Text zu "neworks on screen" (14.-15. November 2020) von Anuya Rane

 

 

neworks/„LOTUS. the child was stung“ von Josefine Mühle sollte am 14. und 15. November live im ada Studio stattfinden. Mit dem erneuten Lockdown und der Schließung der Performance-Räume musste es ausfallen, wurde dafür aber virtuell präsentiert.

 

Die Künstlerin hat sich entschieden, ihre gefilmte Vorarbeit, die sie „Portal 1“ nennt, zu veröffentlichen, anstelle der Dokumentation ihr Stückes. Eine sehr schlaue Alternative, da Josefine Mühle die digitale Form zur Perfektion bringt. Irgendwie bin ich plötzlich ratlos. Schreibe ich über Tanz/Performance oder über einen Film… Die Aufführung, obwohl sie nicht ganz so geplant war, kam mir vor wie ein komplettes Produkt. Eine Geschichte wurde erzählt, mit einem Anfang und einem Ende.


Im Titel stecken drei Wörter, Schlüsselwörter, mit größerer Bedeutung. Lotus, child und stung. Lotus, die Blume, hat in einem großen Teil der Welt eine vielfältige Symbolik, gilt sogar als heilig. Allerdings kann ein einzelner Lotus über tausend Jahre alt werden und hat die seltene Fähigkeit, nach einer Stase wieder aktiv zu werden. Ein besonderes Beispiel der Fruchtbarkeit (Fertilität). Child, das Kind, eine Lebensphase. Eine Phase, die im Verlauf des Lebens relativ kurz ist, aber dennoch äußerst bedeutsam. Solange das Kind in uns lebt, bleiben wir lebendig. Das Kind, das geboren wird, aber auch das ungeborene Kind, das in einer obskuren, lebendigen Atempause gedeiht. Stung, übersetzt auf Deutsch, gestochen. Wovon… wie… Es eröffnet eine Vielzahl von Möglichkeiten. Die Künstlerin übrigens ist von der Vielfältigkeit der digitalen Medien gestochen. Sie experimentiert unermüdlich damit.


Die Videoarbeit ist zum Teil ein Zeichentrickfilm und zum anderen Teil eine surrealistische Dokumentation. Das Anfangsbild ist schon wie ein 2D Animation. In sehr dunklem, fast schwarzem Raum, mit stark ausgezeichneten Winkeln. Mittendrin sitzt und bewegt sich eine Figur, die Tänzerin selbst, aber nahezu unerkennbar mit etwas Blauem, Leuchtendem in ihrem Munde. Es wird nach und nach sichtbar als eine Blume. Das Bild und dessen Behandlung hat eine Film-Noir-Qualität. Es könnte sowohl eine Kriminalgeschichte sein, als auch ein hoffnungsloses Lebensnarrativ.


Als nächstes dreht sich jedoch alles um 360°. Eine neue Realität/Surrealität eröffnet eine Science-Fiction-Welt. Der externe, außerirdische Raum, oder die tiefe innere Atmosphäre. Die Erscheinung des Schwarzen Lochs oder etwas ähnliches schafft einen Bereich zur Untersuchung dessen, was äußerlich und doch (un)erforscht ist und was innerlich unbekannt ist. Die Perspektive hier ist bezaubernd. Es dreht sich um die Figur, die in die Mitte sitzt. Die Behandlung durch unscharfes, wackelndes Bild vertieft das Geheimnis. Obwohl sich alles dreht und eine Totale 360° Gefühl ergibt, steht sie außerhalb diesen außerirdischen Geschehens. Es entfaltet sich auf einer Leinwand vor ihr. Zu diesem dunklen, etwas grausamem Szenario schenkt die blaue leuchtende Blume Leichtigkeit. Sie befasst sich mit der Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Ätherischen.


Und es führt weiter zur Bewegung. Jedenfalls ist tanzen dabei. Die Tänzerin bewegt sich im Sitzen und im Liegen auf einem Tisch. Tendenziell sind ihre Bewegungen minimalistisch, und trotzdem nutzt sie die maximale Kapazität der Ausdrucksmöglichkeiten. Das Bild auf der Leinwand, wo die Planeten sich in permanenter Drehung befinden, reflektiert auf ihrem Hoody. Als ob sie darin eingesaugt wäre.


Die Musik spielt eine wichtige Rolle in diesem ganzen Spiel. Sie wirkt organisch. Dazu gehört das Geräusch von einer Baustelle, bohrmaschinenmäßig, laut, ein wenig verstörend. Erstaunlicherweise ist es unmöglich, die Musik/den Ton von der Darbietung zu trennen, obwohl es uns unbewusst ist, welche Töne in diesen tiefen Territorien widerhallen. Verständlicherweise erforscht die Künstlerin die sensorische Assoziation zu den Geräuschen. Es zwingt mich zum Nachdenken darüber, wo die Grenze liegt zwischen der natürlichen Wahrnehmung der Umgebung und der intellektuellen Analyse dieser Wahrnehmung durch eine*n Erwachsene*n.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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