Text zu 10 times 6 (11./12. November 2017) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

*PROLOG: Für unser erstes gemeinsames „10 times 6” haben wir uns für ein Prinzip der Vereinfachung, bzw. Begrenzung entschieden. Jede von uns bekommt zu jedem Stück 3 Stichpunkte der anderen Studioschreiberin, die sie für ihre Texte der einen Hälfte des Abends verwendet. Diese Stichworte sind Anker, Reduktion und Ideengebung. 3x10 Stichworte, 2x5 Texte, 5x3 andere Gedanken, 3x10geteilt durch 2. Wer kommt jetzt noch mit ?10x1 Studioschreiberinnen-Doppel…? GO!


1. Julia B. Laperrière: The Beast Within
*Lackpumps
*weibliche Hysterie
*Monster
Eine Frau im schwarzen Cocktailkleid und Lackpumps steht wie ein Mahnmal der weiblichen Tänzerin in der Mitte der Bühne. Die kanadische Choreografin/Performerin Julia B. Lapièrre beginnt, an ihrem Kostüm herum zu zupfen, ihre Haare zurecht zu legen –flache Hände, die über den Bauch fahren, Stoff glattstreichen. Wir alle kennen diese Gesten – sie sind Teil eines größeren Prologs, den wir alltäglich aufs Neue aufführen… Enter the Stage of Gender Trouble. Nach und nach werden ihre Bewegungen energischer, aus dem leichten Wiegen in den Knien wird ein Hüpfen, es steigert sich in eine Art hysterischen Zustand (die „Weibliche Hysterie“ – eine alte Geschichte). Dabei geht es Julia Laperrière genau um das Ausstellen dieser Klischees –„The Beast Within“ ist eine ernst gemeinte Zuwendung zum inneren Tier (das Monster!), das dann auch kein festgelegtes Gender mehr hat? Es liegt schon ein gewisser Widerspruch darin, einerseits weibliche Rollenmuster kritisch hinterfragen zu wollen und gleichzeitig die Freudsche Hysteriekiste zu öffnen. Das Solo ist Teil der viel versprechend klingenden Trilogie „Dangerous Women“ – vielleicht ist es schwierig, einen isolierten Teil davon zu betrachten?


2. Molly Nyeland: No head neither arms
*Maskerade vs. Blick
*Schleier
*Krake / Tentakel / Oktopus
Die dänische Choreografin Molly Nyeland zeigt uns ihr Gesicht nicht. Bekleidet mit nur einem Slip und einem Stoffgetüm, das Kopf und Arme bedeckt, tastet sie sich vorwärts. Die Arme sind verschwunden und wie unter dem Stoff hoch gebunden, der Oberkörper und die Brüste entblößt. Sie setzt unentschiedene Schritte, streckt die Beine von sich, lehnt sich an die Wand und experimentiert mit sich und diesem übergestülptem Etwas, ein Körper-Überbau aus Stoff, der mal zum Schleier wird, mal zu einer Krake mit Tentakeln die sich um den Körper schlängeln. Molly Nyeland entzieht sich mit dieser Körper-Maskerade dem Augen-Blick der Zuschauer*innen und schillert dabei zwischen Selbstironie und Selbstbehauptung des weiblichen Körpers.


3. Diana Shepherd: Bodies (2nd Part)
*Unterhemd
*expressiv
*ungelenk
Diana Shepherd, die in Illinois/USA Tanz studiert hat, hat sich dem herausfordernden Thema der Beherrschung gewidmet: Eigentum des eigenen(?) Körpers, Fremdbestimmung, Trennung von Körper, Leib und Individuum, das diesen Körper „besitzt“. Eines der Lieblingsthemen der Tanz- und Theaterwissenschaft: Körper haben oder Körper sein? In diesem Sinne können die zuweilen etwas ungelenk wirkenden Bewegungen dieser Performer-Tänzerin schon wieder sehr charmant wirken. Wer besitzt das Bewegungsmaterial? Indem sie diese Herrschaft verweigert, wirft sie die Zuschauer*innen auf eine sehr grundlegende Frage zurück: Möchte ich virtuose, professionelle Körper auf der Bühne sehen? Oder hat es eine besondere Qualität, einer Nicht-Tänzerin-Performerin/ Bewegungskünstlerin im weißen Unterhemd beim expressiven Versuch zuzusehen, sich von diesem Körper zu trennen?


4. Anni Lattunen: five quarters of an echo
*Philosophie
*Geste und Wort / Zeichen und Bezeichnetes
*insanity
Anni Lattunen, finnische Tänzerin und Performancekünstlerin, hat eine angenehme Art sich zu bewegen: weich und fließend und zugleich präzise und entschieden. Sehr präsent steht sie im Raum, und spricht philosophisch klingende Wörter und halbe Sätze aus, über das Sein in der Welt, vage, bruchstückhaft, Bedeutung verheißend. Ausgesprochene Wörter treffen auf Gesten des Zeigens, Wörter als Zeichen auf Bewegungen als Bezeichnetes und umgekehrt. Anni Lattunen zeigt in den Raum und dessen Koordinaten, verschiebt immer wieder ihre Körperachse auf imaginäre Raumlinien. Behutsam und exakt bewegt sie Arme, Kopf und Oberkörper durch feine Impulse, die durch den Einsatz von Stops und Richtungsänderungen an Techniken des Popping erinnern, dazu fallen die Wörter –klar und reduziert. Das letzte ausgesprochene Wort das ich erinnere: insanity. es erzählt mir (jedoch) nichts.


5. Sanni Impilä & Johanna Ryynänen: Vittujen kevät
*wache Präsenz
*nordisches Ringelshirt
*Tanztheater
Manchmal kann sich in sechs Minuten auch ein ganzes kleines Tanztheater entfalten. Die zwei Tänzerinnen Sanni Impilä & Johanna Ryynänen, beide befinden sich zur Zeit im 3. Ausbildungsjahr an der Tanzakademie Balance1, arbeiten mit einer wachen Präsenz und eingängigen, smart-lustigen Gesten. Sie schaffen Bilder von Begrenzung und Abgrenzung – mit mehreren Rollen Klopapier stecken sie Linien ab, die sie übertreten, einreißen und aufrecht erhalten. Es macht außerdem Spaß, ihnen beim Tanzen zuzuschauen. Die nordischen Ringelshirts weisen zunächst noch nicht darauf hin, dass die beiden sich mit ihrer gemeinsamen Herkunft aus Finnland und der 100jährigen Unabhängigkeit dieser Nation auseinander gesetzt haben. Mit dieser Lesart, die im Nachhinein (mit Blick auf das Programmheft) Sinn ergibt, bekommt die unbekümmert-energetische Choreografie dann noch einen anderen, kritischeren Anstrich. Wenn sie zuletzt ganz manisch alle Klopapierreste in ihre Taschen stopfen, lässt sich das als Geste der Spurensicherung deuten: was separiert uns voneinander? Wann grenzen wir uns ab? Ein unterhaltsames Duett über die (wörtliche) Auslegung von Grenzen.


6. Kasia Wolińska: …(I see America dancing)
*Der athletische Körper als Sinnbild für Ideologie
*Anmut als Projektion
*Posen des Politischen / Agitation
Kasia Wolińska studierte in Polen und Berlin Tanz und Kulturanthropologie, sie beschäftigt sich in ihrem Solo mit dem übrigens großartigen Titel ...(I see America dancing) mit Wegbereiterin und Ikone des Modernen Tanzes Isadora Duncan und deren Kampf für revolutionäre marxistische Ideen. Kasia Wolińska erscheint souverän und cool, mit eher unbeteiligtem Gesichtsausdruck, in gestreifter Trainingshose und Unterhemd, was zunächst mal einen angenehmen Kontrast bildet zu einem pathosgetränkten Bewegungsausdruck, den Duncan und ihre Zeitgenossinnen verfolgten. Zu spacigen Klängen wandelt Wolińska trancig durch den Raum, Raumfahrtatmosphäre breitet sich aus, und dann lehnt sie sich langsam in symbolgewaltige Posen: Die Arme in die Luft gestreckt, die Handflächen nach oben gerichtet und den Oberkörper und Kopf anmutig zum Himmel geneigt – Anmut wird zur Projektion. Der Blick entschlossen nach vorn gerichtet, die Hände vor dem Rumpf zu Fäusten geballt: Der athletische Körper wird zum Sinnbild für Ideologie. Kasia Wolińska stellt hier Posen des Politischen aus und fragt nach der Verbindung zwischen modernem Tanz und Sozialismus – eine spannende Studie, die nach einer Fortsetzung verlangt.


7. Victoria McConnell: Sign. Sigils
*raumgreifend und hingebungsvoll
*Gesten, Handzeichen
*schillernder Gesang
Die Sprache muss immer unzureichend sein – sie ist ein Symbolsystem, das das eigentlich Gemeinte (oder besser: Gefühlte?) stets nur verfehlen kann. Wir sind von Repräsentationen umgeben – im Theaterraum dann umso mehr…Dieses Dilemma nimmt die US-amerikanische Tänzerchoreografin Victoria McConnell zum Anlass, ein sehr persönliches, hingebungsvolles und raumgreifendes Solo zu entwickeln, dass sich der Körpersprache – Gesten und Handzeichen vor allem – zuwendet. Zwischendrin wirkt diese Tänzerin wie eine Peter Pan-Gestalt – auf dem Weg ins (vorsprachliche?) Nimmerland, in dem Dinge auch außerhalb ihrer zugeschriebenen Bedeutung existieren können. Ihr Solo wirkt wie ein getanztes Portrait, das dann in seiner Intimität zwar schön anzusehen, darum aber noch lange nicht lesbar wird. Wenn sie mit einem schillernden Gesang endet, denke ich, dass mehr Biografien vertanzt und gesungen werden sollten.


8. Sasha Amaya: The Task of the Translator
*halbdunkel / Umrisse / getrübter Blick
*dein Name auf griechisch bedeutet „noch nicht geboren“
*Übersetzung heißt Verfehlen
Das Solo von Sasha Amaya findet im Halbdunkeln statt. Ein fast nicht zu bemerkendes schummriges orangenes Licht bleibt, nur Umrisse sind zu erkennen, eine Gestalt mit langen Haaren steht da. Es ist, als ob mein Blick getrübt ist, die Augen müssen sich permanent anstrengen, um doch fast nichts zu erkennen. Die Tänzerin, Installationskünstlerin und Regisseurin Sasha Amaya spricht und bewegt sich dabei, es geht um die Unmöglichkeit des Übersetzens, darum, dass Übersetzen immer auch Verfehlen heißt. What is there instead of being born? ist der Satz, den ich erinnere, oder Dein Name auf griechisch bedeutet noch nicht geboren. Es gibt ein paar schöne Momente, zum Beispiel, wenn Sasha Amaya über John Cages „4:33” als eine Arbeit der Dankbarkeit an die Stille spricht, was in seltsam schlüssigem Zusammenhang mit dem Halbdunkel und dem getrübtem Blick steht. So trifft Bewegung, die kaum sicht-, aber trotzdem spürbar ist, auf Sound (Schritte, Atmen, ein Tritt gegen die Wand?) und auf fragmentarische Erinnerungen (My father said „You always exaggerate!“). Die Verbindungen und Zusammenhänge der einzelnen Elemente bleiben lose und sind abhängig vom Auge des Betrachters – zarte Spuren tun sich auf und verfliegen wieder, vieles bleibt im Unschlüssigen, Vagen, Halbdunklen.


9. Maria Rutanen: Unpoetic Reality
*kleinteilig, ruckartig, schnell, präzise, getrieben
*kleine Körperexplosionen
*kühler eingängiger Soundteppich
Die Finnin Maria Rutanen hat in Finnland sowie Freiburg Tanz, Performance und Physical Theatre studiert, außerdem studiert sie momentan im Master-Programm Choreografie am HZT Berlin. Heute Abend nimmt sie uns mit auf eine Reise, bei der sie beinahe auf der Stelle tappen muss. Kleinteilige, ruckartige Zuckungen durchfahren ihren Körper. Ihre Bewegungen wirken schnell und getrieben – auf eine präzise Art und Weise schafft sie es, diese kleinen Körperexplosionen auch für die Zuschauer*innen erfahrbar zu machen. Ein kühler, eingängiger Soundteppich begleitet ihren wie ferngesteuert wirkenden Strudel mit sich selbst und der Sphäre um sie herum. Sie hat sich auf kluge wie denkbar unaufgeregte Weise dem Phänomen des Alltags zugewendet. Wie gehen wir eigentlich durch unser Leben in den festen Strukturen, die uns Halt geben und gleichzeitig unbeweglich machen? Bewegte Eintönigkeit.


10. TEATUR: KILLT DADA! Ernstfall mit Volkstanz
*Geschichtsunterricht / Kabarett
*Ernstfall / Ausnahmezustand
*glitzernde Zeitbombe
Das Duett KILLT DADA! Ernstfall mit Volkstanz ist eine interessante Ausnahme-Arbeit an diesem Abend, sowohl was Besetzung (die TEATUR aka Nadine Giese und Wolf Dieckmann, beide kommen aus dem Bereich Performance und Objektkunst), als auch Ästhetik betrifft: der Auftritt mit so ungewohnt „richtigen“ Theater-Kostümen und Requisiten erinnert erst einmal an eine Mischung aus Kabarett und Geschichtsunterricht. 100 Jahre DADA wurde 2016 an vielen Orten gefeiert, dabei wurde oft vergessen, dass diese provokative Form der Avantgarde im Angesicht des ersten Weltkriegs entstand. Mit dem Aufruf „Killt DADA!“ fragt die TEATUR nach gesellschaftspolitischen Parallelen zum Heute. Schillernd zwischen Komödiantik und Beunruhigung vollführt Nadine Giese einen Volkstanz, der „echte europäische Herkunft“ garantiert, Wolf Dieckmann hält ein Plakat nach dem anderen hoch, auf denen der „Ernstfall" verkündet wird und einige politische Parolen und Motive von 1916 und 2016 erschreckende Ähnlichkeit aufweisen. Wenn Nadine Giese zum Ende hin noch zaghaft die Melodie der deutschen Nationalhymne summt und dann eine Zündschnur an einem runden schwarzen Ball anzündet, die wie eine Wunderkerze runterbrennt, sitzt das Unbehagen perfekt. 100 Jahre zurückblickend, entwerfen Giese und Dieckmann eine ungemütliche, unheilvolle Perspektive, die Zeitbombe glitzert...


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