Text zu NAH DRAN extended: Tanzstipendiaten (17./18. Oktober 2015) von Johanna Withelm

 

 

Dieses NAH DRAN-Wochenende war ein besonderes: Sechs der acht Tanzstipendiaten des vorangegangenen Jahres zeigten ihre Ergebnisse der mit Hilfe der Stipendien realisierten Arbeitsvorhaben an zwei Abenden. Das mit je 2.500 Euro dotierte Tanzstipendium vergibt die Kulturverwaltung des Berliner Senats bereits seit Anfang der 1990er Jahre für die künstlerische Entwicklung von professionell arbeitenden Tänzeri*nnen und Choreograf*innen. Unterstützt werden Vorhaben im Bereich des zeitgenössischen Tanzes, wie zum Beispiel Recherchevorhaben, In- und Auslandsaufenthalte zum Zweck der Weiterbildung oder die Teilnahme an Workshopprogrammen. Die Stipendiaten des Jahres 2014 waren Dragana Bulut, Mariola Gröner, Juan Gabriel Harcha, Jorge De Hoyos, Anna Nowicka, Carlos Oliveira, Benjamin Pohlig, und Maria Francesca Scaroni – ausgewählt wurden sie von einer Jury, diesmal bestehend aus Wibke Janssen (Künstlerische Leiterin Dock 11 EDEN*****), Kirsten Maar (Tanzwissenschaftlerin, FU Berlin) und Peter Pleyer (2007-14 Kurator für Tanz, Sophiensaele Berlin). Für die Stipendiaten bietet sich hier bei „NAH DRAN extended: Tanzstipendiaten“ eine Plattform für die Artikulation ihrer Arbeit/Recherche vor einem Publikum, die unabhängig von einer Stückentwicklung stattfinden kann, und das Publikum bekommt einen spannenden Einblick in die Arbeit der Stipendiaten. Gerade für die Arbeiten, die nicht auf eine Stückentwicklung mit öffentlichen Vorstellungen abzielen, ist dieses Format deswegen wichtig und einzigartig, weil a) es die Künstler*innen dazu bewegt, ihre Arbeit trotzdem (mit) zu teilen, ihr eine Form zu geben, und b) die Besuchenden die Möglichkeit haben, zu erfahren, wie und woran die Stipendiaten, die ja auch immer einen Querschnitt durch die derzeitige Szene repräsentieren, arbeiten.
Mein Weg führt mich an diesem Wochenende also ausnahmsweise Samstag und Sonntag ins ada Studio und es gibt, wie der Zusatz „extended“ schon sagt, nicht wie sonst drei, sondern insgesamt sechs Arbeiten zu sehen. Um etwas vorweg zu nehmen: Alles in allem war das Programm, was die ästhetische Linie betrifft, recht homogen. Es handelte sich, eine Videoarbeit ausgenommen, ausschließlich um Soli, allesamt Lecture Performances. Das Format Lecture Performance hat zum Einen im Bereich Tanz/ Choreographie schon seit Jahren Konjunktur und ist zum Anderen sicher auch naheliegend, wo es um das Präsentieren der Ergebnisse von Stipendien geht. Doch als Zuschauerin fällt es mir persönlich oft schwerer, lange zuzuhören als mich Bewegungen hinzugeben, das hängt mit persönlichem Interesse und entsprechenden Seherfahrungen zusammen und wird bei mir noch verstärkt, wenn der zu hörende Vortrag auf englisch gehalten wird, was auf Dauer noch mehr meiner Konzentration bedarf. Fünf von sechs Stipendiaten hielten ihren Vortrag auf englisch (was nicht weiter verwunderte, da die internationale Tanzsprache englisch ist), die Ausnahme war Juan Gabriel Harcha, der deutsch sprach, und sich dafür fast noch entschuldigte.
Alle Performer*innen zeichneten sich durch einen starken selbstbewussten Habitus aus, der bei der ein oder anderen Präsentation in gewissen Momenten vielleicht auch einer Art von Selbstgefälligkeit ähnelte. Ein weiteres Merkmal war ein augenscheinlich herrschendes Interesse an „esoterischen“ Themen wie dem energetischen Körper, schamanischen Praktiken/ Heilungspraktiken sowie Traumforschung. Auffällig war außerdem die Stimmung im Publikum. Während am Samstag noch ein etwas gemischteres Publikum anzutreffen war, waren am Sonntag gefühlte 90 Prozent der Zuschauer*innen Tanzschaffende – der Eindruck, die Szene produziert hier in erster Linie für sich selbst, ließ sich nicht ganz wegwischen.
Ich habe diese NAH DRAN-Ausgabe aber sehr genossen. Ja, ich war streckenweise angestrengt, aber auch hier und da ergriffen und entzückt. Alles in allem waren es für mich zwei sehr intensive und dichte Abende, die aufreibend, aber auch spannend waren.
Die Eröffnung bildete an beiden Abenden die Videoarbeit „Visiting Anna” von Mariola Groener, eine Hommage an Anna Halprin (geb. 1920), US-amerikanische Tänzerin/ Choreographin und Wegbereiterin für transdisziplinäre Arbeiten im zeitgenössischen Tanz sowie Pionierin der Heilungsbewegung durch expressive Kunst. Mariola Groener, selbst aus der bildenden Kunst stammend und seit 2001 mit dem Tänzer Günther Wilhelm als Choreographenduo WILHELM GROENER verbunden, schreibt im Abendzettel, berührt und fasziniert zu sein von der enormen Präsenz Anna Halprins – es entstand der Wunsch, diese Frau kennenlernen, von ihr zu lernen. Mit dem Tanzstipendium machte Mariola Groener sich auf nach Kalifornien, um im Juni 2014 an dem von Halprin geleiteten Sommer-Workshop „Stärkung von Kreativität durch Bewegung, Metaphern und Tanz“ teilzunehmen. Der Film „Visiting Anna“ besteht aus geschriebenem Text, Mariola Groeners Off-Stimme und eine Aneinanderreihung von Fotos, er versteht sich sowohl als eine Art Workshop-Dokumentation, als auch als ein leiser Tribut an das Werk von Anna Halprin. Nach einigen Text-Einspielern über Halprins Leben und Arbeit liest Mariola Groener aus dem Off den Brief vor, den sie zuvor an Halprin geschrieben hatte, sie stellt sich vor und erklärt, warum sie von ihr lernen will, von ihrer beeindruckenden Lebensgeschichte, ihrer Arbeit und ihr Wissen über den Körper und dessen eigenes Heilungspotential. Ein paar Einspieler zeigen, wie Halprin auf der Feier an ihrem 95. Geburtstag auf ihrer Terrasse tanzt, eine beeindruckende Aufnahme, die die Lebensenergie und künstlerische Weisheit dieser besonderen Frau erahnen lässt – leider sind diese Einspieler nur sehr kurz und lassen die Zuschauenden nur bruchstückhaft folgen. Es folgen einige Fotografien des Workshops, die die eindrucksvolle Umgebung des Mountain Home Studio in Kentfield/Kalifornien zeigen, sowie die Teilnehmer*innen mit spielerisch indianerartigem Kopfschmuck, der ebenso an phantastische Waldgeschöpfe erinnert, mit Schüsseln voller Früchten im Kreis umhergehend. Ein erster Eindruck entsteht, und doch wünschte ich mir als Zuschauerin ein wenig mehr über Halprins Arbeitsansatz, über Mariola Groeners Erfahrung und über das, was im Workshop geschah, zu erfahren. Die Bilder machen mich neugierig, lassen mich aber auch auf Distanz. Trotzdem eine respektvolle, persönliche und liebevoll gestaltete Videoarbeit, die das Interesse an der Person Anna Halprin auf jeden Fall weckt.
Der zweite Programmpunkt am Samstag, „Channeling Sara Shelton Mann – the smuggler, the storm, the mad healer” von der italienischen Tänzerchoreographin Maria Francesca Scaroni ist eine Lecture über eine Recherchearbeit zu Sara Shelton Mann, auch sie eine US-amerikanische Tänzerin, auch sie bewegt sich im Kontext des postmodernen Tanzes, wenn auch weniger bekannt und wesentlich jünger als Halprin. Scaroni, die übrigens auch Literatur studiert hat und nun u.a. am HZT Berlin sowie in diversen freien Ausbildungsprogrammen unterrichtet, beginnt ihre Lecture Performance auf einem Stuhl sitzend. Sie trägt ein an Charlie Chaplin erinnerndes Outfit: schwarze Hose, Ringeloberteil, schwarzes Jackett, Mundharmonika. Es folgt ein kurzer Stuhltanz, bestehend aus grotesken marionettenhaften Bewegungen – Scaroni rutscht auf dem Stuhl herum, schmeißt ihre Extremitäten explosiv, aber exakt in den Raum. Nach der kleinen Tanzeinlage, wie sie in den zwanziger Jahren in Revues hätte vorkommen können, steht Scaroni auf und beginnt ihren Vortrag. Sie erzählt, dass sie das Stipendium genutzt hat, um nach San Francisco zu fliegen und dort für zwei Monate Leben und Tanz mit Sara Shelton Mann zu teilen, eine Tänzerin, Choreographin, Schreibende, und Heilerin. Scaroni beschreibt Sara Shelton Mann als Hybrid. Sie sei Poetin, Visionärin, eine Mischung aus Hippie und Punk und eine schlechte Geschäftsfrau. Sie erzählt von ihrer Zeit mit dieser Frau, und wie deren Beschäftigung mit Energetic Healing, Chi Cultivation, körperlichen Berührungen, Schreiben und der Idee eines energetischen Körpers sie selbst beeinflusst hat. Die charismatische Maria Francesca Scaroni, ganz Bühnenmensch, nimmt dabei den Raum für sich ein, spricht laut und selbstbewusst, erzählt improvisiert und unvermittelt drauf los, springt hin und her in ihrer Erzählung – ich muss zugeben, dass ich teilweise Schwierigkeiten hatte zu folgen. Anschließend zeigt sie einen Ausschnitt aus einer von Shelton Manns Performances, die schon immer auch eine politische Dimension hatten: Die Performance stammt von 1989 und fand auf einem leeren Grundstück in San Francisco statt. Eine chaotische Gruppe besetzt ein brachliegendes Stück Land mitten in San Francisco und vollzieht darin eine nahezu ritualhafte Performance mit irritiertem Laufpublikum drumherum, um auf den fortschreitenden Schwund der Räume für Kunst hinzuweisen. Scaroni, die Sara Shelton Mann als Katalysator für Transformationen der letzten 30 Jahre im sich stets wandelnden San Francisco beschreibt, nutzt hier interessanterweise zum Schluss die Gelegenheit, um die Parallele zu Berlin zu ziehen, die Stadt, in der genau das jetzt passiert: Nischen und Räume für die Kunst und ganz besonders für den Tanz werden kleiner oder verschwinden, die Kommerzialisierung wächst und besonders die freie Szene leidet. Ein schöner Transfer von Scaronis Recherche zur prekären Realität der Tanzschaffenden in Berlin. Maria Francesca Scaroni hat außerdem am darauffolgenden Tag noch einen zweistündige offene Klasse für Tänzer*innen angeboten, in der sie mit dem Material von Shelton Mann arbeitete, das von Qi-Gong-basierten physischen Mediationen, Atmung, und „hands on work“ inspiriert ist.
Der dritte und letzte Stipendiat für diesen Abend, Jorge De Hoyos, arbeitete im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängerinnen an einer Stückentwicklung, dessen erste Ideenskizze „An Apology for Losers” heißt. Der studierte Kulturanthropologe De Hoyos, der in Los Angeles geboren ist und in Berlin sowie San Francisco lebt, hat übrigens bereits einmal, welch ein Zufall, mit Sara Shelton Mann ein Solo erarbeitet. Heute beginnt er seine Lecture Performance mit einer Ankündigung, wieder den Katholizismus praktizieren zu wollen, um danach einen kirchlichen Text vorzulesen, es handelt sich um einen Katechismus, von dem ich wenig erinnere, vielleicht war es eine Art moralischer Wegweiser für die Rechtfertigung von Krieg. Daraufhin beginnt er, eine Geschichte aus seiner Zeit am College in Santa Cruz zu erzählen, in der er sich auf eine gewisse Art schuldig gegenüber einem schwarzen Mitstudenten im Wohnheim machte. Dieser bekam Probleme, weil er mit einem Mädchen Sex unter der Dusche hatte und dies nicht erlaubt war, De Hoyos schaffte es nicht, sich in irgendeiner Weise zu positionieren und der Mitstudent verließ das College. Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, kann ich nicht sagen, aber das ist hier auch nicht wichtig – De Hoyos leitet mit dieser Story seine Themen ein: revolutionäre Gewalt, Unterdrückung, den Begriff der Schuld. „I'm guilty!“ brüllt er durch den Raum und animiert die Zuschauenden, doch bitte ihre Schuld- Geschichten zu erzählen. Eine Zuschauerin hat mal ein Shampoo geklaut, ein Zuschauer hat einem netten Menschen versprochen, eine Rezension über ein Hotel zu schreiben und es nie getan, einer hat eine Freundin aus Egoismus zum Weinen gebracht. Nach jeder Geschichte brüllt De Hoyos zufrieden etwas wie „Wooohoooo we are all guilty!“ Er rast durch den Raum, brüllt herum und hebt einen großen Stein in die Höhe um ihn brüllend fallen zu lassen, der Stein entpuppt sich als Knetehaufen und plumpst unelegant auf den Boden, an dieser Stelle muss ich wirklich laut lachen. De Hoyos rast noch weiter durch den Raum, dann erklingt so gar nicht passende melancholische Musik und er beginnt wehleidig zu gucken, verzerrt sein Gesicht und fängt an zu heulen. Dann öffnet er seine Hose und holt seinen Penis raus, schaut diesen missmutig an, um noch mehr zu heulen, viele Zuschauer*innen amüsieren sich köstlich. Ich bin auch amüsiert, frage mich im Nachhinein aber auch, ob man eigentlich als Mann immer noch seinen Pimmel rausholen muss. Den Rest der Zeit füllt De Hoyos mit gestammelten Beleidigungen in Richtung Zuschauer*innen, alle erdenklichen Visionen von fuck, fucker, you fuckers etc. werden ausprobiert, während der Penis immer noch über der offenen Hose umherbaumelt, alles in allem ein klägliches Bild, ein klägliches Bekenntnis von Schuld. Diese Performance war wohl das, als was sie im Abendzettel bezeichnet wurde: eine erste Ideenskizze. Es gibt das Bild eines Losers, eines Schuldigen, die Konfrontation der Zuschauenden mit ihrer eigenen Schuld, es gibt außerdem laut Abendzettel noch weitere interessante Bausteine in der Arbeit wie das Experimentieren mit Authentic-Movement-Improvisationen und diverse Literatur zu Unterdrückung und Apartheid. Noch fehlt mir beim Zuschauen etwas der rote Faden – ich bin dennoch gespannt, wie das vollständige Stück „Conduit“ im August 2016 im Dock 11 ausgehen wird und ich werde es mir auf jeden Fall anschauen.
Der Sonntag Abend wird erneut mit Mariola Groeners Film „Visiting Anna“ eröffnet, bevor die serbische Choreographin und HZT-Alumna Dragana Bulut mit ihrer Präsentation des Projekts „Return of the Zombie“ beginnt, die ich von allen Arbeiten an diesem Wochenende mit am meisten genossen habe. An einem Tisch mit Mikrofon und greller Beleuchtung sitzend, hält Dragana Bulut zunächst einen trockenen Vortrag über ihr künstlerisches Forschungs- und Performance-Projekt, welches aus einer Zombie-Trilogie besteht. Sie erzählt von der Figur des Zombies als Metapher unserer Subjektivität, von Zombies als Symbol von Entfremdung, Kapitalismus und Automatisierung, vom fragilen Verhältnis zwischen Realität und Fiktion – durchaus interessant, aber durch die trockene Art des Vortragens ist auch große Konzentration von Nöten, um inhaltlich zu folgen. Dragana Bulut verschluckt sich einmal kurz beim Sprechen, entschuldigt sich und spricht weiter mit der typisch leicht gepressten Stimme, die man hat, wenn man sich verschluckt. Sie versucht durch Husten die Stimme zu erleichtern und weiterzusprechen, bringt jedoch nur noch mehr gepresste Worte hervor – eine betretene Stimmung im Publikum. Der Grat, an dem es nicht mehr klar war, ob dies jetzt gespielt ist oder Dragana Bulut sich wirklich verschluckt hat, war nur sehr schmal. Ein kurzer magischer Moment, der verging, als sich das Ganze als ein größerer Hustenanfall entpuppte, sie aus dem Raum stürmt, im Foyer laut weiter hustet und langsam der Verdacht leise wird, dass dies wohl doch Teil der Performance ist. Bekräftigt wird diese Unsicherheit im Publikum durch eine Zuschauerin, die ebenfalls laut anfängt zu husten und aus dem Raum rennt. Dragana Bulut betritt wieder den Raum, setzt sich schnell zurück auf ihren Stuhl und fährt mit ihrem Vortrag fort, doch als sie das erste Mal die Augen aufschlägt, kommen ihre seltsamen Augen zum Vorschein, schwarze Pupillen ohne Iris, Zombie-Augen, weiße Kontaktlinsen im Horror-Style. Unbeirrt fährt Dragana Bulut fort und nach und nach verzerrt sich über das Mikrofon nun ihre Stimme zu einem klassischen Zombie/Monster-Sound. Als Dragana Bulut aufhört zu sprechen, aufsteht, und das grelle Vortragslicht ausgeht, ist sie nur noch mit diffusem Taschenlampenlicht von vorne angeleuchtet. Sie läuft langsam, sehr langsam, begleitet von gruselig anmutenden Sound in Richtung Publikum, Blut läuft ihr aus dem Mund. Dragana Bulut setzt sich so entschlossen auf alle Zombie/Horror-Klischees drauf, dass wir uns wirklich nah am Absurden und Lächerlichen befinden, und doch macht sich neben Belustigung gleichzeitig auch wohliger Grusel in mir breit. Dieses Spannungsfeld zwischen Absurdität und Schaudern, zwischen Realität und Fiktion hat Dragana Bulut in ihrer Lecture Performance wunderbar in Szene gesetzt. Das Licht geht dann noch an und sie sagt zum Schluss, dass das jetzt eigentlich der Moment sei, wo der Zombie zum Publikum gehen würde, davon würde sie aber heute Abend Abstand nehmen. Sehr schön!
Der folgende Programmpunkt, wieder ein Solo, stammt von der polnischen Tänzerchoreographin (ebenfalls HZT-Alumna), sowie studierten Psychologin Anna Nowicka und trägt den Titel „Dream States”. Die Präsentation soll einen Einblick in den aktuellen Stand ihrer Traumforschung geben, die einen Zugang zu performativen Werkzeugen eröffnen soll. Das Solo beginnt sehr schön im Dunkeln. Anna Nowicka, als eine von uns im Zuschauerraum sitzend, erzählt uns, dass wir entspannt ein- und ausatmen sollen und dann ein bisschen von der Geschichte des elektrischen Lichts und wie diese technische Erfindung den Tag-/Nacht-Rhythmus und damit den Schlafrhythmus der Menschen grundlegend änderte. Sie steht dann auf, das Licht geht an, und auch sie beginnt lächelnd mit latent ironischer Attitüde ihren Vortrag, den sie allerdings mit isolierten Körperbewegungen begleitet, die an die Hip Hop- Techniken Popping und Locking erinnern. Zwischendurch bekommt sie einen Lachanfall, der sie, wie sie kurz danach erklärt, überfiel, als sie die Zusage für das Tanzstipendium bekommen hat. Ein für das Format Lecture Performance ohnehin typisches Mittel, das Changieren zwischen realer und fiktiver Narration ist auch hier zu erkennen. Anna Novicka erzählt, wie wichtig die Zusammenarbeit mit der Theatermacherin Ivona Sijakovic für sie war, die übrigens auch im Publikum sitzt. Sie erzählt, wie sich bei Ponderosa in Stolzenhagen die Tänzer*innen jeden Morgen ihr Träume erzählt haben, sie erzählt, dass Träume das einzige sind, was am laufenden Band im Körper produziert wird und irgendwann ruft Ivona Sijakovic ihr unvermittelt aus dem Publikum zu: „Anna, where is your focus now?“ – diese Dame, übrigens jene Zuschauerin, die zuvor in Dragana Buluts Präsentation den Hustenanfall vorgetäuscht hat, hat an diesem Abend also auch einiges beizutragen. Schließlich bittet Anna Nowicka jemanden aus dem Publikum, seinen/ihren Traum von letzter Nacht zu erzählen und die heute im Publikum sitzende Maria Francesca Scaroni erzählt ihren Traum etwa so: Ihr Therapeut sagt ihr, wenn sie einen Stift nimmt und quer vor ihr Gesicht hält, würde sie ins große Dunkel gleiten und sich ausruhen können. Spätestens an dieser Stelle habe ich das Gefühl, bei einem Klassentreffen zugegen zu sein. Anna Nowicka, stets lächelnd, animiert den Rest der Zuschauer*innen daraufhin, versteckte Muster in diesem Traum zu finden, gemeinsam wird versucht, den Traum zu analysieren, das Ganze zieht sich etwas hin. Das nicht uninteressante Thema Traumforschung wird in dieser Performance auf unterschiedliche Weise angerissen und hier und da mit humoristischen und mitunter kryptischen Darbietungen Nowickas gespickt – alles in allem befinde jedoch auch ich mich im großen Dunkel.
Der letzte Beitrag der Tanzstipendiaten von 2014 stammt von dem gebürtigen Chilenen Juan Gabriel Harcha, der das Stipendium dazu nutzte, sich einer Recherche zu Tüll und seiner szenischen Ornamentalität zu widmen. Der trockene Titel entspricht auch dem Setting, welches lediglich aus einem Tisch mit Stuhl und Mikrofon, schlichtem Saallicht und Harcha selbst besteht, der seinen sympathischen Vortrag gemütlich auf einem Stuhl sitzend hält. Zunächst entschuldigt er sich höflich bei den englischsprachigen Zuschauer*innen, dass er seinen Vortrag auf deutsch vorbereitet hat. Dann beginnt er, freundlich, ernsthaft und dabei herrlich unprätentiös mit seinem Vortrag samt PowerPoint-Präsentation(!) über seine Recherche zu Tüll zu sprechen. Aufbau und Gliederung der Präsentation gleichen dem Stil eines wissenschaftlichen Vortrags und Juan Gabriel Harcha, ebenfalls HZT-Alumnus und außerdem studierter Soziologe, präsentiert diesen auch im wissenschaftlichen, aber dabei zugewandten und freundlichen Duktus. Das Hauptziel seiner Recherche sei, „die starken visuellen Qualitäten des Tülls auf eine choreographische Weise zu erforschen, es gehe dabei darum, eine rhythmische Qualität mit dem Material und einer Gruppe von Performer*innen zu entfalten, eine dramaturgische Entwicklung zu zeitigen, sowie Vergnügen am beobachten des Tülls und eine starke Sinneswahrnehmung zu produzieren“. Das Ornament fungiert für ihn in der Recherche als Arbeitsbegriff, Denkfigur, Anordnung. Er hat sich dabei gefragt, wie man den Tüll in den Raum übertragen kann, hierzu hat er den Prototyp Rohr bzw. Schlauch erfunden und eine Zeichnung angefertigt, die die Silhouette einer Ballerina in Tüll-Tutu, und daneben die Form eines Rohrs/Schlauchs zeigt – spätestens an dieser Stelle muss ich sehr lachen, so absurd, wie das alles ist. Die scheinbare Absurdität und Kauzigkeit des kompletten Unterfangens ist es, die mich zum Lachen bringt, gepaart mit dem trotz eines gefühlten Augenzwinkerns aufrichtigen Interesse von Juan Gabriel Harcha. Er erzählt von Schwierigkeiten, die während des Projekts aufgetreten sind, von gewünschten Zielen, erreichten Meilensteinen, alles angereichert mit Fotos vom Projektzeitraum. Er zeigt noch einen kleinen wunderbaren Film, in dem die Performer*innen des Projekts, die zuvor viel mit dem Material selbst gearbeitet haben, auf einer Wiese vor einem malerischen Berlin-Panorama mit riesigen Tüllrohren umhergehen, sich damit leichtfüßig bewegen, tanzen. Juan Harcha hat sich sichtbar intensiv und ausdauernd mit allen denkbaren Dimensionen eines Materials beschäftigt und dies auf einer ästhetischen, wissenschaftlichen und performativen Ebene verhandelt. Sein Vortrag besticht durch thematische Absurdität, absolut präzises und transparentes Vorgehen und ganz leisen Humor. Zum Schluss zeigt er noch Skizzen von Kostümentwürfen mit Tüll, die er gezeichnet hat und an denen er weiter arbeiten möchte. Gerne will er sich die nächsten Jahre damit auch noch beschäftigen. Dann bedankt er sich beim Publikum fürs Zuhören. Danke Dir, Juan!


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