Text zu "NAH DRAN extended: HEART/BREAK" (20.-21. Februar 2021) von Anuya Rane

 

Von 20. bis 21. Februar waren im Rahmen von „NAH DRAN extended: HEART/BREAK“ vier Stücke zu sehen. 

Die Performances wurden wieder online präsentiert. 

 

Der Abend begann mit „Eternal Betrayal“ von Am Ertl & Renan Alves Manhães. Eine Serie von unterschiedlichen Szenen mit dem roten Faden, Menschen und menschliche Empfindungen zu zeigen. Was sind die Menschen und die Geschichte der Menschheit… woher stammen wir…? Oder wie gehen wir miteinander um…? Zu der ersten Frage gibt es wissenschaftlich geprüfte Antworten. Aber eine Antwort zu der zweiten Frage verwirrt uns andauernd. Die Verbindung zwischen Menschen und die  damit zusammen hängenden Emotionen eröffnen ein unermessliches Feld für Erwartungen und Reaktionen. Die beiden Tänzer*innen forschen in diesem Raum. Tanz ist zweifellos das Mittel, das die Freiheit bietet, das Innere, Integrierte nach außen zu lassen. Zum Ausdruck kommen vielfältige Möglichkeiten an Perspektiven, ohne nach bestimmten Lösungen zu suchen. 

Was die Beiden hier darstellen, versucht, den Menschen in uns zu wecken. Der körperliche Abstand zwischen den Beiden verstärkt die Verbindung; so widerspiegelt sich die Wirklichkeit. Die Phrasen sind zum großen Teil reflektiert und in geschickter Weise choreografiert. Aber die Leinwand ist riesig. Benötigt viel mehr Farbe und Motive, um sie zu füllen. 

Außerordentlich hilft die Kamera bei diesem Stück. Sie kommt den Tänzer*Innen auffallend nahe. Sie dreht sich um die Beiden. Diese Nähe hätten wir ohne die Kamera nicht geschafft. Das verhindert einigermaßen die Reichweite der körperlichen Fähigkeit. Wie Antonin Artaud im Gespräch über die Bühnenkunst erklärte, dass die Bühne in Zusammenkunft mit dem Menschen (körperliche Form) mit der Idee des Risikos und der Gefahr assoziiert ist. Diese Aufgabe übernimmt in diesem Fall die Kamera. Wenn das Stück weiterentwickelt werden würde, wäre ich neugierig, welche Spuren es hinterlassen würde!

 

Weiter geht es mit „forward never ends“. Was könnte das bedeuten… „forward thinking“… „forward motion“… Auf jeden Fall vermittelt  es Positivität. 

Den ersten Akt eröffnet beiläufig eine Frau, die ein Stück braunes Papier auf die Wand klebt. Sie ist lässig gekleidet. Trägt eine bunte Hose voller Muster, ein Basecap und Turnschuhe. Unter dem Basecap hängen lange graue Haare heraus. Auf dem mitgebrachten Kassettenrekorder macht sie die Musik an. Sie bringt eine Art Schablone auf dem braunen Papier an, worauf sie mit Farbe sprüht. Am Ende erscheint ein graffitiertes Bild - eine Frau, die quer liegt. Das Geschäft ist erledigt, die Performerin legt alles zur Seite und legt sich auf den Boden, wie die Frau auf dem Bild. Was wir bis dahin nicht bemerkt haben, ist, dass jemand daneben sitzt, gewickelt in Tüll, der auf einem Garderobenständer hängt. Jetzt taucht die Person aus dem Tüll auf. Eine Frau mit kurzen grauen Haaren. Ich weiß nicht, warum ich die beiden Köpfe als grauhaarige Köpfe wahrnehmen musste. Allerdings, es ist sehr deutlich. Plötzlich dachte ich mir, bin ich etwa beeinträchtigt worden… Tanz, Performance, Kunst befasst kein Alter, Geschlecht. Warum kommt es mir dann so offensichtlich vor? Aber etwas, das mit Körper zu tun hat, hat wahrscheinlich etwas mit dem Alter zu tun. Der Körper ändert sich und damit die Fähigkeit und die Qualität der Bewegung. Ich persönlich sehe es als einen interessanten Punkt. Wenn sich etwas verändert, was genau verändert sich? Und warum? Und wie? 

In diesem Stück stellen Eva-Martina Günther und Maria Wollny genau diese Fragen. Sie testen ihre Grenzen. Interessanterweise testen wir alle unsere Grenzen. Damit ist es selbstverständlich, dass man vorwärts geht. Die Begrenzungen, die wir haben bzw. uns selbst schaffen, müssen angesprochen werden, um mit ihnen umzugehen. 

In diesem Moment kommt mir in den Sinn, dass ich als klassische indische Tänzerin nicht darauf konditioniert bin, den Altersfaktor auf den Tanz anzuwenden. Tanz wirkt für uns sowohl körperlich, als auch seelisch und geistig. Mit dem Alter kommen Schwächen (wenn schon…), aber auch eine reifere Wahrnehmung der Welt. 

Die Tänzerinnen bewegen sich und drücken sich aus. Sie verkörpern die Stille der Zeit, aber dennoch tanzen sie sich wild durch die Zeit. Es sieht so aus, als dass sie ihre Einschränkungen genau anerkennen. 

Hier fällt mir der Spruch von Wassily Kandinsky ein, den dieser in seinem Traktat „Über das Geistige in der Kunst“ ausgeführt hatte:

„Genau wie es in der Musik und in der Malerei keine 'misslungenen Klänge' und äußerlichen 'Dissonanzen' gibt (…), so wird man auch bald im Tanz eine innere Wertigkeit jeder Bewegung erkennen, und die innere Schönheit wird die äußere ersetzen. Von 'hässlichen' Bewegungen, die nun plötzlich und schnell zu wunderbaren Bewegungen werden, wird alsbald eine nie dagewesene Wucht und lebendige Kraft ausgehen. Und ab diesem Moment beginnt der Tanz der Zukunft.“

Er sprach von einer bestimmten Zukunft. Die Idee der Zukunft betrifft aber jede Zeit, jede Generation, jede Einzelperson. Vorwärts gehen. 

 

Das folgende Stück „Waves of Flesh“ war eine reine Bewegungserfahrung. Ein sich sinnlich bewegendes Paar. Ein Duett mit zwei Tänzer*innen, die eine Einheit sind. Die zwei untrennbaren Körper behaupten aber tatsächlich ihre Individualität.

Obwohl „Waves of Flesh“ genannt, ist das Stück ein Sturm mit Fleisch/Haut. Gekleidet in Unterhose und T-Shirt, sind sie nicht nackt. Nackt ist jedoch der Tanz. Ein intimes Spiel, das einen intimen Bereich eröffnet und ihn dabei erforscht. Die Intimität zwischen zwei Menschen ist gleichzeitig entzückend und beängstigend. Je näher man dem anderen kommt, desto größer wird der Raum. Der Tanz ermöglicht, Distanz in der Nähe zu schaffen.

Dana Pajarillaga und Lukas Malkowski präsentieren eine sichere Choreografie. Kaum Raum für Überraschungen. Sie sind zwei wunderbare Tänzer*innen, denen die Bewegungen leicht fallen. Körper, Körperhaltung und dazu gehörender Kontakt, das Berühren, all das ist ihnen keineswegs fremd. Die Bewegungen fließen natürlich und extrem sorgfältig. Die Rohheit macht Platz für Schönheit, und umgekehrt steckt hinter der Schönheit ein Umfeld von Herausforderungen.  

Begleitet wird die Performance von einer trance-artigen Musik. Sie schwingt durch den Raum, während die Körper ihre Resonanz verkörpern.  

 

Die letzte Performance des Abends ist aufs neue eine rein filmische Arbeit. „H A E“ von Maud Buckenmeyer. Wiederum bin ich verzweifelt wegen der Form. Einigermaßen verzweifelt ist auch die Künstlerin, wenn nicht verloren. Es scheint, je verlockender das Angebot (die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten einer derartigen Plattform), umso leichter ist der Zufall, alles Mögliche machen zu wollen. Maud Buckenmeyer erzählt eine Geschichte, ohne dass die Geschichte erzählt wird. Mir war es überhaupt nicht klar, was sie kommunizieren wollte. Es reichte mir jedoch, dass sie etwas kommunizieren wollte. 

In den Zeiten, in denen wir leben, gibt es einen schmaler Grat zwischen dem Engagement des Publikums und der Performance. Immer mehr verlangen die Aufführungen die aktive Beteiligung der Zuschauer*innen. Entweder sind sie gebeten, einiges mitzumachen oder sich gedanklich direkt einen Teil der Aufführung zu kreieren, um in die Wildnis eintauchen zu können. Mit diesem Stück muss man mitgehen. Sich an die Stelle der Performerin stellen. Ihr Hunger nach mehr, und mehr ausdrücken zu können, muss mit ihr gelebt werden.

Sie tritt in das erste Bild (Eröffnung des Stücks), singend, in einen beschränkten, dunklen Raum. Es kann wohl ein Klub oder eine Kneipe sein. Sie singt und erzählt. Etwas undeutliches. (Oder ich habe es nicht so gut verstanden…) Sie schaut ganz nah, direkt in die Kamera. Experimentieren mit dem düsteren, geschlossenen Raum will sie jedenfalls. Bald darauf wagt sie sich wild in die freie Luft hinaus. Sie rennt, und die Kamera folgt ihr, bis sie ein geparktes Auto erreicht. Da hinein setzt sie sich und holt tief Luft. Buckenmeyer erforscht und experimentiert mit allem, was sie zur Hand hat. 

Die Pandemie verlangt, dass wir neu denken, alles neu definieren. Wir haben alles und genug. Darin müssen wir neue Wege finden. In diesem Zusammenhang ist sogar Gier ein Segen.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

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