Zum Vorschein kommt sämtliches Geschirr im Mini-Format, verpackte Reißzwecken, Fahrradlicht, Thermoskanne, eine aufziehbare Spielente, zwei elektrische Zahnbürsten und vieles mehr. Eine Plastik-Wäscheleine ist auch dabei, die nimmt Meir in die Hand und schwingt sie über ihren Kopf wie ein Lasso, so dass deutlich hörbarer Wind erzeugt wird. Dieser Wind bildet den Klangteppich für alle weiteren Experimente, die Meir, fortan einhändig, mit den restlichen Objekten durchführt, unter anderem eine Klangmelodie produziert mit Münzen, die in verschiedene Tassen und Dosen geworfen werden und ein Vibrationskonzert von Zahnbürsten und aufgezogener Spielente. Durchaus ist es auch das Scheitern, das hier sichtbar wird, einige Klänge funktionieren nicht, einige Münzen treffen nicht das Zielobjekt, alles ist erschwert durch das permanente Schwingen des „Lassos“ über dem Kopf.
Lee Meir arbeitet sich hier an ihren akribisch vorbereiteten Klang-Körper-Experimenten ab und gerät damit an die Grenzen des Machbaren, das ist spannend anzusehen. Ein weiterer Teil der Reihe fourteen functional failures, n#9, wird am 27. Mai im Ausland aufgeführt.
Das dritte und letzte Solo für heute trägt den Titel A dusty piece of humanity und beginnt nach der Pause im Foyer. Die mexikanische Choreographin Julia Rodríguez stellt sich auf einen Hocker und spricht zu uns. Vielmehr sind es nur einzelne Worte, die sie uns zuspricht. Friends. Collegues. Lovers. Love. Table. Room. Door. Eyes. Ähnlich wie Annegret Schalke lässt sie die (scheinbar) bezuglosen Wörter nebeneinander im Raum stehen, jedoch konzentriert sie sich weniger auf den performativen Akt des Aus-Sprechens, sondern spricht vielmehr uns Zuschauende persönlich an. Nacheinander blickt sie einzelnen Zuschauer*innen in die Augen, während sie ein Wort ausspricht, ihre Stimme ist gleichbleibend weich, im Gesicht ein freundliches Lächeln. Julia Rodríguez sagt Please follow me und das Publikum strömt wieder in das Studio, dessen Setting sich überraschenderweise verändert hat: Der Bühnenraum wurde etwa um ein Viertel verkleinert, die Stühle sind um ein quadratisches Feld herum aufgebaut, die Zuschauer*innen sitzen nun näher am Bühnenrand. Der etwas intimere Rahmen passt zum Erscheinungsbild und zu der beruhigenden Präsenz von Julia Rodríguez, die in einer weißen Hose und weißer kittelartiger Bluse an Arztpraxis erinnert, oder im Zusammenspiel mit dem Bühnensetting gar an schamanische Heil-Rituale. Die Haare, die im Foyer noch zum Zopf gebunden waren, sind nun offen, auch hier ein kleiner irritierender Moment, weil es aussieht, als wären die glänzenden schulterlangen Haare mit Pomade oder Wachs eingerieben(?), aber lassen wir das. Julia Rodríguez spricht weiter zu uns, diesmal werden die Hauptwörter miteinander verbunden, etwa: From friends to colleques, from colleques to friends, from friends to lovers...Die From x to y-Version wird mit mehreren Wörtern aus der Foyersituation durchgespielt. Ähnlich wie beim ersten Solo von Annegret Schalke findet eine Wiedererkennung von Worten aus Teil 1 statt, nur, dass hier im Gegensatz zu Fox Dance keine stringente Erzählung stattfindet, sondern das Zusammenspiel der Worte eher ein diffuses assoziatives Feld eröffnet. Dies macht es mir sogleich schwer zu folgen. Ich erinnere nur Bruchstücke: Das Wort Infinity ist mehrmals gefallen, und Gold. Ich meine auch childhood gehört zu haben. Eine Freundin von mir meint, sich zu erinnern, einen Satz wie And in Gold there is atom number 79 and you will not stop counting it and in there is infinity gehört zu haben. Von Atomnummern erinnere ich nun gar nichts, aber das counting kommt mir auch bekannt vor... Die Frage, was von einer Aufführung im Körper der Zuschauenden bleibt, wie sich die Live-Erfahrung in der Erinnerung fortschreibt und mitunter verändert, verzerrt wird, ist ein Phänomen, das mich grundsätzlich immer, aber bei Stücken wie diesen erst recht beschäftigt und nun beim Schreiben auch mal wieder herausfordert.
Julia Rodríguez bewegt sich während ihren Sprechpausen, diese Bewegungen erinnere ich nur noch schwach, sie erscheinen mir blass neben der Dominanz der Worte. Rodriguez selbst beschreibt ihr Solo als Ereignis an Worten, das eine Landschaft von Bildern und Narrativen formt. Diese Landschaft bedurfte im Moment der Aufführung auch einer Menge an Konzentration und sprach mich dennoch, oder gerade deswegen wenig an. Am Ende blieb es für mich bei einer Anhäufung von Worten, die zwar Bilder und Assoziationsketten eröffnen können, aber im Grunde doch unverbunden nebeneinander stehenbleiben und deren Verbindung mit dem Körper und der Bewegung für mich nicht herzustellen war.
Das Besondere an diesem Abend jedoch war ganz klar der Bezug und die Verbindung zwischen den drei Arbeiten, und zwar nicht nur durch das übergreifende Thema sondern vor allem auch wegen der drei Frauen selbst, denen man anmerkt, dass sie sich gut kennen und sich gegenseitig im Arbeitsprozess unterstützt und begleitet haben. Insofern bietet NAH DRAN extended, neben der Möglichkeit, seine Arbeit einem Publikum zu präsentieren, auch eine gute Plattform, um sich bereits während der Produktionsphase gegenseitig zu begleiten und gemeinsame Interessen in einen Prozess des Austauschs zu bringen. Das ada Studio schafft hiermit einen Arbeits- und Präsentationsraum, der gerade für fertig ausgebildete aber (momentan) nicht öffentlich geförderte Choreograph*innen enorm wichtig ist.

 


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

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