Text zu NAH DRAN hyper-extended: Force Fields (15./16.6.2019) von Forough Fami (Übersetzung aus Farsi von Shahab Anousha)

 

 

Agnė Auželytė & Stephen Doyle: UNDONE, a heart score

 

Nach einer Stunde Laufen kommen die zwei Läufer/Darsteller*innen endlich im ada Studio auf ihrer „Ziellinie“ an, in ihren Laufkostümen: Shorts, Kopf- und Handgelenkbänder, die auch an die Kleidung der Schlagzeuger erinnern. Sie kommen an und wir betreten alle das Studio. Auf dem Boden befinden sich viele Objekte und Gegenstände; meist freistehende abgetrennte Teile von einem Schlagzeugset und in verschiedenen Größen. Einige von ihnen haben die gleiche Farbe wie die Kostüme der Performer*innen: weiß und blau. Sind diese Objekte die anderen Mitspieler?

 

Was folgt: verschiedene Körper (Körper von Performer*innen und Objekten) in der Bewegung und Erzeugung von Klängen. In ihrer Improvisation setzen sie unterschiedliche Strategien ein. Agne verwendet hauptsächlich ihre Fähigkeiten in der Bewegung, während Stephen sich auf die Vibrationen und „das Klingen“ konzentriert. Manchmal bleiben sie länger bei einem Objekt, um verschiedene Möglichkeiten und Potenziale davon zu entdecken, oder sie spielen mit einer Sammlung von Gegenständen und schaffen Zusammenhänge zwischen den Objekten und sich selbst. Während des Stückes hören sie einander und der Resonanz der Aktionen im Raum zu, haben aber fast nie eine direkte Beziehung zueinander und zum Publikum. Was ihre Beziehung als Partner betont, sind die Ähnlichkeiten in ihrem Kostüm und die Tatsache, dass sie seit einer Stunde zusammen laufen.

Was haben sie während dieser einstündigen Reise gesehen und erlebt? Und auf welche Böden sind sie getreten? Was bleibt ihnen von der Reise und wie manifestiert sie sich in ihrer Improvisation? Könnten wir ihre Herzschläge hören in dem, was sie tun? Was sind die Impulse? Wie werden unsere Herzschläge von ihnen beeinflusst?

 

Es fühlt sich an, als hätten das Schlagzeug und andere Objekte gleichzeitig begonnen, sich im Studio nach oben zu bewegen, als sie ihren Lauf gestartet haben, und als sie ankamen, fielen sie auf den Boden und wurden zerstückelt, und jetzt versuchen sie, die Beziehung zwischen diesen Teilen zu finden, um sie wieder aufzubauen oder eine neue Einheit zu schaffen.

UNDONE, a heart score läuft wie ein Gedicht in seinem Flussbett und mit seinem Stottern, um seine Teile und Partikel zurückzufinden.

 

Wenn die Zeit abgelaufen ist, bleibt das Gedicht unvollendet.

 

 

Simon Vassinen: Gegenübertragung

 

Ein Sessel und eine Liege befinden sich in der Mitte des Raumes. Diese beiden Elemente allein mit Hilfe des Stücktitels reichen aus, um eine Situation zu konstruieren (repräsentieren), die jeder schon erlebt oder mindestens davon gehört hat: Eine Situation von Patient und Psychoanalytiker.

 

Simo Vassinen lässt seine persönlichen Gegenstände wie Schuhe und sein Handy auf der linken Seite des Studios liegen und tritt in die Situation ein. Ruhige Musik beginnt wie ein Metronom zu klingen und geht dann über zum Techno. Mit geschlossenen Augen beginnt er, seinen Körper zu berühren, der auf der Liege ruht. Minimales Bühnenbild und Licht fokussiert die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Details seiner Bewegungen.

 

Bis auf die Musik beziehen sich von Anfang an fast alle Elemente dieser Show auf die eine Situation: Gegenübertragung (*).

 

Die Musik fungiert als Außenseiter dieser Situation ohne direkten Bezug; sie schneidet die Beziehungen und ändert die Erwartungen und fügt eine weitere Ebene hinzu, aber schließlich löst sie sich auch in der gesamten Umgebung auf und wird Teil davon.

 

Er kriecht über und unter die Liege und später auf den Sessel. Von Anfang an sind die gesamten Bewegungen um diese beiden Orte/Positionen herum: die Liege und der Sessel bzw. Patient und Psychoanalytiker. Nach einer Weile tritt die Rolle eines Teppichs als drittes Element dazu, um den Übergang zwischen den Rollen zu erleichtern; er eröffnet auch den Weg, sich im Raum um diese beiden Bereiche herum zu bewegen, wenn die Darsteller und der Teppich verschmelzen und eine sich bewegende Einheit werden. Das entstehende Bild erinnert an eine Szene in der Performance „Cayot, I like America & America likes me“ von Joseph Beuys.

 

Obwohl es in dem Stück Hinweise auf die Welt der Psychoanalyse gibt, die durch den Ausdruck von Physical Theater realisiert werden, ist klar, dass das Bühnenbild einen großen Teil der Kommunikation in dem Stück hält. Dann fragt man sich, wie es funktionieren würde, wenn das einzige Element auf der Bühne der Körper des Darstellers gewesen wäre? Und dann, wie viel von dieser Kommunikation könnte vom Darsteller geleistet werden?

 

(*) Gegenübertragung ist ein Begriff der Psychoanalyse, der definiert ist als die Übertragung der Gefühle eines Psychotherapeuten auf einen/er Klienten/in.

 

 

Jelena Alempijević, Nuria Höyng & Lena Strützke: Die Fahrt

 

Die Fahrt ist ein Trio; ich sehe es als ein Trio in seiner äußeren Form, aber eigentlich sind es drei Solo-Reisen der Performerinnen zusammen, gleichzeitig und unabhängig voneinander; wie eine Reise in einem gleichen Zug, mit der gleichen Geschwindigkeit, aber in drei verschiedenen Abteilungen.

 

Diese Dreieinigkeit manifestiert sich auch in den Tempi: Tempo des ganzen Zuges (das ganze Stück), Tempo der Körper der Tänzerinnen (innerhalb des Zuges) und Tempo der sich schnell bewegenden Bilder außerhalb des Zuges (Musik).

 

Drei Tänzerinnen beginnen das Stück an der rechten Ecke, in der Tiefe. Sie sind dort, wo sich die Wände treffen und erst, wenn sie beginnen, sich voneinander zu distanzieren, wenden sie ihre Körper dem Publikum zu. Drei Körper, die alle große, lange und lose Mäntel tragen. Die einzigen sichtbaren Teile Ihrer Haut sind Gesichter, teilweise Arme und Hände.

In der Leere des Studioraums, die neutral ist und am Anfang jegliche Bedeutung impliziert, bedeckt ein großes Bild von einer Ziegelwand fast die Hälfte der Studiowand und teilt den Raum in „Drinnen“ und „Draußen“.

Aus der Ecke bewegen sie sich und in Zeitlupe öffnen sie den Raum für das gesamte Studio. Sie teilen ihre Präsenz, sammeln und komprimieren sich nie, so dass fast während der gesamten Choreografie alle Bereiche gleich gewichtet sind. Bei ihrer Bewegung ändern sie ständig ihren Level, aber man kann kaum sagen, was sie präsentieren oder womit sie beschäftigt sind. Es ist eine Qualität zwischen Lässigkeit und Zurückhaltung. Sie lassen sich zuschauen, aber sie schauen nicht auf die Umgebung; als ob es eine unsichtbare Wand zwischen uns gäbe, als ob wir sie in einem Schaufenster sehen würden, das ihre Arme und Hände zum Zeigen bringt.

 

Die Musik als einflussreiches Element steuert mit ihrer Präsenz und Abwesenheit bei.

 

Das Stück zieht seine Komponenten bis zur Tiefe der rechten Ecke heraus, um es wie begonnen zu beenden.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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