Text zu 10 times 6 (14./15. November 2015) von Johanna Withelm

 

 

„10 times 6” ist immer schnell und viel. Innerhalb kurzer Zeit bekommt man eine Arbeit nach der anderen zu sehen, ob work in progress oder ausgearbeitete Kurzstücke. In dieser Ausgabe waren Improvisationsarbeiten, Lecture Performances und konzeptuelle Ansätze dabei und sogar etwas, das wie Showtanz anmutete. Zu sehen gab es sechs Soli und vier Duette, keins wie das andere. Los geht’s:
Die beiden am HZT studierenden NachwuchschoreographInnen Miriam Kongstad & Marc Philipp Gabriel eröffneten den Abend mit einem Duett: SYMAx11 and the Choir of Informational Flow gibt sich als eine Mischung aus Performance, Objekt-Installation und Mini- Oper. Hauptakteure sind neben den beiden KünstlerInnen eine kleine Drone, die von Marc Philipp Gabriel gesteuert wird und im Raum umherfliegt, mehrere Stapel Zeitungen und der Klang italienischer Opernmusik. Das besondere Etwas bildet hier ein dem Programmheft beiliegendes Libretto, das die Zuschauenden parallel lesen können und das den Ablauf des Stücks minutiös vorausgibt. Die auf der Bühne auftauchenden Elemente bekommen im Libretto jeweils eine der Oper entlehnte Bezeichnung: So wurden Kongstad und Gabriel zur „Female Figurine“ und zum „Male Actor“, die Drone zu „SYMAx11“ und die Stapel Zeitungen zum „Choir of Informational Flow“. Viel passiert gar nicht, außer exakt geplante Auf- und Abgänge der verschiedenen Elemente sowie Gesang am Ende: „O Sole Mio” singen Kongstad und Gabriel beim Hinausgehen zum Abschluss. Die im Abendzettel angekündigte Beschäftigung mit den Grundzusammenhängen der posthumanen Gesellschaft – denen zwischen Mensch und Technik – wurde in leisen Verweisen wie Drone/Fernsteuerung, Zeitung/Informationsfluss auch deutlich. Gebrochen wurde dieser politische Anklang der Arbeit jedoch sehr schön durch eine poetische Opernästhetik, die durch die unaufgeregte und reduzierte Attitüde der PerformerInnen und die penible Anordnung der Elemente dabei nie ins Kitschige glitt.
Der Wechsel zum zweiten Stück hätte dann härter nicht sein können: Die spanische Schauspielerin, Tänzerin sowie Yogalehrerin und Gestalttherapeutin Maria Ferrara zeigt ihr instant composition solo. Das irgendwie klassische Tanzkostüm (Rock über dreiviertel Strumpfhose farblich Ton in Ton) und die expressive Bewegungssprache erinnert mich erstmal an Tanztheater von vor 20 Jahren. Das instant compositioning, eine Improvisationsmethode, bei der der erlebte Moment (das Jetzt) im Vordergrund steht und der Schaffensprozess live vor Publikum stattfindet, erfährt jedoch auch gerade heute wachsende Beliebtheit, und in Zeiten, in denen Live-Erfahrung und Performativität die Stichwörter des zeitgenössischen Diskurses bilden, ist das auch durchaus relevant. Maria Ferrara experimentiert bei ihrem instant compositioning viel mit Stimme, Sprache und, wie sie selbst sagt, auch mit Bildern und Atmosphären. So sehen wir sie springen, sprechen, flüstern, hüpfen, gleiten, stampfen, drehen – der Funke springt jedoch nicht so recht zu mir über. Insgesamt zwar ein sympathisches Improvisationssolo, bei dem aber auch, ich kann mir nicht helfen, eine etwas veraltete Tanztheater-Ästhetik mitschwingt.
Das nächste Solo Pause to Coffee System von Sophia Frenzel, frische Absolventin der ArtEZ hogeschool voor de kunsten in Arnhem/Niederlande, habe ich sehr genossen. In Trainingskleidung betritt sie die Bühne und klebt sich Gaffa-Tape auf ihre Brille und ihren Mund. Dann vollzieht sie eine strenge Abfolge von Exercises: Pliés, Tendus, Battements, Übungen am Boden, Drehungen und so weiter. Streng und beinahe stoisch arbeitet sie sich an den Übungen ab. Dazu läuft großartigerweise Tupacs „How do you want it“, ein Hip Hop-Song von 1996, verstaubt, aber doch im kollektiven Gedächtnis einer Generation eingebrannt – ein perfekt absurder Begleiter für die unerschütterlichen Trainings-Exercises. Mehr passiert dann auch nicht, was auch genau das Schöne an der Arbeit ist. Auch wenn ich das Gefühl habe, hier verarbeitet jemand seine Zeit des „maschinenhaft funktionieren Müssens“ während der Tanzausbildung und in dieser Themenwahl vielleicht auch ein Hauch Naivität durchblinzelt, besticht Sophia Frenzel durch subtilen Humor und durch ausgesprochene Konsequenz in dem, was sie tut.
Es folgte ein interessantes Duett von Rosabel Huguet & Marcela Giesche, beide sind als Tänzerinnen, Choreographinnen und Dozentinnen in der Berliner Tanzszene schon fest verankert. In ihrem Stück Shuffle beschäftigen sie sich mit der Suche nach neuen Wegen, um sich miteinander zu verbinden und sich gemeinsam durch verschiedene performative Zustände zu bewegen. Huguet und Giesche tragen kabellose Kopfhörer, die mit einem Computer verbunden sind. Mit Jeans, Bluse und leichten Absatzschuhen verbreiten sie eher Alltag, in diesem Moment also zwei Allerweltsfrauen, die auch ich sein könnten. Sie beginnen ihre spontanen Improvisationen, die teils entrückt und abgehackt sind, mit schlackernden Extremitäten und komplizierten Körperposen, sie nehmen Kontakt miteinander auf, mal zögerlich oder nur aus der Ferne, und doch steckt jede in ihrem eigenen Film, beide wirken auf Grund der Kopfhörer merkwürdig abgeschottet von uns Zuschauenden. Rosabel Huguet und Marcela Giesche haben sich vom Phänomen der Verlagerung musikalischer Landschaften inspirieren lassen, die Menschen erleben, wenn sie während des Reisens Musik aus dem mp3 Player hören. Die Kopfhörer sind dann etwas, was diese Menschen von den Menschen um sie herum trennt, weil sie sich in eine andere akustische Umgebung begeben. So war das auch hier der Fall – die Verbindung, die zwischen den Beiden entstand, trennte sie automatisch von uns. Ich ging beim Zuschauen davon aus, dass die Musiktitel (die wir ja nicht hörten) im Shuffle-Modus abgespielt wurden und somit auch nicht zu steuernde Zufälle die Bewegungsgenerierung mitbestimmten. Eine thematisch und körperlich spannende kleine Bewegungsstudie.
Mit UnCOVERED woMAN von Julia B. Laperrière schloss sich ein nächstes Frauensolo an. Auch hier geht es um die Unfreiheit des (weiblichen) Körpers. Die aus Kanada stammende junge Choreographin Julia B. Laperrière trägt ein weißes weites Kleid und sitzt mit nach vorne hängendem Oberkörper mit einer weißen Tasche um den Hals auf dem Boden, Sie bewegt sich langsam, die Haare bedecken ihr Gesicht, dazu ertönt Schuberts „Ave Maria”. Langsam und zunächst uneindeutig bewegt sie die Finger, die irgendwann als Satansgruß sowie Stinkefinger zu erkennen sind und wieder vergehen. Nachdem Laperrière die Tasche langsam über ihren Kopf gezogen hat und dabei mehrere Äpfel aus dieser herausgefallen sind, setzt sie sich mit einem Kopfstand in die Tasche, das weiße Kleid unter dem sie nichts trägt, fällt herab und die nackte Hinterseite ihres Körper kommt zum Vorschein. Auch wenn Nacktheit mittlerweile oft als eine Art zeitgenössisches Kostüm gilt: in diesem Kontext (das Ave Maria, das weiße Kleid, der Kopf in der Tasche) wirkt der nackte Körper erschreckend entblößt, was mit Sicherheit auch so gewollt ist. Man merkt Julia B. Laperrière, die hier den Handel mit dem Körper der Frau und die Unfreiheit des Körpers thematisiert, ihre ernsthafte Beschäftigung damit an. Sie erzeugt beunruhigende Bilder, die mich unangenehm treffen. Die Pause, die nun folgt, kann ich gut gebrauchen.
Das erste Stück nach der Pause aber verlangt mir als Zuschauerin um so mehr ab. So eingehend wie Laperrière sich mit Körper und Macht beschäftigt hat, so wird dies hier scheinbar gar nicht reflektiert. Das Duett Why not? von Kinga Varga und Emese Nagy, deren selbst gegründete Compagnie den eher unsubtilen Namen DanceArt trägt, erschließt sich mir in keinster Weise. Im Abendzettel ist die Rede von Magie und Phantasie, von einem Leben ohne Kompromisse und von verborgenen Höhen und Tiefen. Die beiden Tänzerinnen, technisch sauber und kraftvoll in ihrer Ausführung, führen ein Spektakel auf, das mich an eine Mischung aus Peepshow und Fernsehballett erinnert. Der technisch-lyrische Tanz der beiden trifft auf einen dramatisch tiefgründigen Habitus im Auftreten: das Gesicht wird mal in Fratzen verzerrt oder Varga und Nagy beißen sich gegenseitig an ihren Oberarmen in die Haut. Sie tanzen getrieben durch den Raum, umarmen sich dramatisch, liegen aufeinander auf dem Boden, schmeißen aber in Showtanz-Attitüde kokett ihre Beine in die Luft und zeigen enthusiastisch, was sie können. Die Kleidung der beiden, schwarz-durchsichtige Oberteile und schwarze knappe Spitzenunterhosen, sprechen ihr übriges. Ich bin sprachlos.
Umso dankbarer bin ich dann für das Solo Electric Noir von Karen Harvey. Die amerikanische Tänzerchoreographin lebt seit einem Jahr in Berlin, lebte und arbeitete zuvor in New York und wurde in North Carolina ausgebildet. Karen Harvey erscheint im schwarzen Kleid und beginnt mit ihrem sanften, fließenden und auch schwermütigen Tanz. Harveys Bewegungsqualität zeichnet sich durch eine gewisse Schwere und Bodenverbundenheit aus, und trotzdem scheint ihr alles leicht von der Hand zu gehen, ohne Anstrengung zu transportieren. Sie arbeitet viel auf dem Boden, die organisch fließenden Bewegungen ziehen sich wie eine pulsierende Masse durch ihren Körper, das Ganze begleitet von dunkler elektronischer Musik. Etwas Düsteres umgibt Karen Harvey in ihrer Bewegung, und doch ist es ein Understatement, ein nur ganz leises Trommeln von Melancholie, das sich bemerkbar macht.
Erfreulich war dann das darauffolgende Duett The steps from around von der Schweizerin Yara Li Mennel und der Deutsch-Equadorianerin Lilly Pöhlmann. Beide an der Northern School of Contemporary Dance in Großbritannien ausgebildet, bezeichnen ihr Duett laut Abendzettel als eine Konversation zwischen Körper und Musik, in der die Frage entsteht, „auf welche Weise wir uns bewegen oder nicht bewegen, wenn wir in einer Partysituation oder auf einem Zusammentreffen sind“. Diese etwas sehr allgemeinplatzige Beschreibung mündet jedoch überraschenderweise in eine interessante Bewegungsstudie: Mennel und Pöhlmann starten nebeneinander stehend in der hinteren rechten Ecke des Bühnenraums und beginnen langsam, begleitet von clean anmutender elektronischer Musik, die Raumdiagonale abzulaufen. Dabei setzen sie stockend einen Fuß vor den anderen, mal zeitgleich, mal nacheinander, sie bewegen ihre Arme und den Oberkörper mit einer Art stockend abgehacktem Rhythmus und doch mit einer Weichheit und lässigen Eleganz in der Bewegung. Bei der vorderen linken Ecke des Raums angekommen, trennen sie sich räumlich mehr voneinander, lassen die Bewegung raumgreifender und dynamischer werden, verlieren aber nicht ihre exakt stockende und trotzdem weiche Bewegungsqualität, die mich sowohl an Roboter, als auch an streetdanceartige Isolationstechniken, als auch an organisch quallenartige Bewegungsmuster erinnert. Und auch die Kostüme der beiden, schwarz weiß gestreifte irgendwie britisch aussehende Röhrenhosen, schwarze T-shirts und silberne Glitzerpartikel auf Augen und Wangenknochen versprühen zeitgeistige Leichtigkeit und ergeben mit dem bewegten Material ein glamouröses, aber zugleich kühles und zurückgenommenes Gesamtbild. Bitte mehr davon!
Der Höhepunkt des Abends stammt allerdings von Maria Walser. Mit zwei Stühlen hereinpolternd beginnt sie ihr Solo Als wäre ein wahnsinnig schöner Gedanke dahinter. Sie stellt die Stühle hin und es explodieren plötzlich übertrieben extrovertierte Bewegungen aus ihr heraus, sie stürmt durch den Raum bis sie in unvorteilhafter Pose abrupt anhält und mit lockerer Stimme und privatem Erzählstil ihren großartigen Vortrag beginnt: „Äähm, ich weiß gar nicht, wieviel ich jetzt eigentlich sagen muss“ lautete der erste Satz ihrer Erzählung, die von nun an den Rest ihres Solos begleitet. Die Tänzerin und Schauspielerin Maria Walser, die sich in diesem Stück mit der Suche nach Lücken für die „Nichtrealitäten von Tatsachen“ befasst, erzählt von ihrem inneren Kampf mit den Strukturen der Welt, mit der existierenden Realität der sie umgebenden Dinge – sie tut dies mit selbstironischer Attitüde, wenn sie uns erklärt, dass sie ja schon weiß, dass der Stuhl ein Stuhl ist, dass sie sie ist und wir wir, dass sie nun aber weiter fortfahren muss, und dass ja auch alles irgendwie weitergehen muss. Oder wenn sie irgendwann, umständlich die Extremitäten über einen Stuhl gestülpt, den sie zuvor mit einem Seil mit dem anderen Stuhl verknotet hat, betont nachdenklich und abrupt von deutsch auf englisch schwenkt: „Maybe I should speak english. For the understanding. But actually its not about understanding....“ Aus dem Zuschauerraum immer wieder Gelächter, gegen Ende entschuldigt sich Maria Walser noch, dass diese Sache jetzt hier nicht besonders schön aussieht während sie angestrengt ruckartig, verhakt in zwei verknoteten Stühlen, sich samt Stuhl vom Boden ein Stück nach oben wirft. Ein wunderbar erfrischendes Solo über komplizierte Sachverhalte, das von Maria Walser in spitzfindiger Doppeldeutigkeit präsentiert wird: für mich und die Menschen um mich herum ein genussvolles Zuschauererlebnis.
Das letzte Stück an diesem Abend stammt von der an der Folkwang Universität der Künste und der Taiwan National Universität of Arts ausgebildeten Tänzerin Hung-Wen Chen, die seit 2010 als Ensemblemitglied im Volkstheater Rostock tanzt und nun auch eigene Projekte kreiert. Das Solo Talk with Coffer wurde bereits bei SOLOCOREOGRAFICO in Turin/Italien ausgezeichnet und handelt von einer Art Kasten, den man im Herzen trägt – eine Truhe, mit der man laut Abendzettel kommunizieren und die man mit Gedanken und Geheimnissen füllen kann. Hung-Wen Chen bringt diese Truhe, die wie eine schwarze Lautsprecherbox mit einem Spiegel an einer der Seiten aussieht, auch tatsächlich materiell auf die Bühne. Sie tanzt kraftvoll und technisch glänzend, mit einer weichen und feinen Qualität und präzise ausgearbeiteten Formen in der Bewegung. Sie tanzt mit ihrer Truhe, trägt sie schwer auf der Schulter, schwingt sie durch den Raum, schwebt leichtfüßig um sie herum. Hung-Wen Chen ist ohne Zweifel eine schöne Tänzerin, der man ihre Erfahrung und ihr tiefes Körperwissen ansehen kann, auch wenn mich die etwas naheliegende choreographische Umsetzung der „Truhe im Herzen“ in eine reale Truhe als Requisite und der dadurch entstehende pantomimische Ausdruck etwas irritiert.
Alles in allem war „10 times 6” für mich wie ein Rausch, schnell, intensiv und etwas zu viel, wie so oft bei Kurzstück-Formaten, doch gerade in dem Zuviel liegt ja auch die Kraft. Mein Kopf und Körper brummten noch beim Hinausgehen und ich bin voll von Eindrücken und Reaktionen darauf. Und nicht zuletzt mochte ich auch diese Kontrasthaftigkeit des Abends, an dem so viele unterschiedliche KünstlerInnen/ Arbeitsweisen/Ästhetiken aufeinander trafen und so mal wieder die Heterogenität und Vielschichtigkeit der Freien Szene auf den Tisch kommt.


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