Text zu neworks: „constructive rest“ von Judith Förster & Pedro Ferreira (6./7.7.2019) von Forough Fami (Übersetzung aus Farsi von Shahab Anousha)

 

 

Prolog

 

Wenn ich den Titel „constructive rest“ höre, wäre meine erste Assoziation eine schwere und tiefe Beruhigung. Wenn ich aber das Programmheft checke, sehe ich mich einer Vielzahl von Vorschlägen gegenüber, die man investieren muss, um die Zusammenhänge zu entdecken. Das brachte mich dazu, nach dem Begriff konstruktiv (Konstruktivismus) zu suchen. Das sind zum Beispiel zwei Ergebnisse um den Begriff:

 

- Der Konstruktivismus ist eine psychologische Lerntheorie, die erklärt, wie Menschen Wissen erwerben und lernen können. Die Theorie schlägt vor, dass Menschen Wissen und Bedeutung aus ihren Erfahrungen konstruieren.

 

- Der Konstruktivismus versuchte, das traditionelle Anliegen der Kunst durch Komposition mit Fokus auf die Konstruktion zu ersetzen. Objekte sollten nicht geschaffen werden, um Schönheit oder die Perspektive des/der Künstlers/-in auszudrücken oder die Welt darzustellen, sondern um eine grundlegende Analyse der Materialien und Formen der Kunst durchzuführen, die zur Gestaltung von funktionalen Objekten führen könnte. (https://www.theartstory.org/movement-constructivism.htm)

 

 

Unter dem Nordlicht

 

Wie in der Tradition der Magier, die ihre Hände zu Beginn ihrer Nummer öffnen und ihr Publikum kurz ihre Hände und Requisiten überprüfen lassen (dass es keinen „Trick“ gibt), haben wir als Zuschauer die Möglichkeit, den „leeren“ Raum der Performance zu betreten, um ihn einmal zu besichtigen

Beim Betreten sieht der gesamte Raum leer und großzügig aus. Diese Wahrnehmung könnte darauf zurückzuführen sein, dass bewusst keine Plätze für das Publikum vorgesehen sind und eine minimale Einrichtung vorgenommen wurde. Dieses Raumkonzept lässt die Fantasie arbeiten, um die Bühne als Modell einer größeren leeren Landschaft zu betrachten. Auf einer Seite befinden sich drei hohe Bühnenpodesten, die an große Plateaus erinnern. Auf den Podesten sieht man die elektronischen Soundgeräte, aber meine Augen wenden sich den Ohrenstöpseln auf den anderen Seiten zu. Viele von ihnen stehen dicht beieinander. Sie formen eine Miniatur aus stillen, künstlich verdichteten Gebirgsketten. An den Wänden leuchtend blaue, rosa und grüne Farben lassen mich an das Nordlicht denken.

Als Judith Förster (Tanz) und Pedro Ferreira (Sound) zu Beginn der Show einsteigen, sitzt das Publikum. Obwohl kein bestimmter Platz für das Publikum ausgelegt ist, wählt fast jeder die konventionelle einseitige Zuschauerposition.

Die Bewegung beginnt in der Höhe, auf den Tischen, ständig begleitet von experimenteller elektronischer Musik. Wir sehen die Performerin von ihrem Rücken aus, während sie sich nur auf der vorderen Hälfte ihrer Füße am Tischrand bewegt, hüpft, ihr Gewicht ausbalanciert und manchmal sogar einen Fuß loslässt. Mikrofone nehmen den Sound ihrer unregelmäßigen, instabilen Schritte auf und verstärken ihn. Die Kombination von Klang und Kante der Höhe schafft Assoziationen mit einem Körper in Gefahr. Das ist spannend, wie mein Körper als Beobachter automatisch auf die Situation des anderen Körpers (Performerin) reagiert, indem er „die Gefahr“ wahrnimmt und miterlebt. Wir kennen diesen Mechanismus, wenn Adrenalin in den Körper fließt, während wir die Geschichte eines Bungee-Sprungs von jemandem hören, besonders im Moment des Springens.

Diese Situation im Stück dauert nicht lange, aber sie betont die Bewegungen des Unterkörpers der Tänzerin, da wir ihn gerade in einem unsicheren Zustand und viel höher als normal sehen können.

Das Licht wechselt, wenn sie auf den Boden springt. Sie behält die sprunghafte Qualität, und während sie ihre Höhe zwischen Stehen und Sitzen auf dem Boden ändert, wird das allgemeine Vokabular ihrer Bewegungen, das bis zum Ende des Stückes mehr oder weniger gleich bleibt, geformt: Neigen der Hüfte nach vorne, frontale kreisförmige Bewegungen der Arme ausgehend von den Schultern und Wirbelsäulenrotation des Oberkörpers.

Bei ihrer Choreografie gibt es auch zwei Elemente, die unsere Wahrnehmung indirekt beeinflussen: Erstens durchquert die Tänzerin den Raum, indem sie sich fast während der gesamten Arbeit rückwärts bewegt, und zweitens: Selbst auf dem Boden (sitzend oder stehend) schaut sie tief nach unten, als wäre sie noch auf der Plateau-Ebene.

Trotz der leichten Licht- und Klangimpulse ertrinkt die ganze Szene in einem meditativähnlichen Zustand, bis ein sehr hochfrequenter Noise eine Zuschauerin zwingt, den Raum zu durchqueren, um ein Paar stiller Berge zu erreichen, die sie sich als Schutz in die Ohren steckt.

Judith Förster zieht und trennt eines der Podeste, um darauf zu klettern und ihre Bewegungen fortzusetzen, wo sie sich in meinen Augen zu einem Mischwesen zwischen Vogel und Mensch verwandeln wird. Sie spreizt die Flügel, die im Laufe der Zeit größer werden.

 

Es ist schwer zu sagen, ob der Klang ihr folgt oder sie mit dem Klang harmoniert, aber was klar ist, ist, dass sie sich gegenseitig verstärken. Sie bewegt sich zum zweiten Mal in der Höhe, aber diesmal ist es der Oberkörper, der markiert wird. Die dritte Höhenstufe der Choreografie wird aktiviert, wenn sie ihre Höhe wieder ändert und in einer sehr niedrigen Hockposition auf dem Boden landet und weiterhin den vorherigen Bewegungsmustern auf dem Boden folgt.

So, wie ich diesen Teil meines Textes beende, endet die Show abrupt: Ein kleines Gerät, das wie ein kleiner Steinpilz aussieht, schaltet sich mit einem Geräusch von Staubsauger aus; der Musiker tritt heraus und die Tänzerin auch.

 

 

Epilog

 

Wenn ich mich von den Details und der Herangehensweise des Stückes distanziere und einen weiteren Blick auf seine Gesamtheit wirke, lässt mich Constructive Rest an Folgendes denken:

 

Matrjoschka-Puppen - eine Sammlung von Holzpuppen mit abnehmender Größe, die ineinander gesteckt sind, und die Wirkung, die sie erzeugen.

Ich sehe den entstehenden Raum als eine riesige, leere und manchmal verlassene Landschaft, die Öffnungen für kleinere, aber vollständige und großzügige Räume bietet. Dies geschieht meist mithilfe von Bühnenbild und Sound-Design.

 

Bruch (als Unterbrechung der konstruierten Situation):

 

Wenn „Rest“ (Erholung) bedeuten würde, die Bewegung zu stoppen, um die Kraft zurückzugewinnen, könnte „Bruch“ in seiner weiten Bedeutung die Idee von Erholung aufgreifen.

 

Alle Ebenen, auf denen das Stück stattfindet, variieren so drastisch, dass sie die Idee des Bruchs darstellen würden.

 

Das Stück kann Reaktionen der Zuschauer hervorrufen, indem es sie (auch nur für kurze Zeit) physisch auf die Bühne zieht, um Ohrstöpsel zu bekommen. Dies könnte man als „Bruch“ in der Theatralität des Stückes lesen.

 

Die Scheinwerfer auf dem Boden werden von der Tänzerin während der Show neu positioniert. Dies könnte als „Bruch“ in der traditionellen Rolle (Tanz) gesehen werden.

 

Die Veränderung des Lichts bewirkt und bewegt Schichten von immateriellen Ebenen, es wäre ein „Bruch“ im immateriellen Raum des Stückes.


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