Text zu ada goes garage - "reinkommen on screen" (11.-13. September 2020) von Anuya Rane

 


Vom 11. bis 13. September 2020 stellten Johanna Lemke und TEAM VOLUME ihre Recherchearbeit im Rahmen von ada goes garage - "reinkommen on screen" vor.


Ein Duo mit Johanna Lemke und ihrer 7-monatigen Tochter. Ein Duo mit einem Baby… Habe ich richtig gelesen? Anscheinend ja. Und was für ein Duo. Bevor ich etwas zu der Performance sage, muss ich einer der Performer*innen, dem Baby, applaudieren. Es hält durch, circa 50 Minuten auf der Bühne. Lässt sich von seiner Mutter, während ihre Arme es durch die Luft schwenken und der Körper sich ungehindert in den Raum dreht, in die Arme nehmen und schaukeln. Es bleibt wach und präsent. Bravo, das Baby und die Mutter. Nun frage ich mich dennoch, ob es so sein sollte, das Baby auf der Bühne.


Johanna Lemke und ihr Team wollen die Realität darstellen. Die Realität der Performance-Branche. Die Realität der Gesellschaft. Die Realität den Frauen. Frauen, die Kinder gebären. Frauen, die sich trotz der Mutterschaft in ihren Körpern wohl fühlen und ihre Weiblichkeit, ihre Sensualität, ihre Sexualität voll bestimmen. Frauen, die Mütter werden und weiter tanzen können. Frauen, die Familien gründen und trotzdem weiter tanzen wollen. Frauen, die alle gesellschaftsbestimmte Rollen spielen und trotzdem fähig sind, ihre Eigenheit zu behalten. Hat man das schon gehört? Ist das etwa ein Hindernis für die darstellenden Künstlerinnen? Leider reden wir von einem gesellschaftlichen Phänomen, das sich als Fehlschlag erweist. Die Interviews, die während der Performance auf der Leinwand spielen, sind die Zeugnisse dafür. Wie Frauen sich beschränkt fühlen. Wie ihre Identitäten, ihre Bedürfnisse plötzlich zweitrangig werden, weil sie sich zuallererst um die Bedürfnisse ihrer Familien kümmern müssen. Endlose Fragen, Frustration, vergeblicher Kampf. Es reicht. Zumindest für mich. Genau an dem Punkt habe ich meine Gedankenstürme aussetzen lassen, um mich nun auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren.


Was für mich bislang noch nicht klar war (wichtiger Hinweis: es geht um eine online Performance, die ich auf einem, wenngleich großen, Fernseh-Bildschirm gesehen habe, mich jedoch draußen, entfernt gefühlt habe. Es hat mein Raum-Gefühl als Zuschauerin ein wenig gestört.), war plötzlich offensichtlich. Das Bühnenbild spricht für sich. Geöffnete Bücher auf einer Seite des Performance-Raums. Von hoch schwebenden Büchern ist das grün leuchtende "I Love Dick" (für einen Englisch sprechenden Menschen ist der Euphemismus überdeutlich) unübersehbar. Auf eine Wand wird ein verzerrter Bildschirm projiziert. Und vor diesem bunten Chaos sitzt die "Madonna" mit ihrem Kind. Ich mag das Bild. Die Tänzerin erscheint darin in ihrem volkstümlichen weißen Kleid mit rotfarbigem strukturierten Motiv, einem Basecap und in Turnschuhen, selbstbewusst tanzend. Sie tanzt, wie sie es kann, perfekt, lyrisch, ästhetisch, weil sie es immer gemacht hat. Kurz darauf beginnt der Tanz mit dem Kind; alles sehr natürlich und harmonisch. Im Laufe der Performance werden Texte aus den offen liegenden Büchern von Johanna und dem Musiker Jacob Stoy vorgelesen. Als Referenz dienen sowohl Sartre und Brecht als auch der Comic "Der Ursprung der Liebe" von Liv Strömquist. Worum geht es? Sex, Sexualität, männlicher, weiblicher Orgasmus, sinnliche Begierde? Doch als das Baby loskrabbelt, führt plötzlich die Szene in die Entstehungsgeschichte der Menschheit.


Dann nimmt die Tänzerin wieder das Mikrofon in der Hand und singt. Das Baby guckt und beschäftigt sich mit den herumliegenden Kabeln. Die Lautstärke scheint nicht bedrohlich zu sein. Da, wo die Mutter ist, ist alles sehr wahrscheinlich sicher. Zusätzlich scheint die Mutter ganz in ihrem Element zu sein, als sie sich auskleidet und in einem roten Body einen lustvollen Tanzmoment erlebt. Tatsächlich, alles ist dabei, sogar das Stillen. Das Stück, freimütig, direkt, erinnert mich an die "Vagina Monologe".  Es gibt nichts zu verheimlichen, nichts Beschämendes. Mutterschaft ist die Tatsache des Lebens, genauso wie die leidenschaftliche Arbeit die Sehnsucht nach Leben ist.   


Interessanterweise führt mich dies zurück zu meiner Frage, ob es nötig ist, das Kind zu einem Teil des Abenteuers zu machen (Dank der Pandemie sind die Zuschauer nicht live anwesend, weswegen die Kleine vor strömendem Andrang geschützt ist). Antworten auf diese Frage finde ich wahrscheinlich nicht, da mir alles als etwas sehr Einzigartiges vorkommt. Hierzu muss ich unbedingt zugeben, dass mich die Interviews auf der Leinwand, mit gepixelten Gesichtern, zum Teil gestört haben. Was das Trio in diesem Raum darstellt, steht im Kontrast zu diesen Konfrontationen. Taten sprechen mehr als Wörter. Johanna Lemke beweist das.


Als Schlusswort fällt mir ein Bild aus einer indischen Mythologie ein. Die Göttin mit mehreren Armen, die große Kraft symbolisieren. Sie ist schön. Sie ist weiblich. Trotzdem stark und unüberbietbar. Sie gilt als "Große Göttin" und als "Allmutter".


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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