Text zu NAH DRAN 47 (29./30. November 2014) von Thomas Schaupp

 

 

Landschaften, geschaffenes Land für Koexistenzen, sie durchziehen diese siebenundvierzigste Ausgabe von NAH DRAN an diesem Abend. Alle drei Tanzstücke arbeiten mit Metaphern des uns umgebenden oder von uns erschaffenen Raums, des Eigenen und des Anderen, des natürlichen und des digitalen, des zeitlichen und zeitlosen. In allen drei Arbeiten werden Landschaften über die Körper erzählt oder behauptet. Allerdings merkt man auch, dass sich die generelle Perspektive auf diese Welten (wieder) auf ein „ich in der Welt“ verschiebt, eine Tendenz, die sich neben dem Interesse der (Berliner) zeitgenössischen Tanzszene für Gemeinschaft und Kollektiv (Isabelle Schad, Kat Válastur, Martin Nachbar und so weiter) zu etablieren scheint. Obwohl, wirklich neu ist dieses „Ich“ in der Kunst nicht - wahrscheinlich gar schon eine allzu forsche Behauptung von mir, überhaupt von einer wiederkehrenden Tendenz zu sprechen. Aber Papperlapapp – Ich erlaube mir einfach mal, weiter laut vor mich hin zu denken (dass machen wir in unseren Gefilden doch eh so gerne, warum dann nicht auch mal schwarz auf weiß): Vielleicht treten das „Ich“ und das „Wir“ nur gerade dadurch wieder mehr in den Vordergrund, da beides in unserer heutigen Zeit zunehmend im Digitalen aufgeht: Etwa in virtuellen Gemeinschaften und Freundeskreisen mit Profilen, von denen wir nur die wenigsten Menschen dahinter tatsächlich kennen, oder denke man an das zweite Ich in der virtuellen Selbstbehauptung... wer bin ich da und wer bin ich hier? Im „digital native“-tum erweitert sich sowohl das „Ich“ als auch das „Wir“ und verliert sich ins Unermessliche. Also bringen wir es wieder in Verhandlung, begeben uns auf die Suche nach den Realitäten eines heutigen Seins. Sich wieder zu finden, ob für sich oder unter anderen, heißt immer auch, sich zu (ver-)orten und in Bezug zum Raum zu setzen, eine Landschaft zu schaffen, in der man sich bewegt oder die einen bewegt. Wie sinnierte schon Johann Wolfgang von Goethe einst in seinem Gedicht „Ganymed“: Ich komm! Ich komme! Wohin! Ach Wohin!

Passend zum Jubiläum des Mauerfalls, der sich nun vor kurzem zum fünfundzwanzigsten Male jährte, ach diese Parallele lag so schön auf der Hand, brachten Raisa Kröger und Florian Bücking ihr Stück „the wall // exercise on borders“ auf die Bühne – eine schöne Meditation über die zweisame Einsamkeit. Das Territorium, das sie hier beide für sich behaupteten, war ihr Körper. An ihm entlang bewegten sie sich in weichen Bewegungen auf-, über- und nebeneinander. Wie die Projektion, die hinter ihnen an die Wand geworfen wurde – schwarze Linien, die ins Weiß drangen oder umgekehrt, in ein gemeinsames Grau verwischen zu versuchten, und doch stets schwarz und weiß bleibend – überlagerten sich ihre Körper auf dem Weg durch den Raum. Getaktet durch den arhythmischen Klang eines Uhrschlags wurde eine Zeit behauptet und gleich auch wieder aufgehoben, oder zwei Zeiten? Trotz ihrer gleichen Kostümierung blieben sie doch zwei Körper nebeneinander. Die Blüten auf ihren Hemden blühten auf zwei unterschiedlichen und es gab keinen Versuch des Drängens ineinander. Die Not dazu war gar nicht vorhanden. Aber ja, als Stück wäre das vielleicht auch zu dramatisch gewesen – bis zum Exzess konnten wir diese Versuche ja an anderer Stelle mit der Serie von Schubot und Gradinger erleben. Nur das Licht, das am Ende zwischen Schatten und Helligkeit mäanderte, ließ die Körper für Augenblicke zur schwarzen Skulptur verschmelzen, ob dass wir bereits wissen, dass es doch nicht wirklich so ist. Die Grenzen bleiben dicht, die beiden Körper in sich intakt. Die Behauptung und/oder Untermalung dieser Tatsache war nicht langweilig, „the wall // exercise for borders“ hatte dafür aber auch die richtige Länge.

„Liven“ von Martina Garbelli und Annukka Hirvonen war für mich leider die schwächste Arbeit an diesem Arbeit. Der Programmtext verrät eigentlich schon alles: „Zwei Frauen. Ein Raum. Der Wind. Ein Zwiegespräch“. Die Landschaft ist da auch schon klar verortet. Tatsächlich ließen sich all diese Elemente auch wiedererkennen. Doch erinnerte das Ergebnis fürwahr zu sehr an die Präsentationsarbeit einer modern dance class, wie eine Kollegin von mir treffend zusammenfasste. Die Konzeption und Dramaturgie des Stücks war einfach zu uneinheitlich, untermalt von eklektischer Musikwahl. To be liven, also so viel, wie von etwas belebt zu werden, das war wohl die Rolle des Windes oder des Windstoßes, dem die eine Tänzerin die andere peitschend aussetzte – die Bewegungsrecherche dahinter aber offenbar (noch) nicht vollendet. Eigentlich schade, denn ich denke, mit etwas mehr Konzentration auf das Wesentliche und dem Mut zum Auslassen und einem Umgang mit dem tatsächlichen Raum (!), kann eine spannende Arbeit aus „Liven“ werden. Dann kann uns der Wind, der hier noch wahllos durch die Gefilde zieht, ergreifen in seinen Sog oder zumindest einen klareren Raum schaffen für einen Dialog der beiden. Die Performerinnen Martina Garbelli und Annukka Hirvonen, sich gegenseitig hin und her durch den Raum werfend, haben immerhin eine spannende Präsenz auf der Bühne.

Ganz eigen schließlich Noha Ramadan’s Vorschau auf ihr abendfüllendes Stück „Los Angeles“, das im Rahmen der Tanztage 2015 seine Premiere feiern wird und auf die man definitiv gespannt sein darf. Ihre Arbeit erinnert mich in Stellen an die Figuren in den Videoarbeiten des amerikanischen Digital native Künstlers Ryan Trecartin (eine Ausstellung zu ihm war vor kurzem in den Kunstwerken Berlin zu sehen), nur ohne all das Tamtam drumherum. Man merkt „Los Angeles“ durchaus an, dass es noch im Entstehen ist, die Dramaturgie ist noch nicht ganz ausgereift und die Präsenz der Figur noch etwas unstet. Nichtsdestrotrotz war es ein aufregender Einblick in den Zwischenstatus ihrer Arbeit. Noha Ramadan warf sich von einem utopischen Ereignis ins andere, kämpfte mit unsichtbaren Gegnern, wanderte durch imaginäre Wälder und Wüsten und packte die ganze Welt in einen Fetzen Stoff. Es macht Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie unsere Existenz in der heutigen Zeit auf charmante und doch auch gnadenlose Art und Weise entlarvt. Verloren im Zwischen von Realität und virtueller Welt kristallisiert sich an ihrer Bewegung unsere Koexistenz im Hier und im Digitalen. Wir können die ganze Welt mit einem Mausklick bereisen, wahnsinnige Schlachten führen und Biographien erdenken, romantisieren dabei aber zunehmend einen Begriff von Heimat, nach der wir uns mit Marmeladen frisch aus Bauernhöfen in Brandenburg sehnen. Nun gut, da gehen auch schon wieder die Gäule in mir durch, ähm, mein lautes Denken von eben wieder weiter... Ich denke, hierbei belasse ich es auch einfach mal und verweise auf das Showing von „Los Angeles“ im Januar. Auf dann!


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