Text zu "neworks" (19. & 20. Juni 2021) von Anuya Rane

 

 

Am 19. und 20. Juni live im ada Studio und vom 21. bis 25. Juni online wurde die Videoarbeit „LOTUS. Portals into Purple“ von Josefine Mühle in der Performance-Reihe „neworks“ gezeigt - eine Erweiterung ihrer Recherche und Präsentation „LOTUS. the child was stung“, die letzten November stattfand.

 

Mit dieser Videoarbeit vertieft Josefine Mühle ihre Recherche in den Bereich Ursprung des Menschen und dessen Bewusstsein. Dieser Film geht unter die Haut. Die Künstlerin schürft tiefer, um mit ihrem Bewusstsein nach dem menschlichen Bewusstsein zu suchen. Die faszinierende Theorie der Entstehung des Bewusstseins und der bikameralen Psyche nach Julian Jaynes dient ihrer Arbeit als Anker. Die revolutionäre Idee von Jaynes ist, dass das menschliche Bewusstsein nicht in der tierischen Evolution begann, sondern ein erlernter Prozess ist, der durch Katastrophen vor nur dreitausend Jahren aus einer halluzinatorischen Mentalität hervorgegangen ist und sich noch entwickelt. Die Arbeit von Mühle erfordert, mit dieser Zwei – Kammer – Geist – Brille wahrgenommen zu werden, weil es eine halluzinatorische Reise ist, wobei die Stimmen, Geräusche (von Göttern?) auf jeden Fall innerlich unseren Verstand erwecken. 

 

Den Film habe ich zweimal miterlebt: Als Vorführung im Studio und danach bei mir zu Hause. Derselbe Film, trotzdem eine unterschiedliche Erfahrung. Die Atmosphäre in dem Film ist fremd. In einem fremden Ort wie dem Studio, frei von bestimmten Assoziationen und im Vergleich dazu zu Hause mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl - das klopft an verschiedenen Bewusstseinsebenen an. Das imaginäre Universum von Bewusstsein, egal wessen, saugt die Zuschauer*innen in sich hinein. Es spielt wiederum zwischen real und irreal. Das Innere, die Psyche, ist eine unbestimmte Realität. Die Kenntnis, die Gefühle mäandern durch dieses Umfeld. Die Aufbereitung dieser filmischen Arbeit ist so, dass sie dieses Erlebnis noch spezieller macht, durch eine gewisse berührbare Qualität. 

 

„LOTUS. Portals into Purple“ ist ein lyrisches, surrealistisches Gedicht, das das tiefe Bedürfnis der Tänzerin beinhaltet, über den Körper hinaus zu denken und zu reagieren, indem sie Türen in ihrem eigenen Bewusstsein öffnet, auf der Suche nach der bewussten Darstellung des Unbewussten. Bei dieser Suche schöpft sie alle Möglichkeiten aus, die die interaktive Technologie bietet. Tanz bzw. körperlicher Ausdruck kennt keine Grenzen, ist barrierefrei, wo der Einsatz von Medien nur als Erweiterung hinzu kommt. Mühle entwickelt ihre eigene Ästhetik, wobei Bilder, Farben, Töne, Geräusche eigene Charaktere etablieren. 

Der Film erschafft unzählige Bilder, die fließend ineinander übergehen und gleichzeitig ihren Charakter behalten. Die Landschaftsszenen mit Bäumen und Flüssen und Wegen, die an einen unbestimmten Ort (oder eigentlich nirgendwohin) führen, erinnern durch die Verwendung von Farben an chinesische Gemälde, obwohl sie auf keinen Fall diesen oder irgendwelchen definierten Formen nahe kommen. Der endlose Weg unterhalb des dunklen Horizonts schneidet einen von allen Sinneswahrnehmungen ab, um sich dann in den Unklarheiten der eigenen inneren unendlichen Welt zu befinden. Die Künstlerin ist fasziniert von übereinander liegenden Bildern und nutzt die Technik, um mehrere parallele Reiche zu schaffen. Viele Momente in diesem Video wirken wie aus einem Videospiel. Man hätte Lust, selbst zu dirigieren. Die Chance gibt uns die Künstlerin jedoch leider nicht. Sie platziert die Gegenstände, die Figuren (sich selbst, in unterschiedlichen Kostümen mit Masken) nach ihrem Willen. Sie kreiert ihre Erinnerungen oder fragt nach den Assoziationen ihrer Erinnerungen. 

 

Man könnte natürlich fragen, wo ist der Tanz, die Bewegung, in all dem? Sicher, die Tänzerin tanzt nicht. An einigen Stellen bewegt sie sich. Es sind einfache spontan wirkende Bewegungen (die fast nicht nötig sind). Jedoch Tanz ist da. Da, wo er zugehört. Dort, woraus er stammt. Tanz ist in ihren Gedanken, ihrem Verstand, in ihrem Wesen. Mühle hat den erfolgreichen Zugang zu ihrer innerlichen Tiefe erschöpft, wo die Stimmen, die verlangen, gehört zu werden, widerhallen. In welcher Form Josefine Mühle die Stimmen weiter hörbar macht, wird man sehen. Bis dahin bleibt man mit diesem ergreifenden Erlebnis zurück.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

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