Text zu 10 times 6 (8./9. November 2014) von Thomas Schaupp

 

 

Sechs Minuten...... die lassen sich schnell verschwenden, können aber auch sehr wertvoll sein. Das kann so auch für Tanzstücke gelten: Kurze Stücke können prägnante und bisweilen geniale Wirk- und Wahrnehmungserlebnisse entstehen lassen. Überhaupt, es braucht nicht immer ausladend lange Szenerien, um den Kern eines Stücks zu vernehmen. Das gilt insbesondere eben auch für den nonverbalen und mithin abstrakten Tanz, mehr noch als für das Theater. Sechs Minuten könnten einschlagen wie eine Bombe. Ich erinnere mich dahindenkend aber auch an eine Diskussion am Rande einer „NAH DRAN“-Vorstellung im letzten Jahr, mit Franziska Werner, Jan Burkhardt, Gabi Beier und mir. Durchaus kontrovers diskutierten wir über den Begriff und die Bedeutung eines „abendfüllenden“ Stückes. Ja, wir sind daran gewöhnt, für einen „ganzen“ Abend ins Theater zu gehen und rechtfertigen das stets auch mit den Preisen für eine Karte – schließlich bezahlen wir ja auch für die Dauer des Vergnügens. Dahinter steht natürlich auch das Gewohntsein an die alte Tradition abendfüllender Programmplanungen im Theater. Kürzere Bühnenkunststücke kennen wir eher nur aus dem schulischen Rahmen, denken wir etwa an die gern in den Theaterkursen verwendete Form des Dramoletts oder Einakters – wobei, ob das wiederum vielleicht daran liegt, dass wir den Jungschauspielern gemeinhin nur unter Vorbehalt das Talent zutrauen, uns länger als zwanzig Minuten begeistern zu können? Meine bisherige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit ChoreographInnen zeigte mir aber auch, dass es eine magische Minutenzahl zu geben scheint, die nicht unterschritten werden darf – unter fünfundvierzig Minuten bekommt der/die eine oder andere schon ein schlechtes Gewissen. Alles deutlich unter vierzig gilt schon als kleiner Fauxpas und wird auch von den (ko-)produzierenden Häusern kaum noch goutiert. Und erst Recht verstehen wir nicht, wieso jemand Fördergelder für etwas abgreift, das nicht einmal so lange braucht wie ein Burger im Schnellrestaurant verschlungen ist. – Wie sehr wir doch schon zu Kulturökonomen verkommen sind (aber das ist eh nochmal ein Thema für sich). Dabei gibt es doch eigentlich kaum einen schöneren Moment, als mit dem Gefühl aus dem Theater zu gehen, dass man gerne noch länger geblieben wäre, oder? Wie auch immer, ich glaube, dass die „notwendige“ Dauer eines Tanzstücks spannender und auch aktueller Diskussionsstoff sein kann. Man denke da beispielsweise auch an das jüngst durch Europa tourende Tanzstück „Plateau Effect“ von Jefta van Dinther: Nach seiner eigenen Aussage hätte es eigentlich nur halb so lang sein müssen. Der Rest der am Ende insgesamt „guten“ Stunde sei Füllmasse und genau darunter leidet das Stück meiner persönlichen Meinung nach auch, und das nicht zu knapp. Sollten wir vielleicht unsere allgemeine Erwartungshaltung ändern?

Das ada Studio geht mit seinem Format „10 times 6“ jedenfalls einen galanten Mittelweg und macht aus zehn sechsminütigen Stücken ein abendfüllendes Ereignis. Ähnliche Formate sind durchaus auch an anderer Stelle zu finden, denken wir da etwa an den biennalen Wettbewerb „Das beste deutsche Tanzsolo“ im Rahmen der euroscene Leipzig. Bei „10 times 6“ muss es sich aber nicht ausdrücklich um ganze Stücke handeln, sondern es können auch Arbeitsansätze oder Ausschnitte längerer Arbeiten gezeigt werden. Vor allem versteht sich das Format als eine „Plattform für experimentelle Ansätze in der Darstellenden Kunst“. Allerdings war die Experimentierfreude bei den eingeladenen ChoreographInnen leider eher begrenzt, soviel vorweg. Und auch wenn ich zuvor eine Breche für das Kurzstück geschlagen habe, lange nicht jedes ist dadurch automatisch besser. Nein, leider ist eher selten in der Kürze die Würze auszumachen, und genau da liegt, denke ich, auch die spannende Herausforderung an das Genre des Kurzstück. Nur so nebenbei, gleichzeitig erwischte ich mich auch selber immer wieder dabei, automatisch in die Länge zu denken und jede Arbeit im Geiste auf ihre abendfüllende Tauglichkeit zu überprüfen. Tradition liegt einem manchmal echt schwer auf den Hirnwindungen. Dem gewahr, möchte ich jetzt zumindest auch mal einen Blick auf das eine oder andere Stück des Abends werfen – auf alle zehn werde ich allerdings nicht eingehen.

Wohl die spannendste Arbeit war direkt die erste, „kisses for chaos“, von Katharina Greimel und Ana Jelušić. Die Küsse fürs Chaos luden uns in „sechs kostbaren Minuten“ hochachtungsvoll ein, dabei zu sein beim „Legen des Grundsteins für eine neue Dynamik, des Verhältnisses von Gender und Wissen“... was auch immer das heißen will... ist auch egal, denn wenn Blicke töten, nein küssen könnten, dann.... Die beiden saßen nebeneinander auf zwei Stühlen, schauten erst sich und dann zunehmend auch uns an, während sie erst ganz entrückt blinzelten und später auch mit den Lippen schnalzten und sehr feinfühlig ihre Gesichtszüge und den Oberkörper wiegten und so zunehmend auch aufdringlicher und schärfer umherschauten. So rückten sie immer näher an uns heran, ohne sich vom Platz zu bewegen. Was passiert da gerade zwischen den beiden und was passiert da zwischen uns, fragte ich mich. Mit reduzierten Mitteln schufen die beiden eine wunderbar intime und doch auch verstörende Atmosphäre. Dann plötzlich brachen sie diese auch wieder, wohl auch im richtigen Moment und gingen gemeinsam von dannen. Nur das Ende war ein klein wenig Schade, denn anstatt einfach verschwunden zu sein und mich mit diesem schwer greifbaren Gefühl zu hinterlassen, positionierten sie sich hinter der Tür (die ein Glasguckloch besitzt), lösten den wirren Moment auf und setzten zum stummen Gespräch an. War das der ganze Ansatz dazu? Wie auch immer, „kisses for chaos“ ist eine spannende Arbeit mit zwei ausdrucksstarken Performerinnen, die man erlebt haben muss, um sie zu greifen.

Leonardo D’Aquino hatte mit „Cloven“ zumindest die Lacher auf seiner Seite. Er schuf einen lustigen kleinen Sketch, gespalten zwischen Jäger und Gejagtem, Mord und Totschlag, Kaninchen und blutrünstigem Wahnsinningen... vielmehr dahinter ist da sicherlich aber auch nicht zu vermuten. Bemerkenswert ist vielleicht, dass ein Tier auch in zwei weiteren Arbeiten eine Rolle spielte. Obwohl, das ist ja gerade eh auch ziemlich en vogue. Sabrina Marwa zelebrierte in „Bear with me“ ihr gestörtes Verhältnis zu einem Riesenkuschelbären, während Barbara Berti mit „Bau #1. An interactive piece“ uns doch ernsthaft sechs Minuten lang anbellte, scheinbar auf eine Gegenreaktion wartend (im Sinne einer Interaktion). Wobei, darauf muss man erst einmal kommen und es macht mich schon doch auch neugierig auf Bau #2 und #3, wenn es denn eine Fortsetzung geben sollte. Experiment gescheitert, aber immerhin gewagt – Chapeau!

„Bear with me“ sowie „Die Mauer“ von Amara McPhail und „raftani – Vergänglichkeit“ von Niloufar Shahisavandi und Felicitas Ritter scheiterten für mich leider an ihrem altbackenen Ansatz, innere Emotionen oder Gefühlswelten auf klassische Weise zum Ausdruck zu bringen, sowohl konzeptuell als auch etwa über Ausdruck oder Musikwahl. Rachell Clark mit „A Solo and About Nothing and Everything“ und Mirjam Sögner mit „LARA“ wiederum haben ganz spannende Ansätze gefunden, überzeugten mich aber vor allem durch ihre Performerqualitäten und ihre Bühnenpräsenz. Während Rachell Clark das „alles und nichts tun“ auf charmante Art und Weise durchlebt (womit aber auch schon wieder alles gesagt wäre), schafft es Mirjam Sögner tatsächlich, mit LARA eine hybride Figur zwischen realem und doch virtuellen, unnahbaren Ausdruck zu verkörpern. Über die weitere Entwicklung dieser Arbeit darf man gespannt sein, sie ist augenscheinlich für ein abendfüllendes Programm ausgelegt.

Ein gelungener Abschluss gelang schließlich Justyna Kalbarczyk, der letzten Gewinnerin des schon erwähnten Wettbewerbs „Das beste deutsche Tanzsolo“, mit „How similar I am to your grandma“. Deshalb gelungen, weil sie sich nicht nur selbst, sondern auch die ganze Breite der Tanzszene (deren Querschnitt ja man auch an diesem Abend vertreten hatte) wunderbar auf den Arm nahm. Sie stellte uns drei Ansätze zum Scheitern vor und instruierte uns auch, dieses durch die Verweigerung des Applauses zu untermalen. Dann wagte sie sich nacheinander an die Ansätze an und gab erst einmal ihre bestes mit Whitney Houstons „I love you always forever“, dem wohl beliebtesten und in Castingshows am meisten vergewaltigten Song der Musikgeschichte. Natürlich gab es Beifall für den famos-schrägen Beitrag – schließlich ergötzen wir uns ja auch bei den Castingshows vor allem an den Nullnummern. Sie endete schließlich mit dem Versuch darzustellen, wie sehr sie doch inzwischen ihrer Großmutter ähneln würde. Genau, das ist für uns natürlich völlig unnachvollziehbar, wie sie zuvor auch entwaffnend erläuterte. – Sie kann einfach machen was sie will und genau das hat sie auch getan. Und ich glaube, damit bringt sie ganz gelungen auch das Problem dieses Abends auf den Punkt: Es geht vor allem ums Präsentieren und leider viel zu wenig ums Experimentieren, Ausprobieren oder Neues Wagen... Echt schade! Und deshalb fehlen im Grunde auch die Worte. Und deshalb ist jetzt auch Schluss, habe eh auch schon um circa fünf Leseminuten überzogen.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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