Text zu reinkommen (24. Januar 2020) von Johanna Ackva

 

 

Als Teil der jüngsten Performancereihe reinkommen lädt Bárbara Conde zu einer offenen Probe ins ada Studio ein. Für ihr neues Stück B+ beschäftigt sich die portugiesische Künstlerin mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers und teilt am Ende ihrer Kurzresidenz im ada Studio erste Arbeitsergebnisse mit dem Publikum.

Der Abend beginnt mit einem Entrée des Publikums in den Raum. Verschiedenformatige Textfragmente liegen und hängen dort auf winzigen Zetteln oder Tapetenrollen verteilt und laden uns zum Umherschweifen und Lesen ein. Auf handgeschriebenen DinA4-Seiten kann ich die Spuren eines nach außen gestülpten intimen Dialogs der Künstlerin mit dem eigenen Körper verfolgen. Ich beuge mich über Papierfetzen, um einzelne Worte wie „cellulite“ oder „hair“ zu entziffern, biege die Falten einer in sich zusammengesackten Tapetenbahn auseinander – wie um, so fühlt es sich an, in Bárbaras Kopf hineinzusehen.

Die Künstlerin selbst ist dabei bereits im Raum. Mein Blick fällt auf ein Paar nackter Beine, die an der Wand lehnen, die in warme Socken gepackten Füße nach oben gestreckt. Unter einem dicken Wollpulli trägt sie nur eine Unterhose und ein bisschen Glitzer, das über die Schenkel verteilt ist. Wie die Texte, lädt auch dieser Körper zum näher kommen und begutachten ein, erscheint als Exponat. Ich blicke auf eine Körperoberfläche, unter welcher sich jene Bárbara, deren Innenleben überall im Raum verteilt ist, mithilfe von Kopfhörern in sich selbst zurück gezogen hat.

Nachdem das Publikum Platz genommen hat, beginnt das eigentliche Showing, und zwar mit dem Po. Erst ein Zucken in der rechten, dann in der linken Backe, die Schenkel wackeln. Fast zu schnell kommt die Performerin mit diesen faszinierenden wohlkoordinierten Bewegungen ins Stehen. Der rhythmische Tanz ihrer mal wild wackelnden und mal sehr präzise zukneifenden Hinterpartie geht dann mit Musik für alle aus den Lautsprechern nochmal in eine zweite Runde.

Geschickt greift Bárbara sowohl das Motiv eines fragmentierten Körpers, als auch das von Anfang an thematisierte Verhältnis zwischen Innenleben und Außenblick auf und kommentiert humorvoll, was im Alltag unter Umständen eine schmerzhafte oder schamvolle Erfahrung sein kann. Wenn nämlich „Bauch, Beine, Po“ Problemzonen und damit ein dauerhafter Kriegsschauplatz des Ichs gegen sich selbst werden. Vor allem das Spiel mit dem Verhältnis von Sprache/(Kon-)Text, Imagination und Körper öffnet einen Raum, der mir als Zuschauerin erlaubt, mich mit meinen eigenen Erfahrungen und der Beziehung zu meinem eigenen Körper zu dieser sehr persönlichen Arbeit ins Verhältnis zu setzen.

So tritt beispielsweise eine erzählende Stimme aus dem Off zu Beginn der Poposzene eine ganze Lawine von Phantasien und Gefühlen los: Worüber spricht sie so lustvoll? Geht es um Sex? Um Masturbation? Oder darum, wie jemand mit einem Wattestäbchen nach Ohrenschmalz gräbt? Finde ich das eklig? Schließlich löst sich das Rätsel und wir verstehen, dass die ausholende Beschreibung sich auf den banalen Vorgang des Ausdrückens eines Pickels bezieht. Das Mikroskopische wird makroskopisch. Auch in der Reinszenierung eines YouTube-Videos, mit welchem man Gesichts- und andere Asymmetrien feststellen und beheben könne, arbeitet Bárbara mit diesem Prinzip und bringt das Publikum mit verzogenen Augenbrauen, Mundwinkeln, Schultern und Hüften zum Lachen.

Im Kontrast zum bisherigen Gebrauch des Körpers als partitioniertem, dessen Einzelteile ausgestellt, examiniert und kommentiert werden, schließt Bárbara ihre Studiopräsentation mit einem in sich gekehrten Tanz ab. Mit geschlossenen Augen steht sie im Regen(sound) und lässt sich von auf und ab ebbenden Bewegungswellen ergreifen. Leise singt sie dazu einen Satz, fast wie ein Mantra. „My love, calm down. Everything is alright“.

Es geht um die Rückeroberung eines Gefühls für den Körper als ganzen, im Sinne auch von heilen, um eine Erfahrung des Körpers mit allen Sinnen, die sein Bild und den Blick von außen außen vor lässt. Das macht Sinn, doch für ein Tanzstück, das wir in erster Linie anschauen kommen, ist es natürlich auch ein herausforderndes Unterfangen. Mir fehlt in dieser langen Improvisation irgendwann ein Anhaltspunkt und ich wünschte mir, ich hätte vorher gewusst, dass Bárbara gerade mit einer BodyMindCentering-ähnlichen Einfühlung in die eigene Anatomie (genauer gesagt, die der Blutgefäße) arbeitet. Könnte diese Information vielleicht noch deutlicher, als es eine abstrakte Zeichnung auf Tapete vermitteln kann, ins Stück einfließen?

Als Frau Anfang 30, deren Beruf engstens mit der Sichtbarkeit des eigenen Körpers zusammenhängt, sind mir die Themen dieses Stücks und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung vertraut. Mit einer kritischen Distanz – auch zu mir selbst – stelle ich mir immer wieder die Frage danach, wie man in der Kunst mit der eigenen Identität arbeiten kann. Viele Stücke bleiben bei dem Schritt ihrer affirmativen Zurschaustellung stehen. In Bárbara Condes ersten Arbeitsergebnissen sehe ich an vielen Stellen Anschlußmöglichkeiten für ein Publikum mit unterschiedlichen Erfahrungen und ein Lenken gegen die Nabelschau. Das gefällt mir!


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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