Text zu NAH DRAN 65 (7./8. Oktober 2017) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

INTRO#
Im folgenden Text verfahren wir nach dem Stille-Post-Prinzip.
Beschrieben werden drei Stücke, die ich, Alexandra, selbst nicht gesehen, von denen ich lediglich durch Beschreibungen meiner Studioschreiber-Kollegin Johanna via Skype erfahren habe. Wie lässt sich ein Tanzabend aus der Erzählung einer anderen Person rekonstruieren? Wo decken sich meine (unsere?) imaginären Bilder, welche Interpretationen und Urteile haben sich verselbstständigt? Die Übersetzungsleistung von Johannas Beschreibung zu meinem Text markiert eine Lücke der Abwesenheit. Sie ist eine Behauptung, die auf Konjunktive verzichtet, aus dem Vollen schöpft und wiederum (nur) meine Erinnerung aus dem Gespräch wiederspiegelt – insofern mehr als unvollständig ist.

Kursiv finden Sie Johannas Einschübe, Hinzufügungen, Richtungsänderungen und Stellungnahmen als Korrektiv zu meiner imaginären Kritik.


NAH DRAN 65

Angenommen, ich wäre dabei gewesen – ich hätte das ada Studio mit gemischten Gefühlen verlassen. Einmal mehr steht der weibliche Körper, seine Vereinnahmung, Sexualisierung und sein Missbrauch im Zentrum. Einmal mehr, weil sich derzeit viele Künstler*innen ganz zu Recht diesem Thema widmen. Einmal mehr, weil es gar nicht so schwer ist, genau dabei zielgerecht daneben zu greifen, Klischeebilder zu reproduzieren oder – andersherum – das künstlerische Potenzial zugunsten einer didaktischen Haltung zu vernachlässigen. Allzu leicht zu verständliche Botschaften zu senden, bedeutet eben auch, allen Beteiligten nur zu versichern, dass sie es ohnehin schon längst verstanden haben. Und Achtung: darüber zu schreiben, ist nicht weniger heikel, wenn man sich nicht aus Versehen zu den Anti-Feminist*innen gesellen möchte, für die „politicial correctness“ ein Schimpfwort geworden ist… Uff. Zurück zum ersten Stück.

In „Mit Charme und Schönheit“ hat sich das Kollektiv Colin-Maillard mit Attributen von Weiblichkeit beschäftigt. Vier Performerinnen stellen über die Dauer des Stücks sexualisierte Posen aus, um sie zugleich kritisch zu hinterfragen. Sie berichten von Erfahrungen mit Sexismus, von problematischen Körperbildern und öffnen den Diskurs hin zur Vereinnahmung des weiblichen Körpers, des Frau*-Seins als Gebärmaschine, decken den Zusammenhang von Alter mit Fruchtbarkeit und dessen ausbeuterischen Ansatz auf. Klingt gut. Ich denke, das können wir nur gut finden und damit sinkt dann leider eben auch das Interesse. Allein auf künstlerischer Ebene stellt sich das Problem ein, dass Zeigen und Sagen zusammen fallen – die Struktur sich zu leicht entschlüsseln lässt. Die grotesken Momente, die in den absichtsvoll lasziven Gesten aufblitzen, sind zu vorsichtig gewählt oder zu gut durchdacht, als dass sie einen wirklichen Bruch markiert hätten. Vielleicht würde dieses Stück in einem anderen Kontext sehr viel „verstörender” wirken?
Johanna an Alex: Ich bin überrascht, wo meine Erzählungen deine Imagination hinführen. Derart abgeneigt fühlte ich mich während des Zuschauens zum Beispiel nicht, im Gegenteil: Ich mochte die klare Haltung der Performerinnen und ihren Verzicht auf diese poppig-feministische Coolness-Ästhetik die wir zurzeit überall (nein, eben nicht überall, sondern auf gewissen Bühnen in Berlin) sehen. Hier stattdessen gut gearbeitete Textpassagen und sympathisches Auftreten. Die gewählten Mittel waren mir tatsächlich an einigen Stellen zu eindeutig, dennoch genoss ich die Performance und fühlte mich gut unterhalten. Der leicht didaktische Ansatz dieser Arbeit fühlte sich für mich als Zuschauende etwas merkwürdig an (ja, ich weiß doch), aber doch überwiegt das Moment der Identifikation und der Sympathie mit den Performerinnen. Das macht viel aus. Ich kann mir das Stück übrigens auch gut für jugendliche Schüler*innen vorstellen. Ist das jetzt ein Qualitätsmerkmal oder gerade nicht? Ich würde meiner Tochter jedenfalls empfehlen, es sich anzuschauen.

2) Das Duett „Layered” der zwei Tänzerinnen Kerem Shemi (Choreografie) und Ron Hiibuna ist schön anzusehen. In warmes Licht getaucht, entspinnt sich eine Choreografie verschiedener emotionaler und körperlicher Zustände. Angenommen, ich wäre da gewesen: ich genieße den angenehm-meditativen Soundteppich des Wasserrauschens, kann der tänzerischen Qualität der beiden wertschätzend folgen, mein Blick schweift von Zeit zu Zeit ab. Zwischen ihrem Abstoßen und Anlehnen kreisen meine Gedanken um diffuse Erinnerungen. Sie komponieren Zustände des Innehaltens und des Aufbäumens, auf die man sich leicht einlassen und darin ein bisschen wegträumen kann.
Ich habe das alles allerdings auch als seltsam entleert empfunden. Die solide tänzerische Technik der Beiden steht außer Frage, ich sehe teilweise typisches Bewegungsmaterial aus typischen zeitgenössischen Tanzklassen, zusammengesetzt und abgerufen. Impulse aus dem Rumpf, Aufbäumen und Zusammenfallen, aneinander Anlehnen und Abstoßen, diagonal durch den Raum Rennen, Stolpern, Innehalten, langsames Umblicken, wieder Rennen... Aber doch scheint das Material nicht relevant, erzählt mir nicht viel. Das Rauschen des Wassers passt dazu, es plätschert vor sich hin und stört mich nicht, aber es stellt mir auch keine Fragen, berührt mich nicht.

3) „M/f Duett“ ist eines dieser Stücke, die haarscharf an der eigenen Schmerzgrenze entlang agieren. Eine Choreografie der Manipulation, der Abhängigkeit und Unterdrückung wird – gekonnt und virtuos – dargeboten, wobei die eigene Haltung von Choreografin Marissa Rae Niederhauser weitestgehend verschlüsselt bleibt. Angenommen, ich wäre dabei gewesen: was mir Bauchschmerzen bereitet, ist die Unentschiedenheit, ob die gewaltvolle Dynamik zwischen Niederhauser und ihrem Tanzpartner Michele Meloni kritisches Potenzial hat oder selbst als Reproduktion von Geschlechterklischees und bestehenden Machtverhältnissen zu werten ist. Auf einer vorab eingeblendeten Videoprojektion ist die Tänzerin mit je wechselnden männlichen Tanzpartnern zu sehen. Ihre Duette bestehen – wie das Bewegungsmaterial aus der Bühne – hauptsächlich darin, dass sie vom Tanzpartner herumgeschubst, bevormundet und in Szene gesetzt wird. Ihre Handlungen sind ganz auf seinen Blick ausgerichtet – können sich nur im Maßstab von Gefallen und Begierde bewegen. So posiert sie in lasziver Geste, nachdem er es ihr zuflüstert, lässt sich von ihm im gemeinsamen Tanz führen, wechselt zwischen Sexyness und morbider Hysterie eines ganz und gar abhängigen Subjektes.
Wenn sie dann im übertrieben ausgestellten Grand Plié mit rückwärts-geneigtem Oberkörper in weiter Grätsche steht und stolz?verletzlich?morbide? ins Publikum blickt, meint man, eine entlarvende, weil bewusst ausgestellte Reflexion zum eigenen Tänzerinnen-Körper zu erkennen. Trotzdem bleibt dieses Duett über weite Strecken kaum zu ertragen…
Als ob du da gewesen wärst – treffender hätte ich es kaum formulieren können. Ich konnte es wirklich kaum ertragen, diese durchweg devote Frau mit diesem brutal agierenden Mann anzusehen. Dabei zuzuschauen, wie sie es über das gesamte Stück nicht schafft, dem ungesunden Beziehungskreislauf zu entkommen. Gleichzeitig war ich beeindruckt von der tänzerischen Umsetzung dieses Zustands. Wie fragwürdig die (unreflektierte?) Darstellung dieses Machtverhältnisses zwischen Mann und Frau auch sein mag, brilliert dieses Duett mit seinem fein gearbeiteten und teils plakativen aber treffenden Bewegungsmaterial und der präzise nuancierten Interaktion zwischen den beiden Körpern. Der gemeinsame Tanz zum Ende ist faszinierend anzuschauen, er spiegelt sowohl die einseitige Abhängigkeit und Dominanz, als auch die „Zusammenarbeit“ in diesem Konstrukt: denn ohne ihren selbstzerstörerischen Anteil funktioniert die Rollendynamik nicht.
Die traurige Realität ist, dass es vielen Frauen so geht. Marissa Rae Niederhauser hat diese Realität explizit und brutal ausgestellt, und ja, sie reproduziert damit bestehende Machtverhältnisse auf der Bühne, hier passiert wohl das Gegenteil von Empowerment. Aber verliert es deshalb die Legitimation? Oder hat die Darstellung jener Lebensrealitäten mit dem jeweils ganz individuellen Stand der Reflexion nicht trotzdem ihre Berechtigung? Diese Unentschiedenheit bleibt zurück...


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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