Text zu "NAH DRAN on screen" (23.-24. Januar 2021) von Anuya Rane

 

Das neue Jahr begann mit einer neuen, alten Performance-Reihe, NAH DRAN. Die drei Stücke fanden vom 23. bis 24. Januar online statt.

Der Abend fing mit einem rein filmischen Stück an, "Remote Viewing" von Roham Amiri Far. Er beschreibt, dass die Pandemie-Situation und die aktuellen Umstände die Inspiration für dieses Stück sind. Die Welt ist auf das Sehen, die visuelle Wahrnehmung, fokussiert. Ich kann ihm nur zustimmen. Selbst der Titel der Reihe, NAH DRAN, war noch nie so angemessen wie jetzt. Live-Tanz/Darstellende Kunst ist sowohl visuell (sichtbar), als auch spürbar durch das weitere Sinnen, wobei es uns nahe kommt. Im Gegensatz dazu, wenn das gesamte Spiel durch die Kamera aufgenommen wird und vor unseren Augen zur Verfügung steht, kommen wir deutlich näher dran. Der Fokus liegt auf dem Bildschirm, der den weiten Raum in seine engen Grenzen bringt. Die Möglichkeit, etwas groß einstellen zu können, führt uns unheimlich näher zur allerfeinsten Ausführlichkeit, als wenn wir ein wenig entfernt von der Bühne im Theater säßen.
Mit "Remote Viewing" befinden wir uns mit dem Performer auf den Bergen im Iran. Eine bezaubernde Landschaft, die die Weite und die Rohheit der Natur umfasst. Hier muss ich besonders der Kameraarbeit applaudieren. Es fängt die Essenz der Existenz wunderbar ein. Die Existenz aller Wesen und aller Sinne. In dieser Weite sucht jede*r nach seinem* eigenen Platz, dem Zweck seiner Existenz und der Wahrnehmung seines* Wesens. Der Tänzer/Performer bewegt sich in diesem Raum. Manchmal ist er deutlich zu sehen. Manchmal verliert er sich in dieser Landschaft. Übrigens ist unser Sehen so dringend geweckt, dass uns gar nichts entgeht. Roham Amiri Far sagt, dass er durch Bewegung und Tanz den Fokus, der sonst auf dem Sehen/dem Visuellen liegt, auf die anderen Sinnen verlängern will. Leicht gesagt. Jedoch mit solcher Fotografie bleiben wir konzentriert auf das Bild. Obwohl wir uns in diese Welt entführt fühlen, öffnet die Entfernung eine Perspektive, die wir nicht haben, wenn wir uns körperlich dort befinden.
Die Szene, in der der Tänzer sich neben den Baum bewegt, fand ich besonders bedeutsam. Die Beziehung zwischen Menschen und der Umgebung, die Dringlichkeit, etwas zu kommunizieren, spürbar zu machen, ist vorhanden. Später kommt eine Szene, in der der Tänzer uns hin und wieder nahe kommt, sich in den Raum bewegt und er kapselt die Vorstellung von Körper und Raum, Körper im Raum ein.
Besonders erwähnenswert finde ich das Kostüm. Einerseits ist es eine Handwerker-Kombi, aber auch ein wenig Kosmonauten-Look, keinesfalls modisch oder ästhetisch. Allerdings perfekt passend zu der Rohheit.
Insgesamt ist meiner Meinung nach diese Film-Performance sehr gelungen. Wobei -  es ist klar, dass sie weiteres Entwicklungspotenzial hat, damit man noch tiefer  einen Einblick in die Beziehung zwischen Körper, Bewegung, Gefühlen und deren Darstellung gewinnt.
Bravo an das ganze Team, das trotz der Einschränkungen und Distanz uns diese Erfahrung von circa 20 Minuten geschenkt haben.

Der Abend geht weiter mit „Optical Phenomena“ von Kiki Ramos Sörvik und um optische/visuelle Perspektiven. Dafür beginnt es tatsächlich mit einer schönen Situation:
Drei nebeneinander strategisch platzierte Spiegel öffnen den begrenzten Studio-Raum. Die Tänzerin, die davorsteht, beginnt sich zu bewegen. Die Musik, ein Zupfen, Kratzen von Saiten, fordert die Bewegung heraus. Die Bewegungen vor den horizontal platzierten Spiegeln sind weit. Der Spiegel liegt nah zum Boden, deshalb gehen die Bewegungen auch in die Tiefe.  Vor dem nebenan platzierten kleinen, eckigen Spiegel werden sie kleiner und feiner. Infolgedessen steht die Tänzerin vor dem großen Ganzkörperspiegel und beginnt ein lustiges Spiel mit sich selbst, mit ihrem Körper, mit den Grenzen ihres Körpers und dessen Bewegungsfähigkeit.
Kiki Ramos hinterlässt einen starken Eindruck mit diesem Anfang. Ich habe mich in diesen Körper und seine Bewegungen fast verliebt, da es nicht nur schön war, sondern durch die Spiegel eine Nebeneinanderdarstellung von sich selbst präsentiert. Die kleinen Schritte, Gesten, die Mimik beginnen ein lyrisches Narrativ. Auf ganz subtile Weise berührt es das Thema Körperbild. Wie wird der Körper projiziert… Was hält man davon… Ist der Körper eine Einheit oder hat jedes Organ eigene Bedürfnisse und Freiheiten?
Die Tänzerin spielt nicht nur mit den Spiegeln und ihrem eigenen Körperbild, sondern testet die Grenzen der Perspektiven, die die Spiegel bieten. Sie nimmt den kleinen Spiegel in die Hände und eröffnet dabei große Möglichkeiten für die kleinen, feinen Bewegungen. Mich persönlich hat der Moment mit der Hand-Mimik, bei der der Körper ganz versteckt ist, beeindruckt und besonderes berührt.
Was weiter folgt, im nächsten Kapitel (so werden die Szenen genannt), ist die Entwicklung hin zur Wahrnehmung des Körpers. Ein Art Ehrung des Körpers. Das Übergreifen von kurz montierten Bildern von Körper und Gesicht auf der Leinwand auf das Tanzen auf der Bühne ist interessant. Da hat mich jedoch das Kostüm ein bisschen gestört.
Das letzte Kapitel ist ein Ritual. Fast meditativ. Hat es mit den Kerzen zu tun…? Dennoch es ist beruhigend. Mir hätte nur der Text (Wörter/Stimme) ausgereicht. Die Musik von unterschiedlichen Musikern wird jedoch sehr gezielt eingesetzt. Schließlich war ich zutiefst befriedigt von dieser fast live wirkenden Tanz-Performance.

Die letzte Performance des Abends - wieder eine filmische Arbeit - heißt „Snuggle up in Stability“.
Immer wieder bin ich mit der Realität konfrontiert, dass nahezu alle Performances englische Namen (Titel) haben. Selbstverständlich, heutzutage, in Berlin, es handelt sich um eine internationale Kunstszene. (Gut für uns). Doch manche Performer*innen sind deutsch. Noch dazu beauftragt das ada Studio eine Inderin, über die Performance auf deutsch zu schreiben, obwohl die Hälfte der Künstler*innen es niemals lesen/verstehen können. „Madness“. Das ist die kreative Kunstwelt. Genau so kamen mir die Performance und die Künstlerin Josephine Nahrstedt vor. Sie erscheint uns auch „mad“. „mad“, verrückt, im Sinne von süchtig nach Kreativität, künstlerischer Freiheit.
„Snuggle up in stability“ hat alles. Es beschäftigt sich mit der Technik, mit dem Ton und der Musik, mit dem Thema Kostüm, Tanz, und es geht um die Phänomene der Einsamkeit, wobei die ganze Performance sehr „voll“ ist.  
Josephine Nahrstedt nutzt umfassend ihre künstlerische Freiheit. Das Anfangsbild (projiziert auf der Leinwand), in der die Tänzerin durch den Wald läuft, ist schon wild. Das Tempo ist sehr schnell, was die Musik und die Bildprojektion betrifft. Unscharfe, aufeinander übergreifende Rahmen, schwarz-weiß gedreht, mit wilden Kopfbewegungen, erhöhen den Puls. Dieses Bild blendet ein, um die liegende Tänzerin durch ihre Finger zu entwirren. Sie bleibt liegen und erzählt etwas über sich. Es ist Tüll überall und sie trägt eine Art Ritterhelm. Ist sie eine Heldin? Will sie die Umstände, die Einsamkeit überwinden? Die Performerin bringt das Wasser, die Nässe, das Blut (rote Flüssigkeit) ins Spiel.
In den Szenen, die weiter folgen, spielt sie mit einem uralten Grammophon. Sie tanzt zu dieser Musik. Bewegt sich zwischen dem wehenden Tüll. Man fühlte sich fast wie in einer Märchenwelt. Federn schmücken den Helm und auch in den Händen hält die Tänzerin welche. Das märchenhafte Gefühl wird jedoch durch das folgende Geschehen gebrochen.
Plötzlich ist sie draußen, im Tageslicht. Ein krasser Unterschied zu den vorherigen Bildern. Nun ist alles sonnenklar. Sie klettert eine Leiter hoch mit einer Tüte voller roter Flüssigkeit. Gleich danach, als sie die Tüte durchsticht, wird es offenbar, dass es Granatapfelkerne sind. Der Saft der Frucht fließt über uns, da wir mit der Kamera die Szene von unten wahrnehmen. Diese Perspektive im Zusammenhang mit dem Thema Einsamkeit ist interessant.
Endlich kommen wir wieder zu verrücktem Tanzen. Die Tänzerin tanzt, gefilmt im Studio, im Hintergrund die Bilder der Anfangsszene aus dem Wald. Langsam sieht man nur den Schatten der Tänzerin. Während sie tanzt, wird ihre Schattenfigur multipliziert. Eine rein optische Illusion, wodurch der Raum übermäßig gefüllt wirkt.
Die Teamarbeit ist hervorragend. Makellose Technik. Bei all dem habe ich ihren Tanz leider verpasst. Ihre Körpersprache hat eine spezielle Qualität. Aber alles, was bei mir blieb, waren die zahlreichen Bilder.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

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