Text zu NAH DRAN 70 (9./10. Juni 2018) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

Automatisches Schreiben, Neuschreiben, Spurenlesen – #Palimpsest
#INTRO: Im folgenden Studioschreiber-Text wenden wir das Prinzip des Palimpsests an. Diese Texte sind in geteilter Autorinnenschaft entstanden. Ihr Wort-Material besteht aus je 3 Sessions automatischen Schreibens, die eine der beiden Schreiberinnen generiert hat. Diese „automatischen Gedankenströme” werden von der anderen im „fertigen” Text integriert und kursiv markiert.
Spuren der verworfenen Bausteine unterbrechen den Textkörper als Durchstreichungen.
Viel Vergnügen beim Lesen,
Eure Studioschreiberinnen
Alexandra und Johanna !


Nuria Höyng: Saturday Sunday

Im ada Studio herrscht Eissturm, als wir an diesem heißen Sommertag den Raum betreten. Kaltes Licht, helles Papier in Fetzen an der Wand, tosende Sturmgeräusche und eine Bettdecke am Boden. Unter dieser taucht Nuria Höyng auf, als Heldin aus dem Eis.
Ich komme von meinen Erinnerungen aus Kindheitstagen nicht mehr weg – sich unter der Bettdecke verkriechen, in andere Welten eintauchen, ganz bei sich sein – Sie zieht sich die Bettdecke vom Kopf und trinkt einen Schluck Monster Energy Drink – wo sind unsere Monster geblieben? In welchen Kleiderschränken spukt es noch?
Mit roter Steppjacke, langer Hose und Strümpfen steht sie da, alleine auf weiter Flur in einer kalten Eislandschaft, ganz präsent. Ich mag die Absurdität dieses Moments: sie in Wintermontur mitten im Eis, während wir real schwitzen. Im Studio sind es gefühlte vierzig Grad, die Zuschauer*innen fächern sich Luft mit dem Programmzettel zu.

Sie beginnt sich langsam vom Boden in den Stand zu drehen, zieht ihre Kreise durch den Raum, tastet sich in unbekanntes Terrain vor.
Eindeutig – wir befinden uns in der Arktis – auf einer Eisscholle. Es ist, als ob sie sich in eine Phantasielandschaft hineindreht, Zeit und Raum überwindet. Das finde ich dann auch das erstaunliche an ihrem Solo – sie erschafft wirklich einen ganz neuen Raum – etwas, das im ada Studio so etwas wie die Königinnen-Disziplin ist. Ein Blick auf die Wand – die Uhr, die da hängt, sehe ich zum ersten Mal, obwohl ich sie schon so oft gesehen habe. Das Drehen ist ja im Grunde ein recht typisches Bewegungsmotiv im Zeitgenössischen Tanz, das ich eigentlich nur in den seltensten Fällen gut ertragen kann…. ein paar Schritte um die eigene Achse, den Blick in eine Ferne gerichtet: „Wo bin ich?”, aber ich muss zugeben, dass es hier einfach richtig gut funktioniert.

Nuria Höying bewegt sich konzentriert und präzise, dabei jedoch auch zaghaft und immer wieder durch kleine Stops unterbrochen. Ernsthafte, aufrichtige und feine Qualitäten bestimmen ihre Handlungen – hier scheint gerade etwas von Bedeutung zu geschehen. Die Musik trägt zu einer Art entrückten Atmosphäre bei, einzelne Szenen werden immer wieder angerissen und erzeugen eine traumähnliche Stimmung.
Sie hat mich mitgenommen auf diese Zeit-Traum-Reise in ein unbestimmtes Draußen.

So tauchen wir ein in diese seltsame Traum-Nordpol-Welt, und zugleich schafft Nuria Höying es, immer wieder zu überraschen, wenn sie unvermittelt auf die Lautsprecherbox klettert und sich langsam, die Box umklammernd, einmal im Kreis dreht. Oder wenn sie plötzlich eine kleine Choreografie tanzt, mit roboterhaften Tanzschritten und mechanischen Armbewegungen eher so im Power-Ranger-Stil, die jedoch ebenso schnell wieder vorbeigeht, wie ein Traumfetzen.
Von dort aus kehrt die Heldin ins Bett zurück, nicht ohne einer Verbündeten die Hand zu reichen, haach, schön!


Polyxeni Angelidou & Sofia Karagiorgou: the glory of decay

Die zwei Tänzerinnen Polyxeni Angelidou und Sofia Karagiorgou positionieren sich wie Kriegerinnen in einem kahlen Raum, in dem sich in der Mitte vier zusammengeschobene graue Klötze befinden. Mein Blick bleibt sofort und für einige Zeit an den Armen der einen haften, für eine ganze Weile ist meine Aufmerksamkeit auf die definierten, sehnigen Muskeln gerichtet, ihr Oberkörper bildet den Fluchtpunkt meines Blicks.
In lasziver Pose mit herausgestellter Hüfte stehen sie da, eine Hand gleitet am Körper hoch, der Blick schweift, dazu sphärischer Sound.
Eine der Beiden (Polyxeni Angelidou) steht mit wackligen Füßen auf den grauen Klötzen, was überschaut sie von dort? Überhaupt schauen sie sehr ernst drein. Ihre Blicke prallen an der vierten Wand ab, ich (wir Zuschauer*innen) befinden uns auf der anderen Seite, weit weg von ihrem Universum. Dann fällt sie von den Klötzen, kippt rücklings in den Abgrund?

Darauf folgt eine Aneinanderreihung von Tanzsequenzen von solider zeitgenössischer Technik und überschaubarem Bewegungsmaterial, in den Zuschauerraum überträgt sich allerdings wenig. Warum das alles? Und was sollen diese Klötze?
Immer wieder stellen sich die beiden zu ernsten Posen auf, formieren sich im Raum, ohne dass dabei ihre Beziehung zueinander klar wäre. Es entstehen allerdings auch spannende Momente, wenn ein Teil des Körpers sich fast akrobatisch mit der Wand verbindet und man die Schwerkraft wirken sieht.

Es kommt zu einem „Höhepunkt”, in dem die Tänzerinnen im Kreis umher hasten, die Musik in ein Uptempo gerät und das Licht flimmert, aber auch hier bleibt beim Zuschauen eher Ratlosigkeit zurück. Ein Blick ins Programmheft, dort lese ich, dass hier in einer „heterotopischen Landschaft die Symbole und Fiktionen der westlichen Kultur dem Willen der Natur unterliegen”. Nun bin ich vollends irritiert.

Am Ende muss ich an den Film „Matrix” denken, sie haben sich wieder in Kriegerinnen-Manier aufgestellt, ganz ernsthaft, blicken lauernd über die eigenen Schultern. Das Dramatische und leicht Laszive in diesen Posen und überhaupt im gesamten Bewegungsvokabular lässt leider jeglichen Hauch von Ironie vermissen.
Was mich dann doch noch „retten”, aus meiner statischen Zuschauerinnen-Pose ein bisschen lockern kann: zuletzt wird es kurz nochmal organischer, fließender. Es entweichen den beiden ernsten Tänzerinnen sogar ein paar Momente des Lachens... Hier hab ich das Gefühl, dass doch nochmal etwas verhandelt wird, in der spontanen Reaktion aufeinander reißt die vierte Wand ein Stück ein, etwas überträgt sich...


Zac Murphy: ofallgoddess. The cruel Caress of a sexyhexy

Es folgt mit dem dritten und letzten Stück für heute ein überraschender ästhetischer Bruch: Was Zac Murphy hier veranstaltet hat, lässt sich wirklich schwer einordnen. It's a mess, es ist völlig over the top.
Es scheint, jemand hat sein ganzes Zuhause, sein ganzes Ich vor uns ausgebreitet. Auf der Bühne: drei Inseln voll mit undefinierbarem Zeug – Bierflasche, Laptop, Sonnenbrille, Klamottenhaufen, Weinglas, allerlei Schmuck, Kerzen, Edelsteine und Räucherstäbchen? Das ist schon mal ein Statement.
Esoterisches und Okkultisches steht im Raum, ich denke an alte Hexen- und Vampirfilme. Zac Murphy hockt vor seinem Laptop mit Sonnenbrille und Kopfhörern, gibt ab und zu undefinierbare Laute von sich, bis der Raum plötzlich zum Dancefloor wird: das Licht wird heller, laute Musik schlimmste Trash-Technomusik ertönt, zu der er wunderbar zu tanzen beginnt. Schnelle präzise Schritte auf weichen Sohlen, isolierte Gliedmaßen – eine leidenschaftliche Clubtanz-Performance. Ich denke an Deutschland sucht den Superstar, wenn er mit der Bierflasche als Mikrophon performt und wie im Playback die Lippen zum Text bewegt. Die Sehnsucht – jede*r möchte ein Star sein.

Selten hab ich im ada so viel herausgeschälte Persönlichkeit erlebt, ohne dass es allzu schlimm in Eitelkeit abgedriftet wäre. Diese Performance ist durchgeknallt, wirkt schonungslos ehrlich und ist sich darin dennoch ihrer Theatralität und ihres Kontextes bewusst. Ein bisschen Drama, ein bisschen Glamour, queer und – wie gesagt – komplett over the top. Zac Murphy nimmt sich dieses Rampenlicht und weiß, was er tut. Er versäumt auch nicht, sich etwas Öl ich wette auf Tigerbalsam auf die Pulsadern zu schmieren, bevor er sich in ein rotes Tuch hüllt, wie Mary Wigman zum „Tanz des Dämons“ schreitet – voller Ernst – und am Schluss noch einen grünen Lasersternenhimmel im Raum erstrahlen lässt. Diese Lampen, die in jedem zweiten Dönerladen in Neukölln installiert sind - spätestens an dem Moment war es um mich geschehen und ich bin zum Fan geworden.

Am Schluss holt er noch die Stimme einer alten Tanzlady auf die Bühne (diese Stimme ist körnig, ohne brüchig zu sein, sie gräbt sich in das Gehör, klingt weise und sehr, sehr alt), die darüber spricht, wie wichtig es ist, einem jeden Moment die Chance zu geben, ein Geheimnis zu sein.
Ich bin hypnotisiert, unterhalten, und auf eine gute Weise von der Welt entrückt, als harte Technoschläge am Ende durch den Raum pochen. Wie Herzschläge...


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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