NAH DRAN

23./24. Januar 2021

 

NAH DRAN ist eine Performance-Reihe für junge Berliner Choreograf*innen. Sie bietet die Möglichkeit, neue Stücke - fertig oder im Arbeitsprozess - zu präsentieren. Das Format versammelt drei Stücke verschiedener junger Künstler*innen an einem Aufführungsabend. NAH DRAN („close to“) bedeutet, dass es buchstäblich keine Lücke zwischen Performer*innen und Publikum gibt, was einen intimen Rahmen für das Teilen der Arbeit schafft.

 

NAH DRAN” is a performance series for Berlin based emerging choreographers. It provides an opportunity to present new pieces, finished or in process. The format assembles 3 pieces by different young artists in one performance evening. “NAH DRAN” (“close to”) means that there is literally no gap between performers and audience, which offers an intimate setting for sharing the work.

Fotos: Colette McIsaac / Julia Radewald / Videostill Roham Amiri Far

Kiki Ramos Sorvik: Optical Phenomena

 

Das Machtverhältnis zwischen meinen Selbstdarstellungen und meinem Handeln. Was definiert meine Form in einem bestimmten Moment und welche Möglichkeiten der Mutation ergeben sich? Projektion, Schatten und Reflexionen. Die Projektion als zweidimensionales, nicht erreichbares Bild, das man erreichen möchte und dem man dennoch entkommen will. Der Schatten als die Angst vor sich selbst, immer versteckt hinter dem Objekt. Die Reflexion als Möglichkeit der Konfrontation. Reflexion von Licht und Schatten, die Schaffung neuer Räume, virtueller Räume, in denen sich die Beziehung zum eigenen Selbst und zu Anderen ändern kann.

Kiki Ramos Sorvik wurde in Buenos Aires und lebt seit ein paar Jahren in Berlin. Als sie mit 16 Jahren begann, sich dem zeitgenössischen Tanz zu widmen, bildete sie sich zusätzlich in Ballett, Yoga, Kampfkunst und Improvisation weiter. Kiki zog nach Berlin, um ihren Weg als Tanz- und Performancekünstlerin weiter zu gehen und ist derzeit an mehreren interdisziplinären Kunstprojekten beteiligt. Sie ist die Gründerin von BARDO Collective, einer performativen Forschungsgruppe mit migrantischem und queerem Hintergrund, die sich mit szenischen Erzählungen und ortsspezifischer Improvisation befasst. Außerdem arbeitet sie derzeit an einem performativen Projekt mit audiovisuellem Schwerpunkt, welches den Namen „The Fear of Insects‟ trägt. Kiki stellt die Erforschung und Realisierung eines kollektiven Körpers in den Mittelpunkt ihrer konzeptionellen Arbeiten.

 

The power relationship between my self representations and my doing. What defines my shape in a certain moment and how that mutates. Projection, shadows and reflections. The Projection as a two dimensional unreachable image one seeks to achieve and yet escape. The Shadow as the fear to the self, always hiding behind the object. The Reflection as the possibility of confrontation. Reflection of light and shadow, creating new spaces, virtual spaces where the relationship to the self and the other may change.
Kiki Ramos Sorvik was born in Buenos Aires and has been living in Berlin for a couple of years. Having begun her career at 16 in contemporary dance, she then developed her training in ballet, yoga, martial arts and improvisation. Kiki moved to Berlin to continue her career as a dancer and is currently involved in several interdisciplinary art projects. Founder of BARDO Collective, a research group with migrant and queer background that explores scenic narratives and site-specific based improvisation, which is currently working on an audiovisual and performative project named „The Fear of Insects“,  and is looking to continue her research within this sphere and towards a collective body.

Josephine Nahrstedt: Snuggle up in stability

 

Das Nichts. Die Leere, die ich füllen möchte. Eine Leere, in der ich mich frei fühle.
Einsamkeit, die mich als Individuum maximal bestärkt und mir Freiraum schafft, oder die Einsamkeit, die mich zermürbt und in mir den starken Wunsch auslöst, mich zu kollektivieren.
Diese Wechselhaftigkeit der physischen und emotionalen Empfindung vom Alleinsein bildet die Basis meiner künstlerischen Forschung.
Ich begebe mich in eine (Re)Konstruktion der Momente, die das Gefühl der Einsamkeit in seiner Diversität auslösen und erlebe dekonstruierte Räume meiner Identität, meines physischen Körpers. Ich möchte herausfinden, wie wir uns das Ungewisse, die subjektiv empfundene Leere nutzbar machen können, um bisher Unentdecktes zu begehen und Konzepte im Kontext Individualität und Kollektivierung neu zu denken.
Flüchtige Momente, scheinbar endlose Zustände, grelles Licht und undurchsichtige Dunkelheit verschmelzen zu einer eigenen Sphäre. „Snuggle up in stability‟ möchte den Umgang und die Erfahrung mit dem Gefühl der Einsamkeit visualisieren und spürbar machen.
Zwischen „nichts ist für immer“ und „es fühlt sich so an, als würde das hier niemals enden“ liegen undefinierte Wahrnehmungen und die Frage danach, ob es das „Nichts“ überhaupt geben kann und wenn ja, was bedeutet es oder darf das „Nichts“ auch einfach nichts sein.
Josephine Nahrstedt absolvierte bis 2018 eine Schauspielausbildung an der ETAGE- Schule für die darstellenden und bildenden Künste in Berlin, arbeitete danach im Gastengagement an der Landesbühne Niedersachsen-Nord als Schauspielerin und bildet sich gleichzeitig stetig im zeitgenössischen Tanz weiter. Sie erforscht Schauspiel und Tanz auf eine Formation zu ihrer eigenen künstlerischen und performativen Sprache. Josephine entschied sich erst einmal gegen feste Theaterengagements und konzipiert eigene Performances und arbeitet freiberuflich als Schauspielerin. Zuletzt wurde ihre Konzeption „drowning and breathing- vom menschen der eintaucht, um das atmen zu lernen‟ zum zweiten Mal ans WUK-Theater in Halle eingeladen. Mit dieser Arbeit erforscht sie menschliche Abhängigkeiten performativ mit live-filmischen Elementen auf interdisziplinär-improvisatorischer Basis.

The nothing. The emptiness I want to fill; the emptiness which creates calmness and peace. The loneliness that increases my individual freedom to the maximum; the loneliness that seems to kill me and pushes me into dreams of collectivization. By the re-construction of moments that create this feeling in its diversity, I experience deconstructed areas of my identity, of my physical body. I want to find out how we can use the uncertain, the subjective emptiness to explore everything undiscovered, thinking new concepts of individualism and collectivization.
Volatile moments, seemingly endless conditions, blinding lights and obscure darkness melting into a peculiar sphere. “Snuggle up in stability” wants to create a perceptible visualization of the dealing and sensing with loneliness or being alone.
Between “nothing is forever“ and “this moment seems to be endless“ are many unspecific perceptions and questions like if the “nothing“ can actually exist, what it means or can I allow the nothing just to be nothing.
Josephine Nahrstedt started focusing on contemporary dance as she was studying acting at Die ETAGE Schule für die darstellenden- und bildenden Künste in Berlin where she graduated in 2018. After her graduation she worked as an actress at Landesbühne Niedersachsen-Nord for one season. She decided to go back to Berlin and is now working as a freelance actress and educating herself continuously in dancing and somatics.
Josephine creates her own performances and is looking to combine her acting skills and her dancing background into her own artistic language as a director and performer. Her last piece “drowning and breathing - vom menschen der eintaucht, um das atmen zu lernen” was recently invited for the second time to WUK-Theater in Halle. This work questions human dependencies and bondings in a performative way with elements of live film based on interdisciplinary improvisation.

Roham Amiri Far: Remote Viewing

In unserer Videoarbeit geht es um das „Sehen“ während der Pandemie. Dieses Spiel mit dem „Sehen“ erinnert uns daran, dass wir zunehmend überwacht und kontrolliert werden, und dies wirkt sich auf unser Bewusstsein und unsere Bewegungen aus. „Sehen“ wird auch in den Geheimdiensten verwendet, um verborgene Dinge zu finden, das so genannte „Fernüberwachung“. Wenn alles vom Internet und den digitalen Medien beherrscht wird, wird eine Art analoges Paradies suggeriert, auch wenn die Arbeit zwangsläufig mit digitaler Technologie produziert wurde. Wir wissen, dass es eine „Zone“ gibt.
Diesen Raum voller Trägheit und Bewegungsmöglichkeit. Es gibt eine Art von Sensibilität und Verständnis, die Raum schafft.
Der Darsteller (Nima) hat einen natürlichen Körper in der Landschaft.
„Seit mehr als achtundzwanzig Jahren bin ich jeden Tag gereist, oft mit meiner inneren Hälfte. Ich liebe Kleidung, weil ich die Maske mag, die du daraus gemacht hast. Jeden Tag tanze ich mit meinem Körper weiter.“, sagt Nima.
Roham und Niki (Sounddesigner) begannen ihre Zusammenarbeit vor 5 Jahren in einem alten Haus, das der unbekannten, im Untergrund lebenden Künstlergemeinschaft zur Verfügung stand.
„Der wichtigste Ansatz bei der Herstellung von Klängen war, alles realistisch zu halten, da wir am Set keine Geräusche aufgenommen hatten. Ich beschloss, Perkussionsreime zu verwenden, die sich mit den Stimmen des menschlichen Geistes überlagerten, die den Umgebungsgeräuschen nachjagten und vor ihnen flüchteten.“, sagt Niki.
„Remote Viewing“ („Fernüberwachung“) ist der Ausgangspunkt einer Video-Reihe, in deren Mittelpunkt das steht, was während einer Pandemie verborgen ist.

Roham Amiri Far: Ein Raum des Krieges, die Nähe der vom Krieg Betroffenen, in dieser Situation nahm mein Körper Gestalt an. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, habe ich die Möglichkeit, die Szenen zu bearbeiten und die Bilder neu zu arrangieren. Die ersten Fragen drehten sich darum, „wie der Körper sich selbst heilt“. Als ich mir meines Körpers und meiner sexuellen Identität bewusster wurde, traten in mir zwei gegensätzliche Gefühle hervor: der Wunsch, mich gleichzeitig zu verstecken und zu zeigen. Ich beschäftige mich seit etwa neun Jahren mit Tanz und Performance und davor habe ich viel geschrieben. Ich beschloss, mein Studium in Berlin abzubrechen und in den Iran zurückzukehren, auf der Suche nach einer anderen Lebensform. Ich baute ein Haus in einem Dorf und begann eine kleine Landwirtschaft. Von diesem Zeitpunkt an suchten meine choreografischen Arbeiten nach einem alternativen Seinszustand, in dem es auch um Dezentralisierung durch Tanz, Landschaft und ähnliche Elemente geht.

 

Our work is about “seeing” during the pandemic. This play with “seeing” reminds us that these days we are being subjected to increasing surveillance and control and this affects our awareness and movements. “Seeing” is also used in intelligence services in order to find hidden things, called “Remote Viewing” When everything is dominated by the Internet and digital media, a kind of analogue paradise is suggested here, even though digital technology inevitably has been used to produce the work. We know that there is a “zone”.
This space of full inertia and potential for movement. There is a kind of sensibility and understanding that is creating space.
The Performer (Nima) has a natural body in the landscape.
“For more than twenty-eight years, I have traveled all day, often with my inner half. I love clothes because I like the mask you made out of it. I keep dancing my body every day.”, Nima said.
Roham and Niki (sound designer) started their collaboration 5 years ago. They started working together in an old house that had become available to the unknown, underground artist community.
“The most important approach to make the sounds was to keep everything real as we didn't record any sounds on set. I decided to use percussion rhymes overlaid with human's mind voices chasing and escaping from ambient noises.”, Niki said.
“Remote Viewing” is the starting point in the video series that is centered around what is hidden during pandemic.

Roham Amiri Far: A space of war, the proximity of those inflicted by war, it was in this situation my body took form.
When I look back at my life, I have the possibility to edit the scenes and rearrange the images. The first questions centered around “how the body heals itself”. As I became more aware of my body and sexual identity, two opposing feelings were evoke within me: a desire to hide and at the same time to display myself. I have been involved in dance and performance for about nine years and before that I was doing a lots of writing. I decided to leave my studies in Berlin and go back to Iran, seeking another form of life. I built a house in a village and started a little farming. From that point in time, my choreographic works have sought an alternative state of being which is also concern with decentralization through dance, landscape and similar elements.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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