Text zu soda works festival zu Gast im ada Studio (9./10. Dezember 2017) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

Kunst oder QUAL?

#INTRO: SODA Alumna Liad Hussein Kantorowicz dekonstruiert mit „A Bit of Peace“ nicht nur ein schmerzhaftes deutsches Schlager-Kulturerbe, sondern hat uns Studioschreiberinnen selbst im guten und schlechten Sinn gepeinigt. Im folgenden Text verfahren wir nach dem bewährten Prinzip des Reingrätschens, das dieses Mal mit dem Einstieg von Alex beginnt und von Johannas Einschüben in kursiv unterwandert, vervollständigt und weiter gedacht wird:

Ich denke zurück an meine erste Vorlesung in der Theaterwissenschaft, Herbst, 2009. Es ging, glaube ich, darum, uns den Begriff der „Performativität“ zu erläutern und dabei wurde viel von Brecht und Verfremdung und der Geste, als performativer Akt des Zeigens gesprochen…Auf die Gefahr hin, dass dieser Text in eine pseudowissenschaftliche Richtung abzudriften droht – ich finde es doch erstaunlich, wie frau in den schlimmen Momenten wieder zu den Strohhalmen (Grundfesten) der eigenen Disziplin greift.

Denn, dieses Zeigen schließt – verkürzt gesagt – so etwas wie eine Distanz der*des Schauspieler*in zu sich selbst auf der Bühne, zur Rolle“ oder zum performativ Dargebotenen ein. Auch wenn Performance und Tanz nicht gleich Schauspiel ist – es drängt sich die Frage auf, ob eben diese Distanzlosigkeit in der Arbeit „A Bit of Peace“ von Liad Hussein Kantorowicz dazu geführt hat, dass diese 40Minuten (für mich) kaum auszuhalten waren.

Der Abend ist als durational performance angekündigt, in der frau herumgehen und den Raum begehen sowie verlassen kann, wie sie möchte.
Hussein Kantorowicz befindet sich in einer kargen Landschaft aus vereinzelten Klappstühlen, Sitzkissen und Lidl-Tüten, sie trägt halbdurchsichtige, halb in Fetzen hängende und schmutzige Kleidung, dreckige Mullbinden hängen an ihr herunter, eine verfilzte und halb verrutschte Perücke sitzt schief. Leicht wahnsinnig steht sie da und tut meist wenig, lungert herum in diesem morbiden Setting. Dazu ertönt das akkustisch verzerrte Lied „Ein bißchen Frieden“ von Nicole in Endlosschleife. Sprich, es war eine Qual.

Was ich fast nicht loswerde, ist diese Melodie. „Ein bisschen Frieden“ von Nicole (Deutschlands Erster Platz beim Grandprix d’Eurovision de la Chanson 1982) ist ja ohnehin ein traumatisches Kulturgut aus Fernsehen, Radio und Alpträumen, das mich als in Deutschland aufgewachsene Person geprägt hat. Das ist auch der (einzig) wirksame Kunstgriff in dieser Performance: Hussein Kantorowicz lässt in diesem Schlager statt Nicoles glockenklarer Stimme einen dumpfen, gruseligen, verfremdeten Gesang immer und immer wieder vom Band abspielen. Das tut weh: „Ein bisschen Friiieeeeden, ein bisschen Freude und dass die Menschen nicht so oft weinen. Ein bisschen Friiiiiieeedeen, ein bisschen Sonne auf dieser Erde, auf der wir wohnen.“ Der schlimmste Moment ist, wenn das Lied wieder von vorne anfängt.
„Siiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiing mit miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiir ein kleeeeeeeeeeeeines Liiiiiiiied….“

Was auch sehr schräg anmutet, ist eine Art Obdachlosen-/Verwahrlosungsästhetik, sowohl was Setting/Kostüm betrifft ,als auch die Handlungen der Performerin.
Scheinbar indifferent und willkürlich zieht sie sich immer wieder mal die Lidl-Tüte über den Kopf, oder schwingt einen Zweig etwas durch die Luft, das alles sehr langsam und ohne klare Intention. Zwischendurch bewegt sie ihre Lippen unsynchron zum Gesang, ab und zu irritierend vulgäre Gesten wie eine herausgestreckte umherschlängelnde Zunge.

Ich wage auf einen Seitenblick auf die handschriftlichen Notizen meiner Kollegin Johanna:

Es ist wirklich zermürbend“

Davon abgesehen verstehe ich nicht, warum ich als Zuschauer*in hier so gequält werde. Ich glaube, ich bin einiges gewohnt und kann mit Publikumsbeschimpfung, Scheiß-Egal-Attitüde, Sex, Gewalt, Körperflüssigkeiten oder Sinnverweigerung auf der Bühne gut umgehen, insofern sie eben performativ (siehe oben) eingesetzt werden. Oder mir ein Hinweis dafür gegeben wird, welche Überlegung hinter der Zurückweisung von „Kunst als Kunst oder Zuschauer*innen/Performer*innen Dynamik“ steht. In dem Fall von „A Bit of Peace“ wäre ich dankbar über ein einziges Anzeichen gewesen, dass es eine solche Überlegung, ein „warum“ überhaupt gegeben hat.

Ich denke, dass es durchaus ein „Warum“ gegeben hat: Die Künstlerin hat sich zumindest laut Programmtext mit den Problemen von kultureller Integration, mit dem Verlust von Kultur auseinandergesetzt. Sie versucht dies laut eigener Aussage mit den Mitteln der Wiederholung (Endlosschleife Nicole als „deutsches“ Kulturgut), Entfremdung (gestörte Beziehungen zu sich selbst, zu eigenen Handlungen), mit gescheiterten Versuchen der Lippensynchonisation als Sinnbild für Probleme mit der Assimilation innerhalb einer Gesellschaft. Das leite ich mir so her, wenn ich den Programmtext lese. Das Problem ist aber in der Tat diese Diskrepanz zwischen dem, was hier künstlerisch verhandelt wird und dem, was dann auf der Bühne geschieht und vor allem wie das für die Zuschauenden aufbereitet und transportiert wird. Ich frage mich, ob die Zuschauenden hier überhaupt in irgendeiner Weise mitgedacht wurden – das war schon recht publikumsfeindlich und ich bin mir nicht sicher, ob es hierüber ein Bewusstsein gab.

Was ich meine: ein irgendwie künstlerisch, ästhetisch oder politisch nachvollziehbares Konzept dahinter, sich selbst als Obdachlose/Kriegstraumatisierte/Drogensüchtige zu verkleiden, Steine über die Bühne zu tragen und Lidl-Tüten in den Händen zu schwingen.

Das Problem ist auch, dass das wie blanker Hohn wirkt gegenüber Menschen, die wirklich obdachlos/traumatisiert/drogensüchtig sind.

Meine Vermutung / mein Vorwurf: hier hat sich jemand allein auf die für selbstverständlich angenommene Behauptung verlassen, dass etwas, das frau vor Publikum tut, automatisch Kunst sei.

Das glaube ich nicht. Ich schätze, dass es durchaus Überlegungen zur künstlerischen Verhandlung von Themen und zum Einsatz von bestimmten Mitteln gab. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es eine Reflexion über die Bilder gab, die erzeugt wurden. Was fehlt, ist der Blick von außen: Wie wirkt das, was ich auf der Bühne tue, auf die Zuschauenden? Auf welchem Tretminenfeld bewege ich mich? Was möchte ich im wahrsten Sinne des Wortes anrichten? Diese Reflexion in Form eines Außenblicks hätte die Performance definitiv vertragen können.

 

 

Performative Journal

Künstlerin und SODA Alumna Mădălina Dan schafft mit „Dear Mădălina!“ einen Rückblick auf ihre eigene Studienzeit, ein performatives Selbstgespräch und eine Reflexion über das Einreißen der Vierten Wand. Während ihrer Studienzeit hat sie die persönlichen und künstlerischen Stationen dieser Ausbildung in Videobotschaften, performativen Tagebüchern, festgehalten. Anlässlich des SODA WORKS FESTIVALS (10 Jahre SODA am HZT Berlin) stellt sie sich noch einmal vor die Kamera.

#INTRO: Wir, die Studioschreiberinnen Alexandra und Johanna haben uns von der (vermeintlichen) Unmittelbarkeit, Lässigkeit und Authentizität der Performance „Dear Mădălina!“ inspirieren lassen. Im Folgenden finden Sie einen (weitestgehend unbearbeiteten) Chatverlauf von uns beiden, den wir – lässig, authentisch, unmittelbar – auf der Bühne des Textes präsentieren.

Dear Johanna, dear Alex!

Mittwoch, 13.12. 2017. Skypeverbindung zwischen Berlin und Köln.

Johanna:
also. es begann ja alles mit diesen an die wand projizierten video-ausschnitten, zu sehen ist madalina auf verschiedenen aufnahmen während ihres soda-studiums. das erste am tag der audition für den studiengang. dann diverse showings während dem studium.
ich mochte dieses zurückblickende auf die zeit des studiums, mochte auch die immer gleiche anrede an das publikum, das rohe darin- aber ich empfand es auch als zäh.
diese aufnahmen haben sich für mich als außenstehende auch oft nicht so erschlossen...
oft auch schlechte tonqualität etc, und dieses immer wiederholende - das muss frau als zuschauerin auch schon sehr wollen...

Alex:
ja, ich glaube, das was du als zäh beschreibst, hatte für mich auch wirklich eine, äh, diffuse qualität,
in dem sinne, dass es einerseits ein starker bruch mit allen präsentationsformaten war (lässige, um nicht zu sagen schluffige körperspannung, ratlosigkeit, planlosigkeit).
relevanzproblem im eigenen studium, und das hat mich an eine wirklich schwierige balance erinnert.
inwieweit schafft frau es, sich selbst, die eigene Kunst, ALLE ANDEREN und vor allem diese hochschule nicht so ernst zu nehmen.
diese selbstironie hat sie für mich zu einer eigenen körper/formensprache perfektioniert.

Johanna:
ja, und das hat sie auch schon wenn sie live spricht - aber das auch noch als videoschnipsel in schlechter qualität projiziert wird dann noch schluffiger.

Alex:
so kann man es auch sagen ;)

Johanna:
fandst du es eigentlich lustig?

Alex:
das ist ne gute frage.
ich hab mich ein bisschen blöd gefühlt fast schon zwischendurch, weil alle anderen so viel gelacht haben.
ich hab mich dann gefragt, ob frau eigentlich n kunststudium gemacht haben muss an so einer staatlichen schule, um darüber lachen zu können.
es war schon so hzt-manier aber auf ironie.

Johanna:
ja voll.

Alex:
so dieses: wir nehmen alles nicht so ernst, wir wollen eigentlich auch nix sagen, aber wir tun das mit dem krassen theoretischen konzept im hinterkopf.
(böse gesprochen)

Johanna:
also bei mir war es so dass zwischendurch immer so ein blub an die oberfläche kam, wo ich es lustig fand. so kurz. aber man wurde ja auch oft eher im stich gelassen als zuschauerin, nicht sehr an die hand genommen. ja, dieses ausgrenzende schon wieder....
aber so schlimm fand ich es auch wiederum gar nicht.
naja. auf jeden fall hörten die videos ja dann auf und sie stellte sich in die mitte des raums und begann zu sprechen. die gleiche anrede wie in den videos: datum, vorstellung, etc. und dann erzählte sie dass sie nervös sei, und dass sie sich seit letzten sonntag nicht so gut fühlt, und dass sie sich unsicher ist mit der wahl der perücke.....

Alex:
und da hatte sie alle lacher auf ihrer seite.
immer dieses künstler*innen-gejammer,
alles so schwer, alles so persönlich.

Johanna:
da bekam das aber so einen turn, wo ich nicht wusste, ist das jetzt authentisch, was immer das sein soll, und das fand ich ziemlich gut.

Alex:
ja, ging mir auch so.
einerseits diese geste von: ich muss hier gar nicht die coole, abgeklärte künstlerin sein und dann hab ich das als ironischen kommentar darauf gelesen, dass sich immer alle beschweren.

Johanna:
und dann frag ich mich warum gehts ihr denn seit letzten sonntag nicht gut?

Alex:
ach, du hast dich echt gefragt, warum es ihr nicht gut ging? das find ich spannend, ich hab das ganz klar als floskel verstanden.
mhmm…und dann ist echt die frage mit der vierten wand im theater,
brauchen wir die doch? wenigstens, um sie dann einreißen zu können.

Johanna:
ja nun... frau weiß es ja nicht... das könnte ja auch stimmen dass es ihr seit dem sonntag nicht gut ging. also ich mochte halt, dass ich es nicht weiß....

Alex:
ja, stimmt.
aber kann frau nicht von künstler*innen erwarten, dass die sich zusammen reißen auf der bühne?
dass die einfach mal ihren job machen?
für mich steckte das auch darin.

Johanna:
ja ähm, also ich glaube schon dass sie das in dem moment als mittel benutzt hat, ganz klar berechnend. aber trotzdem weiß frau eben nicht ob es ausgedacht ist oder stimmt und das find ich ganz gut.
also ich hab das nicht als ernsthaftes gejammer empfunden, das war schon inszeniert irgendwie. aber bis zu welchem grad frag ich mich dann, ich mag diese unsicherheit,
also das frau nicht weiß wieviel ist jetzt davon auch wahr, was immer das wieder sein soll ;)

Alex:
ja, fand ich auch,
das hatte schon einen witz.
...und warum sie überhaupt sich selbst anredet auf dieser kamera und immer wieder von „uns“ spricht.
von wegen „SOLO DANCE“
AUTHORSHIP

Johanna:
und sie sprach ja dann auch davon, dass sie im studium immer über das einreißen der 4. wand gesprochen haben und sie nicht wusste was das sein soll. das fand ich schon witzig.

Alex:
jap
so wie wir vielleicht jetzt hier die wand zwischen text und autor*innen einreißen...
oder so?
aber, irgendwie,
ich fands schon auch witzig, und generell find ich auch cool und unaufgeregt und lässig undsoweiter, dass frau immer „nicht so genau weiß, was das alles zu bedeuten hat“, diese ganzen akademischen diskurs-themen.
aber gleichzeitig bekomme ich dann schon auch einen kleinen stich in der magengegend und denke so, okay, und das feiern wir jetzt auch noch ab, oder wie?
too cool for school und trotzdem voll avantgarde.
irgendwie fänd ich auch mal wieder erfrischend, wenn jemand versuchen würde, wirklich etwas zu sagen.
aber, egal, ich schweife ab.

Johanna:
ja. das ist auch das große HZT-dilemma.
jedenfalls sprach sie ja dann noch so über dies und das. über arbeit und phasen in denen es keine arbeit gibt, und darüber dass sie seit ewigkeiten das b1-level in deutsch versucht und immer wieder neu anfangen muss weil sie so oft unterwegs ist etc,
jedenfalls hat sie ja dann angefangen, sich zu ihrem sprechen auch zu bewegen. so geometrische körperformen, reduziert, lässige haltung dabei, und dabei sprechen. das fand ich von der qualität her eigentlich ganz gut. gleichzeitig dachte ich auch: das hab ich wirklich schon 1000mal gesehen, dieses monologisieren und dabei abstrakte bewegungen ausführen.

Alex:
ja, auf jeden fall.
irgendwie doch ganz passend für 10 jahre soda. irgendwie lässig und klug und selbstironisch aber auch nicht so besonders dabei, visionen oder sowas zu entwickeln.
ich fand sie als performerin sehr sympathisch.
aber, joaahhh…

Johanna:
am ende schmeißt sie noch den fuß immer an die wand und sagt "this is so political", da musste ich schon lachen.
aber insgesamt wird frau als zuschauerin so mit einem hmmmjoaaah eigentlich auch egal entlassen.

Alex:
ja.
voll politisch, aber was soll das schon heißen.

Johanna:
alles ist ein bißchen egal.

Alex:
wir sind auch viel zu klug und kritisch um an irgendwas zu glauben und erst recht nicht daran, dass kunst was bewirken kann und trotzdem reißen wir uns alle n arm aus, um dabei zu sein.
joaaarrrrrr.
gibts noch mehr zu sagen?

Johanna:
hmmm glaube nicht.
jetzt ist es schon ein bißchen böse geworden oder?

Alex:
bißchen, aber darum gehts ja vielleicht auch.
von wegen 4.wand...
?


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