Text zu Alumni.Tanz.Berlin-Festival/Programm 2 (5./6. Mai 2018) von Gast-Studioschreiberin Christine Matschke

 

 

Alumni.Tanz.Berlin-Festival - Zweiter Abend: divers! / Social Event am Plattenteller, Cowgirl und Opern-Diva? / Tanztheater-Revival im Taschenlampenlicht / alltäglich und trickfilmreif Kitzeln

 

Divers #1
Lulu Obermayer: The Girl(s) of The Golden West, Act I
nach der Oper von Giacomo Puccini


Beim Betreten des ada Studios sitzt Lulu Obermayer in entspannt abwartender Ellenbogen-an-Knie-Cowboy-Pose auf denjenigen Sitzpodesten, auf denen sonst das Publikum sitzt. Auf der Wand gegenüber streift eine Videoprojektion wie im Vorbeifahren eine Marlboro-Landschaft. Lulu Obermayer versetzt uns sprechend in die Zeit des großen Goldrauschs in Kalifornien und lässt uns nach einem harten Arbeitstag als Goldgräber in den Saloon der bibelfesten Schankwirtin Minnie einkehren. Hier spielen wir Karten, betrügen und bekommen von ihr echten Whiskey serviert. Während das Feuerwasser noch in der Kehle brennt, angelt sich Obermayer aus dem Publikum einen Mitspieler. Einen Walzer lang ist er der geheimnisvolle Fremde, der sich Johnson aus Sacramento nennt. Aus Liebe zu Minnie, die sich ebenfalls in ihn verliebt, verwirft er seinen Plan, die im Saloon gelagerten Goldvorräte zu rauben. In dieser Performance-Lecture mit Social-Event-Charakter kontrastiert Obermayers unaufgeregter Erzählstil mit Sequenzen aus Giacomo Puccinis Oper „The Girl of the Golden West”, denen wir ab und an gemeinsam lauschen. Zuletzt im Dunkeln, kurz nachdem Johnson Minnie eröffnet hat, dass sie das Gesicht eines Engels habe. Dass es eine Oper gibt, die den Wilden Westen zum Thema hat, erscheint mir absurd. Habe ich, wenn ich an Western-Filme denke, doch ganz andere Musik im Ohr.

Notiz: Der Instant-Atlas schlägt Assoziationen zu Winnetou und zu Heimatfilmen auf.


Divers #2
Rebecca Dirler & Aron Vazquez: DIVΞRSIDΞM

Vier Tänzer*innen positionieren sich in unterschiedlichen, eher neutralen als symbolischen Posen an verschiedenen Stellen der dunklen Studiobühne. Mit dem fahlen Licht von vier an Kabeln baumelnden Glühbirnen tasten sie ihre Körper ab. Im Flüsterton kreisen sie in ihrer jeweiligen Muttersprache um die Frage nach neuen und alten Identitäten. Treppen rückwärts steigendend markieren sie die Vergänglichkeit ihrer persönlichen Zeit, tanzen synchron im Quartett, auch paarweise im Duett, was an Tanztheater-Stücke von Toula Limnaios erinnert. Die synchron ausgeführten und rätselhaften Gesten in „DIVΞRSIDΞM” bleiben für mich eine Fremdsprache. Alle vier Tänzer*innen wollen sich dringend ausdrücken. Doch wirklich verstehen, tun sie sich nicht. Schlussendlich bleibt hier jeder von ihnen für sich; seltsam isoliert. Ein Schrei beendet das Bühnen-Kauderwelsch reichlich abrupt – lebendig begraben mit Taschenlampenlicht.

Notiz: Der Instant-Atlas zeigt (recht wahrscheinlich) ein Film-Still aus dem Film „Kill Bill” – meine Erinnerung: Uma Thurman wird lebendig begraben. Sie liegt in einem Holzsarg bei Taschenlampenlicht. Recherchiert man genau jenen Filmausschnitt aus „Kill Bill – Volume 2” tun sich erstaunliche Parallelen auf, was Lichtführung und Atmosphäre im Film und in der ersten Szene der obengenannten Tanzperformance angeht.


Divers #3
Renen Wtbojtr: SENSITIVE SKIN


Renen Wtbojtr spult mit seinem Stück übers Kitzeln trickfilmhaft Alltagssituationen über sensible „Körper und Persönlichkeiten, unkontrollierbare Reflexe und Verletzlichkeit” auf der Bühne des ada-Studios ab. Oftmals sind die einzelnen Szenen parallel wie nebeneinandergesetzte Filmstreifen inszeniert: ein Mann und eine Frau stehen an zwei verschiedenen Stellen auf der Bühne und biegen sich plötzlich vor Lachen so als würden sie überraschend wie von unsichtbarer Hand gekitzelt; eine Mutter wickelt ihr Baby, ein Mann bekommt eine Shiatsu-Massage, ein Kampfsportler drückt den anderen auf die Matte, ein Paar wischt sich synchron – frontal zum Publikum und wie vor einem Spiegel stehend – die Tränen aus dem Gesicht, ohne spür- und sichtbar miteinander in Kontakt zu stehen. Insgesamt fünfzehn Performer*innen fassen in Bewegt-Bild und Ton, was hier so banal wie auch komisch-tragisch mit schnellem Strich auf die Bühne gezeichnet wird. Spätestens aber, wenn ein automatengleiches Paar mit verdrehten Körpergliedern und italienischem Akzent absurd bis zirkusreif die an Missverständnissen reiche Kommunikation zwischen Mann und Frau skizziert, hat Renen Wtbojtr die Zuschauer*innen an ihren empfindlichsten Stellen erwischt.

Notiz: Der Instant-Atlas von Agnes Kern & Valentin Schmehl zeigt zu dieser Performance unter anderem einen Fotocollage-Schnipsel, auf dem sich der Körper einer Hysterie-Kranken konvulsiv zu einem Bogen aufspannt (– hier handelt es sich vermutlich um eine Abbildung der entsprechenden Illustration des französischen Pathologen und Neurologen Jean-Martin Charcot). Schriftlich wird unter anderem die Frage „Do nurses have special anti tickling movements?” notiert.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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