Text zu NAH DRAN extended: body, text! (15./16.9.2018) von Forough Fami (Übersetzung aus Farsi von Shahab Anousha)

 

 

Prolog:
Für diese Ausgabe von „NAH DRAN extended“ habe ich eine Brücke zwischen Körper und Text gebaut; jeder Text zu jedem Stück wird von einem kurzen Zitat des Philosophen Jean-Luc Nancy aus seinem Buch Corpus begleitet. Die Wahl der Zitate ist relevant für den Inhalt und die Textur der einzelnen Stücke.


Tabea Xenia Magyar: Oh Boy (Beautifulildogz)

„Dieser Körper bildet exakt das, was die Astrophysik ein Schwarzes Loch nennt: ein Stern von solchen Ausmaßen, dass seine Schwerkraft dort sogar sein eigenes Licht festhält, ein Stern, der sich von selbst in sich selbst auslöscht und zusammenstürzt und dabei im Universum, im Zentrum des Himmelskörpers und seiner beispiellosen Dichte, das Schwarze Loch einer Abwesenheit von Materie öffnet.“

Das Stück ist segmentiert. In jedem der vier Segmente des Stückes sieht man eine unterschiedliche Einladung, eine mögliche Beziehung zwischen einer und den traurigen Emotionen zu betrachten.

- Auf der hellen Bühne: ein Mikrofon auf der rechten Seite der Bühne und ein Stuhl eher in der Mitte mit einem weißen Pelzmantel darauf.
Mit der Begleitung der Musik tritt sie mit einem Paar schwarzer hochhackiger Sandalen und schwarzer Mesh-Unterwäsche ein, tanzt und durchquert den Bühnenraum und zieht mit ihrem energischen und aktiven Auftritt die Augen des Publikums auf sich. Ihre Präsenz ist offen und entspricht der Realität des gegenwärtigen Moments. Obwohl sie eine weiße Perücke trägt, die ihre Augen fast bedeckt, kann man immer noch ihren Blick spüren, der zum Anschauen einlädt. Im Laufe der Zeit verlangsamen sich ihre Bewegungen, während sie mehr Details, insbesondere in den Händen, erhalten.

- Dieser Körper, der auf dem Stuhl landet, verändert seine zukünftige Höhe, indem er einen anderen, höheren Schuh trägt. Im Sitzen bedeckt sie sich unter dem Pelzmantel und bleibt ruhig und getarnt und wartet darauf, dass der nächste Körper sich ihr anschließt: Körper aus poetischem Text, der eine andere Welt im Kopf des Publikums entfaltet. Eine kalte Welt mit Schatten, Fieber, Dunkelheit und Löchern.

- Ende der Tarnung. Sichtbarkeit! Stimme! Action! Es ist Karaoke, ohne die Perücke, die sie auf den Boden geworfen hat, kann man jetzt deutlich Tabeas Gesicht sehen, das den „Down Town“-Song lippensynchronisiert, der Aktivitäten in den Momenten der Einsamkeit in seiner Lyrik suggeriert.

- Im letzten Abschnitt, auf dem Stuhl sitzend, liest sie aus einem Buch einen informativen Text über die Depression und ihre Symptome. Ihre Stimme ist klar und locker. Diese Eigenschaft stellt sie in ein weites Verhältnis zum Inhalt dessen, was sie liest, wie eine dritte Person. In dem Raum, den sie während ihres Stückes durch den Körper der Sprache aufgeladen hat, drehen sich ihr Körper, ihre Stimme und die Objekte und wahrscheinlichen Assoziationen, um dem Publikum verschiedene Winkel, Perspektiven und Positionen zu bieten, um einen flüchtigen Blick auf diese Welt in vier Segmenten von Leugnung, Informieren, Handeln und Distanznahme zu werfen.


Gerhild Steinbuch: Final Queens

„Körper an Körper, Seite an Seite oder von Angesicht zu Angesicht, aufgereiht oder gegenübergestellt, meist bloß vermischt, sich berührend, haben sie wenig miteinander zu tun.“

Die ganze Bühne ist ziemlich dunkel. Auf der linken Seite der Bühne, vorn und in der Nähe des Publikums, sitzt Gerhild Steinbuch hinter einem kleinen Tisch. Von ihrem Laptop aus spielt sie das Kinderlied „Zwei kleine Wölfe“ ab, über zwei kleine Wölfe, die nachts ausgehen und sich eine hellere Nacht wünschen.
Am Ende des Songs beginnt sie, einen Teil eines Textes als Prolog vorzulesen und nimmt die Wölfe des Liedes in ihren Text, in ihr Stück auf.
Der Körper der Performance beginnt jedoch, wenn die Musik bereits im Raum ist und die Videoprojektion auf der Wand Videos zeigt, die eine Schleife bilden. Am Mikrofon beginnt sie mit der Frage „wo und wie höre ich auf?“.
Der folgende Text ist eine Poesie in Form von Rap.
Der Text läuft in seiner hohen Geschwindigkeit, begleitet von der bitteren Musik und Szenen verschiedener sozialer Leben, die allein schon persönliche Erinnerungen enthalten könnten, aber in der bestehenden Konstellation überschreiten sie die Grenzen zur gemeinsamen Menschheitsgeschichte.
Der Text in seiner Rap-Form enthält eine Reihe von Reimen und Teilwiederholungen. Es ist voll von menschlichen körperlichen Verben wie Lachen, Fallen, Aufstehen und... die wachsen und mutieren... Sobald diese Worte ausgesprochen werden, werden sie Fleisch und werden in den Raum geworfen. Im Laufe des Stückes wird dieser Raum mit der Dynamik dieses Fleisches (Bedeutungen) gefüllt, die sich permanent verändern und vermehren.
Im Gegensatz zur Performerin, die bis zum Ende des Stückes im Sitzen bleibt. In diesem Stück geht es um die doppelten und sich wiederholenden Zyklen der Menschheitsgeschichte, um Gewalt und Unwissenheit, wobei, wie das Ende des Stückes zeigt, jedes Ende ein Anfang ist.


Käthe Kopf: Pink Souls ODER Draußen bei den Innereien

„Die Seele ist durch den ganzen Körper hindurch ausgedehnt, sagt Descartes, sie dehnt sich seine ganze Länge hindurch, ist ganz und gar in ihm, in ihn eingeschmiegt, hineingerutscht, eingesickert, ihn durchtränkend, die Fühler ausstreckend, ihn aufblasend, modellierend, allgegenwärtig.“

Käthe Kopf führt uns von Anfang an in einen leeren, sauberen und ruhigen Raum ein, der später zur Bühne für die Worte, Handlungen und Objekte wird. Von den Zuschauerplätzen aus erscheint sie auf der Bühne in weißem Top, weißem Strumpf und einem Paar schwarzer Pantoffeln. Die Art und Weise, wie sie sich kleidet, betont ihre tatsächliche Schwangerschaft.
Die Sammlung der Objekte, die in dem Stück verwendet werden, umfasst: dicke weiße Blätter aus Styropor, einen rosa gefalteten Stoff, einen transparenten Heliumballon und transparente Boxen in zwei Größen ineinander. Die Auswahl der Objekte sowie die Beziehung zwischen Text und Bewegungen sind ziemlich metaphorisch.
Ein starkes Element des Stückes ist ein poetischer Text, den sie mit einer ruhigen und selbstbewussten Stimme in den Raum stellt, da es keinen Raum für Zweifel gäbe, auch wenn es um Zweifel geht. Es hat das Format eines Monologs, der mich während des ganzen Stücks mit der Frage beschäftigt, an wen sie es richtet? Ihr Kind, das sie trägt? Aber im weiteren Verlauf bin ich überzeugt, dass es die Verstärkung ihrer breiteren Gedanken sein könnte. Im Text wirft sie existenzielle Fragen rund um die Vermittlung von Beziehungen in der Co-Existenz und inneren und äußeren Grenzen auf.
Das andere und performative Element ist ihre Anordnung, Umordnung und Neuordnung der Objekte auf der Bühne, Objekte, die am Anfang ihre reine Materialität und Existenz übermäßig darstellen, und langsam gewinnen sie metaphorisches Gewicht und Assoziationen. Während der Aufführung ist sie hauptsächlich damit beschäftigt, die Position dieser Schichten (aus Styropor) horizontal und vertikal im Raum zu verändern. Die Art und Weise, wie sie diese Objekte in Beziehung zueinander setzt, Raum und Körper schaffen eine neue visuelle Dimension, die nicht die direkte Übersetzung der Texte in die Realität ist, sondern in ihrer Absurdität durchaus der Erzählung des Textes entspricht. Die Beziehung des Textes zur Handlung spiegelt die Beziehung von Körper und Seele wider.

Es fühlt sich an, als würde das ganze Ereignis unter einer permeablen Membran stattfinden. Alles ist langsam. Alles ist sicher und gepflegt, so präzise, dass man denken könnte, dass man auf ihre Gedanken hört, dass ihre Handlungen keine Barriere für das sein könnten, was sie perfekt im Detail tut, als ob sie körperlich tut und denkt, anstatt zu sprechen.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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