Text zu A.PART-Festival/S.o.S. - Students on Stage (18./19.5.2019) von Forough Fami (Übersetzung aus Farsi von Shahab Anousha)

 

 

S.o.S. (Students on stage) im ada Studio ist eine jährliche Plattform, die den Studierenden die Möglichkeit bietet, ihre Arbeiten zu präsentieren. Für einige dieser Studierenden könnte es das erste Mal vor dem Publikum sein, bei anderen als neue Erfahrung, die zur Schublade ihrer gesammelten Fähigkeiten beiträgt.

SOS ist auch das Notsignal des Internationalen Morsezeichens. Das wurde erstmals durch die 1905 in Kraft getretene Funkverordnung der Bundesregierung übernommen. Viele Menschen denken, dass dieses Notsignal eine Abkürzung für „save our souls“ oder „save our ship“ wäre.

Da diese Ähnlichkeit in den Formen (S.o.S. und SOS) in der Regel die Aufmerksamkeit auf die möglichen bestehenden Beziehungen lenkt, werden wir dann fragen:

- Was hat die Entstehung dieses Formats ausgelöst?

- Ist es eine Reaktion auf Signale von Berliner Tanzstudierenden, die kurz davor stehen, die Berlin-Tanzszene zu betreten?

 

In der diesjährigen S.o.S. gibt es 7 Stücke, die auf den Teppichen der bunten Musik tanzen. Das Tanzen wird zu, mit und durch die Musik angetrieben. Was zu hören sein könnte, sind die typischen Eigenschaften der Jugend: laut und energisch. Innerhalb der Vielfalt der Ansätze setzen die Körper entweder das Tempo der Musik in Beziehung (Ties, Hello Elly Tea und Masked Madness) oder widersetzen sich ihm bewusst (Je condemn les violences, The urge of Slowing Down).

 

In dieser Reihe von Shows, die von Musikstücken begleitet werden, zeichnet sich Tree Trunks durch Momente der Stille und des Hörens aus. Klang und Bewegung werden so erzeugt und verschmolzen, dass es keine Hierarchie zwischen beiden gibt. Stattdessen schlägt die Performance eine Co-Existenz vor; Atme! Die Luft bewegt sich in den Körpern der Darstellerinnen. Die Körper, die zu zwei Musikblasinstrumenten erweitert sind. Bei jedem Ausatmen könnte man nicht nur die Bewegungen sehen, sondern auch von den Erweiterungen dieser Körper hören. Dorota Michalak und Maud Buckenmeyer mit ihren Instrumenten in der Hand, erleben eine Reihe von Situationen und teilen sie gleichzeitig auf der Bühne mit dem Publikum. Situationen, in denen sich Körper, in Stille oder Bewegung, im Sitzen oder Stehen, in Beziehung zu Raum, Körper und Klang des anderen stellen.

Untersucht wird die Beziehung zwischen Körper- und Klangbewegungen innerhalb einer ruhigen improvisierenden Haltung, aber wenn man dann ein Fan von rhythmischen Bewegungen und Schwitzen ist, wird man vielleicht enttäuscht.

 

Schwitzen als physische Folge körperlicher Arbeit ist nicht der einzige gemeinsame Bestandteil von Ties und Masked Madness. In diesen beiden Stücken werden andere Mittel wie Lichtdesign und Kostüme eingesetzt, um den im Programmheft genannten Statements zu dienen.

 

In Masked Madness trägt Ida Maria Cedercreutz ein schwarz-weiß gestreiftes Kostüm vor einem projizierten schwarz-weißen Hintergrund, der die langsame Injektion und Verschmelzung von schwarzer Farbe ins Weiße darstellt. Diese Farb-Polarität wird durch eine Reihe von schnell wechselnden Lichtfarben unterbrochen. Mit jeder Veränderung mimt die Tänzerin eine neue Maske auf ihrem halbschwarzen gemalten Gesicht. Ihre Arbeit umfasst die Darstellung von künstlichem Clownslachen, Gesichtsmimik und auch Floorwork. Ich sehe Masked Madness als eine direkte Übersetzung/Darstellung von Idas Idee in Bewegungen.

 

Ties versammelt eine vielfältige Gruppe junger Tänzerinnen, die sich synchron zur Musik bewegen. Die Wahl des Kostüms neben der Vielfalt der Hautfarben und deren Anordnung und Verteilung im Raum erinnert mich an Vielfalt, Regenbogenfahne und Solidarität. In der Gruppenchoreografie von Ivi Riga gibt es neben den Contact und Liften Momenten auch theatralische Momente, die den einzelnen Tänzerinnen Sichtbarkeit verleihen.

Durch die Leitung der Gruppendynamik schlägt dieses Stück eine lesbare soziale, politische Erzählung von Akzeptanz und Ablehnung, Rückschritt und Widerstand vor.

 

The Urge of Slowing beginnt mit der Etablierung eines Gegensatzes im Raum, indem zwei Linien entstehen:

1) Die Musik, die dich nicht anspricht, sie umgibt dich aber mit ihrem Klangraum und ihrer Schnelligkeit. Ich versuche zu beobachten, wie sich der Sound von der Techno-Musik im Studioraum bewegt. Das erinnert mich daran, in einem Zug zu sitzen und die schnell vorbeiziehenden Bilder zu betrachten. Aber am Ende bin ich es, der tatsächlich vorbeifährt, und alles, was ich sehe, ist an seinem Platz. Jetzt steige ich aus dem Zug der Musik aus, um der zweiten Linie zu folgen.

2) Tim Vandenbroecks langsame Drehbewegung, die sich in den Lichtflecken wiederholen. Alles, was ich sehe, ist im Gegensatz zu dem, was ich höre, sehr langsam. Ein Handstand und seine Landung, um den Boden oder den Drehpunkt des gesamten Körpers auf dem Boden zu erreichen. Der Tänzer verlangsamt sogar die Handlungen, die in ihrem Ursprungszustand schnell sind. Dieses Stück gibt mir viel Zeit zum Schauen und Nachdenken, aber seine Kombination fordert meine Rhythmen heraus. Ich fühle das Bedürfnis, mich selbst und meinen Gedanken zu beobachten, um meinen Rhythmus des Wahrnehmens zu beurteilen.

 

Je condemn les violences trägt in seiner Langsamkeit viel Spannung und einen hohen Muskeltonus, die die Bewegungen in den Körpergelenken der Tänzerin einschränken. Ich sehe eine aufsteigende Faust, vielleicht ein Repräsentant des Widerstandes? Und ich höre starke Beats, die einen sehr geringen Konkurrenzzustand oder eine gewisse Feindseligkeit hervorrufen könnten. Aber diese Elemente werden mir erst klar, wenn ich Norberts Merjagnans Artikel gelesen habe, der die Inspirationsquelle für Roxane Monforts Stück ist.

 

Woepüten und Hello Elly Tea kommen hintereinander. Man könnte jeden von ihnen klar auf einen bestimmten Stil beziehen, jedoch mit unterschiedlichen Umsetzungen.

In Woepüten haben Materialien eine metaphorische Qualität; ein gebrochener Stuhl mit schönen Blumen, die sich auf und um ihn herum ausbreiten, wie die Blumen auf Grabsteinen liegen könnten. Er zieht seinen Mantel aus und betritt die helle Bühne vom Zuschauerraum aus mit seinem nackten Oberkörper, um geometrische, repetitive und große Bewegungen (Cunningham-Stil) auszuführen. Mit seinen Bewegungen reist er zwischen der unmittelbaren Nähe des Stuhls auf der Bühne und dem Zuschauerraum. Der gebrochene Stuhl auf der Bühne bleibt unberührt.

Während Woepüten eine formelle Eigenschaft hat, ist Hello, Elly Tea nicht nur in der Wahl des Kostüms, sondern auch im Stil und in der Umsetzung informell. Es ist ein Solo, sehr nah zum Voguing-Tanzstil und sehr beeinflusst von der Musik, die das ada Studio ausfüllt. Vielmehr bleibt mir Mut und Freude daran, das zu leisten, was die Tänzerin zu vermitteln beabsichtigt, ein Rätsel.

 

Was das ada Studio auf der Plattform von S.o.S. anbietet, geht letztendlich über die Präsentation von Arbeiten auf der Bühne hinaus. S.o.S. ermöglicht es, die Studierenden aus verschiedenen Bildungseinrichtungen kennenzulernen, Meinungen und Arbeitsmethoden auszutauschen. 


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

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