Text zu NAH DRAN 71 (18./19.8.2018) von Forough Fami (Übersetzung aus Farsi von Shahab Anousha)

 

 

Hier in der Einleitung zu meinem ersten Text als Studioschreiberin im ada Studio – zu NAH DRAN 71 – möchte ich mich beim ada-Team dafür bedanken, dass es jungen Künstler*innen einen geschützten Raum zum Experimentieren, Teilen und Entwickeln einer Vielzahl von künstlerischen Praktiken bietet.
Mein besonderer Dank gilt auch Gabi Beier, die der Existenz von anderen Stimmen Raum gegeben hat und die Potenziale und Verbindungen neuer Sprachen mit der Welt des Tanzes ermöglicht hat. In diesem Zusammenhang werden Tanzabende beobachtet und durch eine andere Denkweise reflektiert. Die Texte sind ursprünglich in Farsi geschrieben und stehen den Leser*innen in beiden Sprachen (Farsi und Deutsch) zur Verfügung.
Mein Dank gilt am Ende auch den bisherigen Studioschreiber*innen, die diese Plattform für das Schreiben über Tanz stabilisiert haben.


Molly Nyeland, „noheadneitherbody” („kein Kopf, kein Körper”)

Der Abend beginnt mit der Performance von Molly Nyeland, die den Eintritt des Publikums aus der Mitte des Raumes fast nackt (nur mit einem weißen Slip) betrachtet.
Hinter ihr hängt eine große weiße Stoffbahn in Form eines Dreiecks, der wie eine riesige Pfeilspitze auf sie zeigt. Der Raum ist eher dunkel mit grünem Licht auf der rechten und violettem Licht auf der linken Seite, die sich in der Mitte vermischen.
Es beginnt mit einer unsichtbaren Kraft hinter ihr, die sie langsam zurückzieht und sie mit hängenden Armen leicht nach vorn faltet; wie eine Unterwerfung unter eine äußere Kraft. Ihre Anwesenheit kehrt zurück, indem sie ihre hängenden Arme bemerkt. Diese Rückkehr des Bewusstseins bringt sie wieder in Bewegung, kontinuierlich und beständig, mit einer Qualität, als ob eine Statue versucht, ihre unausweichliche Dimensionalität aufzubrechen. (David von Michelangelo)

– Klanglandschaft des Zusammenpralls metallischer Werkstoffe, die sich später beschleunigt –

Mitten im Raum, vor dem hängenden Stoff, dreht sie dem Publikum den Rücken zu und beginnt eine Erschütterung, die von ihrem Po zum Rest ihres Körpers wandert. Wie ein Erdbeben, das eine Bewegung auslöst, lässt es sie in den Raum reisen, der jetzt punktuell beleuchtet ist, um sie aufzunehmen.
In ihren späteren Bewegungen, die die Arme ineinandergreifen lassen, bleiben meine Augen auf einer gewissen Haltung des Widerstands und eines möglichen Sieges (Freiheitsstatue), die verschwindet.

Obwohl der Name des Stückes „noheadneitherbody” eine sehr starke Betonung auf Verleugnung hat, bietet das Stück selbst dem Publikum meist die reine Präsenz eines Körpers, dessen Qualität zwischen Weichheit und Festigkeit, zwischen menschlicher und beweglicher Statue liegt. Als ob die Bewegungen wie eine äußere Schicht bleiben, aber die Quelle im Inneren sich verändert und wandelt.

Wir werden erneut eingeladen, einen menschlichen Körper zu beobachten, wenn die Tänzerin ihren eigenen Körper, vor allem Brust, Knie und Nabel, wiederentdeckt und sie mit dem Klang eines Kusses verbindet.

Mit einer Rolle Klebeband wickelt sie ihren Körper teilweise ein und schränkt ihre Beweglichkeit ein, um uns wieder zurück zur Anfangsszene zu bringen, wo die Figur versucht hatte, sich von etwas befreien zu lassen. Von etwas, das für uns jetzt klar ist: von einschränkenden Bändern.


Cécile Bally, „Aktion!”

Die zweite Show hat bereits vor ihrem Beginn angefangen. Cécile betritt in der Zeit des Umbaus auf einem Einkaufswagen, der sie und einen Computer trägt, von dem sie später einen Text liest, die Bühne. Eine Zusammenfassung dieses Textes wurde dem Publikum auch im Programmheft zur Verfügung gestellt.
Während ihrer Lecture Performance, die einer Auflistung informativer Fakten und gesammelter Beobachtungen über und in Supermärkten folgt, fällt sie manchmal in eine zarte Parodie und nimmt uns mit. Obwohl die Informationen über ihre Methoden und Beobachtungen meist sprachlich vermittelt werden, ist die andere Hälfte ihres Stückes ziemlich performativ, wobei sie indirekt eine Position einnimmt und diese als Beispiel teilt: Die Produktion einer gefälschten Werbeszene mit einem Ventilator, der Wind in die Haare bläst, wenn sie verführerisch Milch in eine ungeöffnete Packung Cornflakes gießt. Diese Szene spiegelt die doppelte Fälschung wider: nicht nur die Art, wie sie es tut und die Atmosphäre, die sie produziert, sondern auch durch die Reproduktion der Bilder auf den Produkten, mit denen sie spielt (die abgebildete Aktion, Milch in die Cornflakes zu gießen).

Mit ihrer Auseinandersetzung mit wenigen Objekten auf der Bühne, die nicht über die übliche Alltäglichkeit hinausgeht, gelingt es ihr, eine andere atmosphärische Textur im Studioraum zu öffnen, zu verändern und zu halten. Diese andere Textur funktioniert wie ein Behälter, der Klischee-Elemente der konsumtiven modernen Gesellschaft, ihre Wünsche und die Art, wie sie manipuliert werden, enthält.

Obwohl man auf den ersten Blick sehen konnte, dass diese Lecture Performance aus zwei Elementen und Qualitäten besteht, konstruiert die Art und Weise, wie die Sequenzen und Ereignisse zusammengesetzt sind, die dritte, irgendwo zwischen Ideologie und Poesie.


Stacey Horton, „Concussion” („traumatische Gehirnverletzung”)

Stacey Hortons Stück ist das letzte Stück des Abends. Nach einer Pause wird das Publikum von ihr eingeladen, in einem Kreis Platz zu nehmen. Auf der linken Seite des Raumes hängt ein kreisförmiges Gebilde von der Decke, an dem kleine Golfbälle wie hängendes Spielzeug befestigt sind, die von Anfang an die runden Muster im Raum optisch nachbilden. Dieses Labyrinth erscheint auch in den Klängen von sich drehenden und wiederkehrenden Erinnerungen.
In einer Klanglandschaft von zwitschernden Vögeln steht sie in der Mitte und erzählt uns von ihren letzten und weiteren Erinnerungen, als sie unerwartet von der Dunkelheit und der plötzlichen Stille unterbrochen wird. So wird das Publikum an „Concussion” herangeführt.

Stacey Horton teilt in ihrem Stück ihre persönlichen Erfahrungen mit uns. Kleine weiße Kugeln in dem Stück materialisieren die überspringenden Erinnerungen, und ihre physische Auseinandersetzung mit den Kugeln auf der Bühne verschaffen uns Zugang zu einer inneren Welt, einer Welt voller bunter Gedanken, Erinnerungen und Empfindungen, einer Welt des inneren Gehirns.

Ihre Bewegungsqualitäten ändern sich je nach Szenario deutlich: Sie variieren von ihr mit einem Helm auf dem Kopf, der auf dem Boden krabbelt, mit hohen Tonbewegungen auf der Suche nach einem unsichtbaren bis freien, glücklichen Reisen in den Raum mit weit geöffneten Extremitäten.
Nicht nur Bewegungsqualitäten, sondern auch andere Elemente wie Spiele, die sie dem Publikum anbietet, Klang und Licht, poetisch-wissenschaftliche Informationen über das Gehirn werden stark genutzt, um Stimmungsschwankungen zwischen Klarheit und plötzlichen kurzen Momenten der Verlorenheit zu erzeugen.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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