Text zu neworks (14./15. März 2020) von Carrie McILwain, ins Deutsche übersetzt von Johanna Ackva

 

 

Die Vorstellungen von neworks mussten aufgrund der Corona-Pandemie und der Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin kurzfristig abgesagt werden.

 

 

Das geschriebene Wort ist ein Schatten. Schatten sind still. Die Leser*in haucht Leben in das
Untote, und vielleicht ein Geräusch in die Stille.
(Aus Dancing at the Edge of the World, Grove Press, NY 1989)

Dieses Zitat von Ursula K. Le Guin soll hier mein Ausgangspunkt für das Schreiben über das Schreiben über Tanz sein. Le Guin beschreibt die Diskrepanz zwischen dem geschriebenen Wort und der Performance von Worten, zwischen Poesie und dem Erzählen von Mund zu Mund. Ein Knackpunkt ihrer Überlegungen liegt in der Feststellung, dass, während die geschriebene Sprache, der Text reproduzierbar ist, während Performance wiederholbar ist. Der Wiederholung fehlt die Präzision der Reproduktion. In diesem Fehlen deutet sich bereits die flüchtige Natur der Performance an, und es impliziert ihre Einzigartigkeit. Momente kann man schwer einfangen – schon beim Betrachten der Bewegung weckt die Fluidität des Geschehens mitunter Zweifel in der* Betrachter*in.
Richtungen, Intentionen, Impulse, all diese physischen Kräfte sind Auslöser und Effekte. Tänze entfalten sich für die Betrachter*in in einer ihr eigenen Zeit. Anders als bei einem Gemälde oder anderen Arten „statischer“ Kunst, hängt die Zeit nicht an der Wand, sie vergeht. Tanz ist ein geschenkte Zeit von jenen, die sich bewegen und ein geschenkte Aufmerksamkeit von jenen, die zusehen. Ein symbiotischer Geschenketausch. Zusammen nehmen Tänzer*innen und Betrachter*innen an der Veröffentlichung des Ereignisses statt. Auf ähnliche Weise könnte ein Text über Tanz als Zusammenarbeit zwischen Tänzer*in, Schreiber*in und Leser*in betrachtet werden.
Wenn ich über Tanz schreiben sollte und die Leser*in bäte, dem Dokument über den Tanz Leben einzuhauchen, dann könnte das etwa so aussehen:

die ferse der tänzerin geht in berührung
sohle trifft auf grund, grund auf sohle
die wirbelsäule klappert, ein rumsen in den ohren
wir, sehende, hören ihre schritte
das gespräch mit der schwerkraft
ein murmeln zwischen hingabe und unterstützung
der atem, ein flüstern, ein rauschen
treibt, reitet und wird geritten
alle im raum atmen die selbe luft

 

Wenn ich über einen Tanz schreibe, der niemals passiert ist, so bin ich in gleich zwei Widersprüchen verstrickt: Wie Zenons Pfeil, der in Gedanken steht, wie der Baum im Wald, der von niemandem gesehen umfällt. Wenn ein Tanz nicht stattfindet, macht er dann trotzdem ein Geräusch oder schlägt eine, wenn auch kleine, Welle? In dem Paradox, über einen Tanz zu
schreiben, den ich niemals gesehen habe, spiegelt sich die Komplikation wider, überhaupt über Tanz zu schreiben. Zwei Spiegel, die einander endlos ansehen. Wie kann man an die Dokumentation eines Ereignisses herangehen? Ist eine Bewegung schwieriger zu beschreiben, als ein Gegenstand? Kann man eine Bewegung beschreiben ohne dabei über agency zu sprechen?
Bereits meine ursprüngliche Aufgabe, die Performance eines Tanzes festzuhalten, hat mir Respekt eingeflößt. Ich war darauf vorbereitet, Bewegungen zu beobachten. Empfänglich zu sein für die Codes und Intensionen der Tanzmacher*innen. Zu versuchen, unvoreingenommen zu sein und einen Text zu schreiben, der beim Lesen jenen Moment hätte wiederbeleben sollen, den ich gesehen haben würde. Der Tanz wurde abgesagt.

unsere stadt die welt
eine choreografie der ansteckungseindämmung
der kapitalismus scheint aufs knie gefallen
verlangsamt seinen schritt; eine erforderliche pause
prekarität breitet sich schneller aus als...
auf der bühne wird es dunkler, die schatten wachsen
ungewissheit ist unsere hoffnung,
etwas im da-zwischen zu finden
corpo-realität zwischen subjekt und welt
zwischen anfang und ende
es könnte wieder hergerichtet, neu inszeniert...wiederholt werden
solidarität stehende ovation

 

 

Carrie McILwain vertritt in der Spielzeit 2019/20 von Zeit zu Zeit die ada-Studioschreiberin Johanna Ackva.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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