Text zu NAH DRAN 69 (10./11. März 2018) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

#INTRO
Und dann findet sich das Studioschreiberinnen-Doppel noch einmal in Einigkeit wieder. (Wo bleiben die Streitgespräche?) Wir können nicht anders: NAH DRAN 69 beschert uns einen Abend mit drei sehr physischen, ausdrucksstarken Stücken, hinter denen wir geschlossen einen Haken setzen können: Guter Abend, gutes Handwerkszeug, sehr unterschiedliche tänzerische Bewegungsqualitäten. Check. Während das Solo von Aya Toraiwa Anleihen aus (traditionellem?) japanischen Tanz vermuten lässt, baut Forough Fami auf zeitgenössische (somatisch informierte?) Improvisation im Raum, und Rachell Bo Clark zerlegt zum Abschluss des Abends virtuos-grenzgängerisch ihre Bewegungen in rhythmische Fragmente (wir lesen HipHop-Einflüsse).
Drei Mal en détail:


Aya Toraiwa: Miscanthus and Blackbird
Aya Toraiwa hat uns schon allein mit ihrer Erscheinung gewonnen. Wir folgen ihren Bewegungen, die vom fließenden, ihren Körper fast umwehenden weißen Stoff noch mehr Leichtigkeit versprühen, aufmerksam und entspannt zugleich. Ich schaue gerne Menschen an, die sicher und selbstbestimmt in ihrem Körper sind, denke ich / und habe sofort Sympathie. Ihr Solo „Miscanthus und Blackbird“ ist eine vertanzte Reise, bzw. Migration – ein Grundmotiv ist eine Such-Bewegung: wellenartig durchfahren Impulse ihren Körper, die sie vor- und rückwärts entlang einer Diagonalen streben lassen. Eine Reise ist immer auch eine Begegnung mit dem Unbekannten. Im Hintergrund regnet es von einem Soundteppich hinab. Es plätschert und wispert. In vielen Stücken habe ich derart Ähnliches gehört, trotzdem wird es hier nicht langweilig – der Sound ist das ganze Stück durchweg qualitativ gut produziert. Seltsam, es steht kein Soundkünstler im Abendzettel. Hat sie alles selber gemacht?
Bemerkenswert in ihrem Tanz ist das Augenmerk, das Aya Toraiwa auf die Choreografie ihrer Hände gelegt hat. Präzise und grazil folgen ihre Finger ornamentalen Linien, flatterhaft, oder wie kleinste Verästelungen im Wind. Wir können nicht anders, als diese Bewegungen als folkloristisch/traditionell japanisch zu identifizieren, was vielleicht immer auch Teil von Migration ist: Spuren anderer Traditionslinien, Überlagerungen von Gesten, es zwitschert, es ertönen Alltagsgeräusche wie Lokomotive oder Regen oder Hupen, vermischt mit Sound.
Das Licht wird heller und bricht den Raum auf, ihr Tanz wird leichter, jetzt noch präsenter die Finger, weniger Kraft, mehr Sprünge (Hüpfer) und mehr Verzierungen im Tanz. Es schlittert am Kitsch vorbei. Am Ende schüttelt sie einer Zuschauerin in der ersten Reihe die Hand, recht lange, aber sehr freundlich, und noch einer Person, ich bin irgendwie gerührt. Ist das Ziel, an dem sie ankommt, liebevoll, wie sie es sich erhofft hat?


Forough Fami: Higher
„Higher” beginnt mit einem schönen Stillleben. Memento Mori. Drei Tänzerinnen haben sich an der linken Ecke des Studios arrangiert. Eine lehnt sitzend an der Wand, die anderen beiden halb liegend an sie geschmiegt. Dieses Ensemble verharrt so eine Weile, ich mag die Stille und dass nichts passiert. Dann begeben sie sich langsam in Bewegung, jede für sich und doch gemeinsam. Sie öffnen mit ihren Bewegungen recht schnell den Raum; es folgen verschiedene, bewegliche Raum- und Körperkonstellationen. Die drei Tänzerinnen geben sich einer konzentrierten Langsamkeit hin, mit einem kleinen Widerstand im Bewegungsfluss, aber doch die meiste Zeit über leicht und frei. Sie improvisieren ihre Körper durch den Raum und stellen sich immer wieder in Bezug zu den jeweils anderen zwei Körpern: ein behutsamer Kontakt, ständig wiederkehrende Begegnungsmuster, ständig am Austarieren zwischen Individuum und Gruppe. Die drei funktionieren sehr gut miteinander, man ahnt, dass sie lange und intensiv miteinander gearbeitet haben. Jede für sich hat einen fesselnden Ausdruck, mein Blick bleibt aber auch vor allem an Anna Fitoussi haften – sie sticht durch ihre impulsgebenden Bewegungsimprovisationen heraus, die stets im Fluss, in Metamorphosen zu sein scheinen.
Einen Cut gibt es, wenn die drei sich irgendwann in der Mitte des Raums platzieren und wieder still sind. Imposanter Sound ertönt und die drei lassen dazu langsam einmal im Halbkreis ihren Blick schweifen, in gleichem Tempo, mit Blickkontakt zum Publikum, ein starker Moment. Ehe sie wieder zu ihrer Ausgangsposition am Rand zurück kehren, wird der Raum noch einmal in gelb-orangenes Licht getaucht, hinweg getragen von einem trance-artigen Sound. „Higher“.


Rachell Bo Clark: If You Can Imagine It, It's Possible
Wir betreten das Studio nach der Pause. Rachell Bo Clark sitzt am Boden und spricht zu uns: „Sit down, close your eyes... You are the center of your universe....“ Säuselnder Ton, einmal an meinem Platz angekommen, beruhigt sich meine Atmung tatsächlich. Ich lasse mich ohne Widerrede von ihrer Stimme davontragen. Sie spricht in ein Mikrofon und knipst an einem Gerät herum, das grün und rot aufleuchtet, sie sagt, dass etwas nicht funktioniere. Gehört der Technik-Ausfall zu einem Stück, dass sich mit Virtualität beschäftigt, inhärent dazu? Sie probiert es immer und immer wieder, bleibt dabei aber ruhig und kommentiert dieses Nicht-Funktionieren. Ihr Ton verliert nichts an Lässigkeit, ist noch immer einschmeichelnd. Ich drifte ab. Sie kann nur noch gewinnen. Techno-Sound erklingt und lässt mich kurz aufwachen, Rachell Bo Clark spricht weiter und beginnt dann zu tanzen, irgendwann legt sie das Mikorofon weg, tanzt am Boden. Ihr Körper, ein Fragment, immer wieder eingerastet, mechanische Bewegungen, roboterartig. Mit ihrer kraftvollen, sehr dynamischen Bewegungsqualität und harten, aber nicht minder organischen Brüchen erobert sie sich mühelos den virtuellen? Raum. Irgendwann wechselt sie die Ebene und kommt ins Stehen, sie fegt umher mit beeindruckender Kraft, das Einrasten der Körperteile gefolgt von smoothen Wellen, die durch den Körper laufen und in markanten Stops enden. Nebel erfüllt dann den Raum, (endlich wieder Bühnennebel!) sie tanzt weiter, bis er sich langsam verflüchtigt.
Zum Ende nimmt Rachell Bo Clark wieder ihr Mikrofon und gibt der Loop-Maschine eine zweite Chance. („Fuck.“) Unbeirrt beginnt sie zu singen, klar und laut: „You make me feel... You make me feel... (Imagine there's a Loop)“ Auch ohne virtuelle Verdopplung ihrer Stimme wird deutlich, woran Bo Clark sich hier abgearbeitet hat. Menschliche Bewegungen im Virtuellen Raum, wo bleibt unser Körper (zurück), wenn wir die analoge Welt verlassen? Ihr Solo ist vor allem eins: energetisch aufgeladen – mit und ohne Technik-Support.


#EPILOG: Dieser Text ist in geteilter Autorinnenschaft von Johanna Withelm und Alexandra Hennig entstanden. So viel Einigkeit haben die Studioschreiberinnen selten erlebt – aus diesem Grund können die Sätze und Gedanken kaum auseinander dividiert werden. Dieser Text ist das Ergebnis eines mehrfachen Vor-Nach-und Weiterschreibens. Die Positionen, die Worte, die Beobachtungen verzweigen sich und mischen Rohmaterial/Einschübe mit ausformulierten Passagen.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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