Text zu NAH DRAN 68 (20./21. Januar 2018) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

NAH DRAN 68. Schreiben, Neuschreiben, Spurenlesen – #Palimpsest

#INTRO: Im folgenden Studioschreiber-Text wenden wir das Prinzip des Palimpsests an. Diese Texte sind in geteilter Autorinnenschaft entstanden. Ihr Wort-Material besteht aus je zwei mal drei Einheiten 5minütigen automatischen Schreibens. Die „automatischen Gedankenströme“ der einen Studioschreiberin dienen der anderen in einem zweiten Schritt als Roh-Material für den „fertigen“, überformten Text.

Spuren der Gedankenströme durchkreuzen den Textkörper als Durchstreichungen.

Viel Vergnügen beim Lesen, da fällt mir gar nicht so viel ein. Auf los geht’s los.

Eure Studioschreiberinnen

Alexandra und Johanna !


Alica Grant:
Coming Over an Environment

Alicia Grant entwirft einen Raum, dessen Deutungen bis zuletzt unklar bleiben und der die Zuschauenden in eine psychodelische Tagtraumreise versetzt. Ihre Bewegungsqualität – angespannt-gekrümmt, dabei gleichzeitig merkwürdig ungerichtet und der absurd-komische Einsatz von Stimme, Requisite und Sound verstärken diesen Eindruck. Coming Over an Environment „überkommt“ dabei wörtlich die Möglichkeit einer eindeutigen Lesart – die eklektische Anordnung der Choreografie changiert zwischen Grusel und Komik, ohne sich der Willkür hinzugeben.
Wie die Bewegung, nicht sehr deutlich entrückt, aber ein wenig. Fast schon gruselig. Zu Beginn des Stücks robbt sie in seitlicher Haltung halb liegend auf die Bühne, wie eine versehrte Sphinx, die ihre untere Körperhälfte hinter sich herziehen muss. Die Handgelenke gekrümmt manchmal, überhaupt viele Körperteile ein wenig gekrümmt, nicht sehr deutlich aber trotzdem oder gerade deshalb etwas merkwürdig. In der Mitte des Raumes angekommen, widmet sie sich einem Teil des Bühnenbildes, das aus zwei Stühlen besteht, die zu skurrilen Gefährten werden. Und dann diese wahnsinnig hässlichen Stühle, in diesem glänzenden Buchenholz und mit den orangenen Samtbezügen. Und dann umfasst sie den Stuhl so seltsam, und ich muss auch an körperliche Behinderungen denken, an Spastiker musste ich sofort denken.
In diesen subtilen Bewegungsqualitäten erscheint die Performerin selbst in der gesamten Performance auch heikel, unentschieden, mit welchen konkreten Körperbildern hier operiert wird. Die Wahl der Stühle/des Kostüms (komische karierte Hose und nichtssagendes T-Shirt, würde ich als Schlaf-T-shirt bezeichnen, die weißen Nike-Sneaker lassen eine eigentliche Stilsicherheit hervor blitzen. Noch nicht mal wirklich hässlich, aber ein bisschen) markiert diesen ästhetischen wie formalen Bruch mit Eindeutigkeit. Aber dann wird’s gar nicht mehr subtil Sie beginnt zu summen, mit verzerrten Mundwinkeln, aber halb hinter dem Stuhl versteckt, bis aus dem Summen ein Grölen wird, ihre Stimme sich weiter erhebt und in dieser Verzerrung etwas bedrohlich Dumpfes bekommt. Ich muss an grölende Fußballfans denken, und an Betrunkene und an Behinderte. Und dann wird es noch ganz weird, weil sie dann die Stühle drapiert und beginnt, da drum herum zu galoppieren, und dazu Hundebellen aus dem Off.
Das ganze Setting schaukelt sich zu einer Aneinanderreihung seltsamer Szenen hoch, um in einer hypnotischen Ansprache zu enden. Das Ende ist schön. Grünes Licht, Mikro und die Ansage, dass ich das alles vergessen werde, mein Körper wird schwer und mein Gesicht auf dem Kissen, Traum, Vergessen.


Laura Witzleben:
Don't smoke under water

Es beginnt mit einem starken Anfangsbild, das in seiner Ruhe und fast schon meditativen Stimmung einen kraftvollen Auftakt bildet: Zwei Frauen halten sich gegenseitig im Nacken fest und lassen sich von ihrem Körpergewicht nach hinten ziehen. Sie formen ein skulpturales Gebilde zweier Körper – runde Rücken, Knie gegenüber voneinander leicht gebeugt. Ich denke an zwei Ringerinnen, die sich gegenüberstehen und in die Augen schauen, einander das Gesicht der Anderen anvisieren, im Anblick der Anderen etwas über sich selbst erfahren. Einen Mittelpunkt finden, um nicht umzufallen – Jing und Jang, zwei Halbkreise auf der Mitte der Bühne. Das leichte Wanken zur einen oder anderen Seite ist das Austarieren des gemeinsames Schwerpunktes, die Hände und Arme suchen nach einem Weg, sich voneinander aus der funktionierenden Position zu lösen, wir können die einzelnen Muskeln sehen, wie sie ihre Schwerpunkte verschieben. Eine kleine akrobatische Vorleistung. Ruhe und Kraft geht von diesen zwei Frauenkörpern aus.
Und dann fallen beide auch irgendwann gleichzeitig um. Es war auch sehr theatral (aber gut) ausgeleuchtet, aber darin irgendwie schon wieder fast altmodisch.
Dann, umfallen, am Boden liegen, sich gegenüber stehen, aufhelfen, wieder umfallen
Ich war positiv überrascht, weil […] Ich mochte auch, dass es keinen Trend verfolgt, es war so für sich ganz roh irgendwie, […] gut gearbeitet. Die beiden Tänzerinnen verfolgen ein eher klassisch anmutendes Bewegungsmaterial – Partnerinnen-Übungen zwischen Abstoßen, Aufnehmen, Miteinander und Gegeneinander agieren. Das tun sie technisch sehr versiert und daher lässt es den Zuschauer*innen den Raum, abzuschweifen und die getanzten Beziehungsdynamiken mit eigenen Gedanken zu schmücken. Voraus gesetzt, dass frau sich nicht von der Erscheinung der beiden Tänzerinnen irritieren lässt. Aber die Kostüme, entschuldige aber das geht echt nicht. Wieso zieht man sich denn so Unterwäsche an? Ich schätze, weil es eine Art Entblößung/Sensibilität der Seele spiegeln soll. Der große Vorwurf, der sich an diese Arbeit stellen lässt, ist nämlich, dass die zwei Tänzerinnen allzu technisch agieren, sich jedoch um die performative Dimension ihrer Arbeit kaum Gedanken gemacht haben. Zwei junge Tänzerinnen in Unterwäsche, in Paarhaltung. Liegen aufeinander. Soll das erotisch sein? Dafür ist es leider viel viel zu brav. Bis zu Letzt bleiben die beiden in ihrer Haltung zueinander völlig unentschieden, beziehen zu ihrer Konstellation kaum Stellung, (Da knistert gar nichts, ich hatte schon Angst, dass es zwei Schwestern sind.) und entwerfen so ein erschreckend harmloses Bild zweier tanzender Frauen. (es geht nur um Technik.) Die Stärke und Präzision des Anfangsbildes löst sich bald in schön getanzte, aber wenig inspirierende Paarphrasen auf.


Lyllie Rouvière:
Air-conditioning

Für das letzte Stück an diesem Abend von der in Architektur und Tanz ausgebildeten Choreografin Lyllie Rouvière wurde der Raum verändert: Wir sitzen auf dem Boden im Halbkreis auf Matten, weil es von hier aus leichter ist, die Distanz zwischen uns und der Tänzerin Julek Kreutzer zu verringern – oder auch etwas anderes aufrecht zu erhalten?
Julek Kreutzer gibt sich einer Verwandlung hin. Mit ihrer großen braunen Felljacke sieht sie aus wie ein Grizzlybär oder wie ein großer Vogel mit Plüschfedern, darunter trägt sie oben nichts, unten eine kurze Hose und Sneaker. Wie ein Strauß. Es scheint, als ob der große Fellkragen tanzt, sobald sie sich bewegt, er zittert und pulsiert, manchmal erscheint die Tänzerin in der Jacke wie ein rundes tanzendes Fellknäuel. Sie beginnt, sich in eine andere Gestalt zu verwandeln, gibt zischende haspelnde Geräusche von sich, lässt mechanisch ihre Muskeln spielen, erzeugt Stimm-Laute wie Scharniere, die ineinander greifen. Das alles recht surreal, die Performance erinnert ein bisschen an Butoh, an eine Verwandlung in eine Gestalt ohne Alter und Geschlecht. Und so bewegt sie sich zwischen unseren Reihen und ich weiß nicht, warum das eigentlich so packend und rührend ist, wie ich hier auf meinen Körper und auf die „ordentliche“ Gestalt, die ich hier bin, zurück geworfen werde. Vielleicht können wir durch Bewegungen und Haltungen diesen (uns zugewiesenen) Körper vielleicht doch (kurz) überwinden?
Julek Kreutzer entwickelt mit ihrem Tanz eine Architektur der Gestalten: Als Grizzlybär, straußenhafter Vogel, Roboter lässt sie sich scheinbar von Bewegungsimpulsen durch den Raum lenken, verfällt in eine Art Trance des Sprechens, als ob sich diese Gestalt ihrer Wut, ihrem Zorn hingibt. Sie wiederholt immer wieder Geräusche die wie Zauberformeln klingen und dann geht es weiter, sie fegt durch den Raum, stampft drei Mal auf, stößt ein paar Schreie aus, schaut sich suchend um und darin liegt irgendwie so etwas Tieferes drin.
Die Tiefe dieser Arbeit liegt vielleicht auch mehr darin, welche Gedanken und Gefühle beim Zuschauen dieser Performance provoziert werden, als dass eigentlich etwas Konkretes passiert. Ganz reduziert ist dieses Setting auf Bewegung, Präsenz und die fragile Situation des Zuschauens und angeblickt Werdens. Julek Kreutzers bemerkenswerte Konzentration in der Bewegung und ihr eigenwilliger Ausdruck in Gesicht und Körper, der sich eindeutigen Zuweisungen tatsächlich verweigert, sprechen für sich. Mir geht es ein bisschen wie damals, als ich zum ersten mal ein Stück von Angela Schubot gesehen habe. Diese Kraft und das Sportliche an ihrem Körper, das Uneitle, das trotzdem eine gewisse Schönheit gar nicht ausschließt. Der Moment, wenn sich ihre Augen in den Augäpfeln von Seite zu Seite manisch kreisen lassen und sie fast außerhalb ihres Körpers zu sein scheint…


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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