Text zu neworks: „Akt II“ von Irina Demina (29./30.9.2018) von Forough Fami (Übersetzung aus Farsi von Shahab Anousha)

 

Das neue Werk von Irina Demina, Akt II, beginnt hinter der Tür des ada Studios. Nicht am Eingang, wo das Publikum von einem kleinen Fernseher begrüßt wird, der die alte Version des Balletts von „Giselle“ spielt (begleitet von einer Nicht-Ballettmusik), sondern bereits in den sozialen Medien, wo sie mit anderen teilt, womit sie beschäftigt ist.

„Giselle“ ist ein Ballettstück in zwei Akten. Wie der Name des Werkes und das Programmheft vermuten lassen, handelt es sich um ein „Remake“ des zweiten Aktes, jedoch in Form eines Solos, das die „Volkslegende über weibliche tanzende Geister (Vilas)“ in die zeitgenössische Tanzlandschft umsetzt.

Der Verweis auf das Originalstück, das im zweiten Akt verschiedene Charaktere umfasst, und das Wissen, dass dieses neue Stück sich bis November noch entwickelt, eine Soloform hat, wäre ein Anlass für die folgenden Fragen:
Unter den bestehenden Charakteren des Ballettstücks und damit möglichen Blickwinkeln von jeder Seite, was wäre die Perspektive, aus der die Choreografin die Welt des Stückes betrachtet und möchte, dass auch wir sie anschauen?
Bezieht sich diese Umsetzung nur auf die Form (von der Ballettform zum zeitgenössischen Tanz) oder wird dieser Akt in der Gegenwart neuerzählt, so dass man an die Tanzszene, den Einfluss des Geschlechts auf die Machtverteilung und auf Gender-Ungleichheiten denken kann?

Das erste Teil des Solos stellt die Möglichkeiten der beiden Tanzformen in Frage. Dieser Ansatz beinhaltet nicht nur Bewegungen, sondern auch die Ästhetik von Kostümen und Musik.

Es ist bemerkenswert, die Rekonstruktion der Merkmale jeder dieser Tanzformen zu verfolgen und wie Demina jede von ihnen in jeweils einen anderen Kontext eingebettet hat. Die Körperbewegungen des ersten Teils sind ziemlich präzise, egal ob sie als undefinierbare Figur unter der Bedeckung mit schwarzem Stoff zu Beginn oder später durch nackte untere Körperteile in Kopfstand-Position gemacht werden.
Man könnte leicht präzises Vokabular der Ballettbewegungen erkennen, spezifische Positionen für die Füße, auch wenn sie in einen ziemlich minimalen und absurden Zustand versetzt sind. In diesem Zusammenhang produziert die Performerin mit der Technik des Balletts erkennbare und doch nicht realistische Bilder. (→ Self Unfinished von Xavier Le Roy)

Obwohl das Kostüm – wie es bei Ballett-Tanzstücken üblich ist – nicht sehr körperbetont ist, werden aber zumindest im ersten Teil, auf eine andere Weise, die Beine betont. Dieses Kostüm bedeckt ihren Oberkörper, um starke Bilder zu enthüllen, die von ihrem unteren Körper kreiert werden. Bilder, die an eine männliche, kopflose Figur erinnern, die ihre Kraft in den Armen zeigt.

Die Musik von Adolphe Adam ist eine Kombination aus „Giselle“ und Noise, die allmählich und Schritt für Schritt Intensität bekommt. Im Gegensatz zu den miteinander verflochtenen Formen der Performance konnte man im Klangkörper der Show eine klare Grenze und Trennung hören.

Das zweite Teil dieses Solos hat einen narrativeren Ansatz, aber auch eine Art Freiheit des Ausdrucks und Vielfalt der Stile. In diesem Teil verändert sich das Verhältnis der zuvor unerkennbaren Gestalt mit der maskulinen Form eines weiblichen Körpers zur Erscheinung. Die Gestalt kommt aus der Verkleidung und erscheint mit mehr menschlichem Verhalten, aber die Präsenz davon bleibt meist unmenschlich. Mit dem Abnehmen des rosa Teils des Kostüms und dem Tragen schwerer, grober Stiefel verändert sie nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihren Kraftstatus auf der Bühne. Obwohl dieser Teil einige weitere narrative Strukturen und Wiederholungen als künstlerische Entscheidung hat, bleibt es rätselhaft, wohin er das Publikum führt.

Das dritte Teil dieses Solos ist ein kurzer Moment in der Dunkelheit, in dem wir den Sound eines vermutlich versteckten, kaum sichtbaren Körpers hören, diesmal in der Dunkelheit der Raumecke, vielleicht bis zur richtigen Zeit, zur Wiederkehr.

Das heutige Stück hat mich noch einmal daran erinnert, dass, obwohl es in der Tanzszene zwischen den Geschlechtern immer noch Ungleichheiten gibt, aber zumindest nur das zeitgenössische Format und die Ästhetik im Vergleich zum Ballett vielleicht Einfluss auf den Rückgang dieser Ungleichheiten haben könnte.

 


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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