Text zu "A.PART - Festival für Berliner Tanzstudierende und Alumni" (13. März - 16. Mai 2021) von Anuya Rane

 

Das A.PART - Festival für Berliner Tanz-Studierende und Alumni hatte am 9. Mai 2021 zu „A.PART statt Tatort“ eingeladen, ein einzigartiges Zoom-Performance-Event. Seit Mitte März geben die eingeladenen Künstler*innen auf dem A.PART-Festival-Blog Einblicke in ihre künstlerischen Prozesse, am Sonntagabend gab es dazu performative Eindrücke - gesendet aus den Wohnzimmern der Künstler*innen. Ein Prime-Time-Tatort wie kein anderer.

 

Kurz vor Beginn wurde ein Zoom Link veröffentlicht. Pünktlich haben sich die Zuschauer*innen, die Moderatorinnen/ Kuratorinnen, Performer*innen eingeloggt. Selbstverständlich konnte jede*r entscheiden, ob er/sie sich zeigt. Wie gewohnt auf Zoom, gab es die Chat Funktion, um im Verlauf des Events mit den Künstler*innen und Kuratorinnen zu kommunizieren. Die zwei Moderatorinnen Alexandra Hennig und Julek Kreutzer haben die Veranstaltung auf Deutsch und Englisch moderiert. Es begann mit einer Begrüßung und einer ausführlichen Einführung in den Festival-Blog. Es war schon einiges drauf: Die Künstler*innen haben Ideen, Texte, Bilder zu ihren Arbeitsprozessen bereits gepostet. Was eigentlich ist das A.PART-Festival und warum nochmal online? Distanz, Abstand, aber trotzdem Zusammengehörigkeit ist der Kern dieses Festivals. Zusammen im Studio oder alleine zu Hause, getanzt/bewegt geht es weiter. Die Kurator*innen Alexandra Hennig, Diethild Meier und Julek Kreutzer haben 12 Künstler*innen eingeladen und in Zweierteams verkuppelt, um etwas Gemeinsames zu schaffen. Eine  Möglichkeit zum Ideenaustausch, zum gemeinsamen Arbeitsprozess, ohne ein “Produkt” in Form eines Stücks oder einer Aufführung herstellen zu müssen. Es ging nicht um eine Performance, sondern um den Weg zu einer zukünftigen Performance…

Alles, was in den circa 90 Minuten geschah, war ein Einblick in die Tandem-Arbeit, wobei die Künstler*innen, zusammen mit den Kuratorinnen, sich Fragen gestellt haben, Fragen formuliert haben, gemeinsam per Zoom Spiele entwickelt haben, all das, was die Arbeit füttern konnte. Die künstlerischen Arbeiten, unabhängig von der Form, stellen keine Lösungen dar, sondern ermöglichen die Wege zu den Lösungen (wenn es diese gäbe). Mit dieser Einführung tauchten wir rein in die erste Performance des Abends.

Vorgestellt von den Kuratorinnen loggten sich Camille Jemelen und Sofia Seta aus ihren jeweiligen Wohnungen ein. Unter der Voraussetzung “Tandem” findet die Choreografie in zwei Räumen statt. Ihre Bewegungen sind sehr unterschiedlich, die Stimmung auch. Die Qualität der Bewegungen und die Körperhaltungen sind "apart". Tanzen sie zusammen oder solo? Ein Gefühl von Einsamkeit kam in mir hoch. Eine Einsamkeit, die den Drang zum Zusammensein inspiriert, und dabei gelingt es uns, einander in die Welt mitzunehmen, wo wir alle uns allein und trotzdem gemeinsam finden. Der starke Unterschied zwischen den beiden Räumen hat sehr theatral gewirkt. Trotz der Distanz und der Abwesenheit von Musik entstand eine Gleichmäßigkeit in ihren Bewegungen. Es gibt einen gewissen Kontrast zwischen den beiden Körpern durch die in sich gewundenen, beinahe intimen Bewegungen von Camille und durch die raumgreifenden Schritte von Sofia. Der Tanz ist unabhängig von dem Ort, genauso wie der Ort von dem Tanz, und trotzdem beeinflussen sie sich in einer Art, dass es keinerlei Trennung zwischen den beiden gibt und sie schaffen eine zusammenhängende Identität: sowohl in den physischen Räumen, als auch durch die digitalen.

Nach dieser tänzerischen Erfahrung landeten wir in einer verrückten, surrealen Atmosphäre. Die Künstlerinnen Asya Ashman und Milena Sundari Nowak saßen bei sich zu Hause vor ihren Rechnern und haben durch screen sharing ihre Arbeit mit uns und miteinander geteilt. Es war eine offene Einladung, in ihren Arbeitsprozess reinzuschauen und dabei Kommentare, Vorschläge, Ideen auszutauschen. Schließlich ist das das Motiv hinter einer digitalen Aufführung. Online sind wir gemeinsam aktiv. In der Kunst geht es darum, die Regeln zu brechen; die Angst zur Seite lassen und den anderen beteiligten A.PART-Künstler*innen Fragen zu stellen, auf die sie tanzend antworten sollten. In diesem Fall ist es gelungen, weil es sich um einen offenen Dialog (wichtiger Hinweis: keine offene Probe) handelte. Die beiden Performerinnen haben einen sogenannte „Artists Talk“ eröffnet. Ein paar Ausschnitte aus diesem gefilmten Material wurden gezeigt. Es ist kein klassisches „Q & A“. Die Fragen werden gestellt und die Antworten werden getanzt. Durch eine Montage von Bildern, um mehrere Personen (separat gefilmt) gleichzeitig ins Spiel zu bringen, bekommt dieses Projekt einen einzigartigen Charakter, der Neugier erweckt. 

Als nächstes traten Tabea Antonacci und Merle Gebauer mit ihrem meditativen Experiment ein. Die Zuschauer*innen wurden dazu eingeladen mitzumachen. Beide Künstlerinnen saßen vor ihren Computern und haben abwechselnd auf Deutsch und auf Englisch Anweisungen gegeben. Ihre Recherche geht um Ängste - gerade in Bezug auf die aktuellen Umstände. Wie Gefühle und Emotionen auf den Körper einwirken. Sie haben uns eingeladen, einen gemütlichen Platz, eine gemütliche Position zu finden und mit den beiden in ein besonderes Erlebnis einzutauchen. Es hatte die Wirkung einer Meditation. Zum Teil war es sehr erfolgreich, da man aus dieser Aufregung (weil man sich auf eine Aufführung, etwas zu sehen, vorbereitet hat) rauskommen und sich auf sich selbst konzentrieren konnte. Leider bleibt es mir und natürlich den anderen verborgen, wer wie mitgemacht hat. Ob man überhaupt drangeblieben ist oder sich eine Trinkpause erlaubt hat. Gleichermaßen habe ich mich gewundert, was davon bei den Künstlerinnen angekommen ist. Ganz sicherlich war das ein PATCH/WORK nicht nur zwischen zwei Tänzerinnen, sondern auch zwischen Künstler*innen und Zuschauer*innen, wobei die unbeantwortete Frage im Raum stand, wie und wann das Publikum Teil eines Kunstwerks sein kann?

Diese ruhige Phase wurde gleich durch eine lustige Szene abgelöst. Dieses Mal waren zwei Performerinnen, Zoë Lazos und Matilde Flor Usinger, zusammen auf einem Bild, mit einem zusätzlichen Mitspieler. Es sind weiterhin wie bisher zwei Fenster nebeneinander, nur dass hier alle drei auf einem Bild sind und das andere zeigt das Geschehen aus einer anderen Perspektive. Zwei Kameras sind im Spiel; eine, die von weitem die Szene filmt und die andere trägt eine Performerin an ihrer Stirn als Teil ihres Kostüms als Zahnarzthelferin. Was dann folgt, war eine fertige theatrale Szene. Eine Zahnärztin und ihre Helferin behandeln eine Patientin. Für diese komplizierte Operation standen Werkzeuge zur Verfügung. Mit der Kamera auf der Stirn hatte man einen direkten, klaren Blick in den Mund der Patientin. Ein wenig ekelhaft hätte es sein können. Aber zum Glück nicht. Die Behandlung des Spiels verlangt nur Leichtigkeit und Humor. Der kleine, enge Raum, beleuchtet durch eine Halogenlampe, und das herumliegende Chaos entwarfen eine besondere Ästhetik. Am Anfang der Performance wurde ein Plakat gezeigt, auf dem stand, „A zoom performance looks like this“. Selbstverständlich, jede*r macht seine*ihre eigene Erfahrung auf Zoom wie beim Zahnarzt. Mit dieser Performance haben Zoë und Matilde die Grenzen zwischen dem kreativen Prozess und dem geschaffenen Kunstwerk, so wie die Grenzen zwischen Live-Darstellung und Distanz-Darstellung verschoben.

Weiter mit Tatjana Mahlke und Franziska Doffin spazierten wir in die Probe-Zeiten/Momente herein. Sie hatten die Idee, aus ihren Proben und ihrer Arbeit im physischen Raum, im Studio, zu erzählen und die aufgenommenen Videos zu zeigen. Die Unterhaltung zwischen zwei Körpern, die das Intellektuelle in die Praxis bringt. Es war interessant, diesen Prozess gleichzeitig mit den Tänzerinnen zu erleben und dabei ihre Anmerkungen und Kommentare auf ihre eigene Arbeit zu hören.

Die letzte Performance des Abends ist nochmal eine berührende, kontemplative Erfahrung. Aktiv teilnehmen konnte das Publikum erneut. Eine meditative Reise mit körperlichem Gefühl und weiter mit einem Objekt. Iris Gravemaker und Milica Tančić, beide aus ihren eigenen Wohnungen, führten uns in eine imaginäre Sphäre. Ihre gemeinsam gesammelten Ideen kamen hier bei diesem Experiment zusammen. Die umfangreiche Welt von Möglichkeiten wurde ins Offene geworfen.

Davon ausgehend, dass der online Raum interaktiv ist, ist mit dieser Zoom-Aufführung ins Schwarze getroffen worden!


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.


 

ada Studio & Bühne für zeitgenössischen Tanz

in den Uferstudios/Studio 7

Uferstraße 23

13357 Berlin

T: +49 (0) 30-218 00 507

E: ada-berlin [AT] gmx.de

© ada Studio