Text zu NAH DRAN extended: Listen (24./25. März 2018) von Alexandra Hennig und Johanna Withelm

 

 

#INTRO: Passend zur dieser speziellen Ausgabe von „NAH DRAN extended” sitze ich neben meiner Studioschreiber-Kollegin Johanna und – lausche. Nach dem selbst kreierten „Stille-Post-Prinzip” entsteht dieser Text ausschließlich aufgrund ihrer Erzählungen des Abends, an dem ich selbst nicht anwesend war. Ich male mir Szenen aus; ihre Worte, die Beschreibungen der drei Stücke, gehen in Resonanz mit meiner Vorstellungskraft und jenen Sehgewohnheiten, auf die ich zurück greifen kann. In meinem Kopf hat sich dieser Abend so und so zugetragen…

#Pssssssst: „Listen” – Johannas Einschübe/ Kommentare/ Reaktionen flüstern meinem Textkörper kursiv zu und stellen dort klar, wo ich mich unter Umständen verhört habe. Was hallt nach? …
NAH DRAN extended: Listen” ist der Versuch einer neuen Perspektive auf die uralte Partnerschaft von Musik und Bewegung. Kuratiert wurde der Abend von Victoria McCornell, die auch selbst eine der drei Arbeiten beigesteuert hat. Alle drei Stücke erforschen auf sensible Art und Weise den Dialog zwischen Klang und Tanz, dabei treffen unterschiedliche Ansätze und Ästhetiken aufeinander, die sich jedoch im Programm perfekt ergänzen.


Sophia Ndaba, Evi Terzi & Maria Koltsida: „Matrifocal”
Das erste Stück des Abends kreiert einen Raum, in den ich entweder abdriften kann oder von dem ich mich fernhalte. Keine Ahnung, ob ich gemocht hätte, was ich hätte sehen können: Drei Tänzerinnen, gekleidet ganz in schwarz, mit Strumpfhosen bis über die Handgelenke gezogen – ein bisschen wie in Schultanzaufführungen, hätte ich vielleicht gedacht (so ganz künstlerisch) und – jetzt kommt`s – in den Gesichtern schimmert es silbern. Wahrscheinlich hätte meine Skepsis ob dieses Auftritts sich nicht gerade verringert, in dem Moment, wo „Naturgeräusche” – Vogelgezwitscher, knackende Äste, das Rauschen des Windes durch akustische Baumkronen – den Raum erfüllt hat. „Außerirdische im Unterholz?” kann ich jetzt so verächtlich daher sagen, weil ich das Stück selbst nicht gesehen habe.
Ja, Kostüm und Make-Up irritieren zu Beginn tatsächlich. Die Waldgeräusche kamen erst später dazu, als sie sich schon bewegt haben, ich habe die Klänge als angenehm beruhigend empfunden.
Okay, sie beginnen, sich zu bewegen. Die Drei stehen hintereinander, an einem Körper hängen plötzlich sechs Arme. Tentakelartig oder ornamental erscheint diese Armchoreografie, je nachdem für welche Assoziation ich mich entscheiden möchte.
Der Körper mit den sechs Armen hat mich fasziniert: Das Besondere ist die außerordentliche Konzentration in den Bewegungen der drei Tänzerinnen, die ohne klare Impulse von Führenden oder Folgenden auskommen – die gemeinsame Bewegung schien wie ein permanentes Austarieren von Führen und Folgen, wie in einem winzigen Zwischenraum zwischen Handeln und Reagieren. Dieses präzise „aufeinander Achten” schlägt sich auf die Atmosphäre im Raum und auf die Zuschauenden nieder.
Die drei Sphinxe? durchkreuzen schwingend und mit weiter schlenkernden Armen den Raum, ihr Tanz hat etwas Archaisches an sich (stampfen sie mit den flachen Sohlen auf den Boden? Drehen sie sich in Kreisen?). Wieder: ich weiß nicht, wie ich das hätte finden sollen. Dann fällt mein Blick (zum ersten Mal?) auf die Frau am Computer und ich bemerke, dass sie von dort aus den Sound steuert, bis sie in Kabel eingewickelt wird.
Habe ich das so erzählt? Nein, die drei Tänzerinnen holen sich jeder ein Kabel mit Mikrophon vom Pult der Musikerin, sie verstecken diese jeweils unter ihrem Kostüm, die Mikrophone verstärken jede ihrer Bewegungen akustisch und verschmelzen mit dem Soundgebilde.
Im gleichen Moment erfüllt Schwarzlicht die Bühne, die silbernen Flecken auf den Gesichtern der Tänzerinnen leuchten auf, sie verkabeln ihre Körper, ihre Atmung und Bewegung werden über die Mikrophone (wo kommen die her?) verstärkt. Ich befinde mich (wieder) in einer seltsam sphärischen Atmosphäre – die Bewegungen der Drei kollidieren mit der Soundkollage, die jetzt weg von den Naturgeräuschen viel abstrakter wirkt. Wie fühle ich mich?
Durch das Schwarzlicht und die leuchtenden Spuren auf den Körpern ändert sich der Raum, clubbige Assoziationen treffen auf die vorherige ritualhafte Stimmung, ein guter Bruch.
Hätte ich vor oder nach der Performance das Programmheft gelesen, wäre ich unter Umständen irritiert gewesen: „matrifocal” beschreibe Kulturen, die eine stärkere Hinwendung zum ‚weiblichen Element des Seins‘ zeigten, heißt es dort. Aber, was hat diese Choreografie, wie sie selbst behaupten, mit ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Kräften zu tun? Werden hier fragwürdige binäre Systeme von weiblich (=Natur?) und männlich (=Verkabelung, Schwarzlicht, Kriegsbemalung) aufgemacht oder ist das alles ‚einfach‘ eine ziemlich gut ausgearbeitete Choreografie, die ich hier nur so gut abweisen kann, weil ich sie nicht gesehen habe?
Über Zuschreibungen von Weiblichkeit (das Sein) und Männlichkeit (das Tun) stolpere ich im Nachhinein auch beim Lesen des Programmtextes. Und da läuten wahrscheinlich für alle in (queer)feministischen Diskursen Bewanderten auch gleich die Alarmglocken. Und doch:
Starke tänzerische Qualität und einfühlsame Begegnungen zwischen Körpern, und ein kluger Umgang mit Raum, Bühne und Sound sprechen irgendwie für sich, da lasse ich den Text im Abendzettel mal Text sein.


Victoria Mc Connell & Joshua Tennent: „Arising/Passing – a moving landscape”
Beim zweiten Stück des Abends hätte ich zunächst einmal mehr gehört als gesehen. Ein Musiker (Joshua Tennent) produziert mit seiner Gitarre und an seinem Computer einen sphärischen, pochenden Soundteppich.
Helle vereinzelte Gitarrenklänge, Echo, weiche dunkle Töne, Meeresrauschen...
Erst nach einiger Zeit hätte ich bemerkt, dass er nicht allein auf der Bühne ist – eine Tänzerin (Victoria McConnell) kommt von draußen langsam und (vorsichtig?) Ja, zunächst vorsichtig und durch Pausen unterbrochen am Boden entlang auf die Bühne (gekrochen?) Ja, gekrochen, geschlängelt, geschwommen. Sie bewegt sich reptilienartig.
Tatsächlich bewegt sie sich wie ein Reptil, oder ein Unterwassertier, eine Kaulquappe. Organische Wellen durchfahren ihre Körperteile, weich und schnell.
Ihre Gliedmaßen pulsieren entlang des Rhythmus‘ ihrer Atmung, sobald sie zum stehen kommt und doch nie stehenbleibt, sondern immer in schlängelnder ganzkörperlicher Bewegung bleibt, erscheint sie mit ihren rot-blonden langen Haaren und ihrer hellen durchscheinenden Haut wie eine gestrandete Meerjungfrau, stark und schön.
Dazu der Sound, der nun noch vielseitiger, komplexer und verwunschener klingt, ich fühle mich wie in einer Unterwasserwelt. Besonders beeindruckend ist hier die achtsame Kommunikation zwischen Tänzerin und Musiker. Bewegung und Musik fließen behutsam ineinander und tragen mich angenehm weg...
Diese Erscheinung hätte mich womöglich fasziniert und vielleicht sogar in eine bewegte Landschaft davon getragen – „Arising/Passing – a moving soundscape”.


Rachael Mauney, Telmo Branco & Annelie Andre: „Wavering”
Das dritte Stück des Abends klingt, als wäre es ganz nach meinem Geschmack gewesen: theatral (mit der nötigen Portion Beklopptheit). Ich stelle es mir so vor: Ein Tänzer (Telmo Branco), eine Tänzerin (Rachael Mauney), eine Musikerin (Annelie Andre). Zwischen den beiden auf der Bühne entsteht ein Wirrwarr der Beziehungsgeflechte. Sie stellen Tische um, arrangieren den Raum ständig neu – sie stellt etwas ab, er stellt etwas ab. Eine Packung Feldsalat steht auf einem der zwei Tische, die das Bühnenbild sein sollen. Zitat Johanna: „Aber noch nicht mal in einer Schüssel, sondern noch im Plastikteil, der Feldsalat.” Ich glaube, das hätte mir schon genügt.
Dazu stellt die Musikerin eine Reihe von verschiedenen Sounds her: durch eigene Bluesgesang-Fragmente, mit der Loopmaschine vervielfacht, durch Reiben des Mikrophons an Textilien, durch das Anschalten eines Föns.
Einer der beiden steigt auf einen der Tische, um von der anderen immer und immer wieder aufgefangen zu werden. Ein Loop und Schnappatmung. Beide üben sich in akrobatischen Einlagen, nicht sicher auszumachen, ob sie wissen, wie seltsam das alles ist. Ein Dialog: „Would you please keep standing here?” Jemand fällt immer wieder um. Zwei Individuen, die langsam durchdrehen? Akustisch zieht schon ein Gewitter auf – es wird zugig.
Die zusammengeschobenen Tische drohen auseinander zu driften, dann folgt zugleich ambitionierte Tisch-Aerobic, was irgendwann eher zu einem Kampf mit dem Tisch wird.
Auch wenn diese Arbeit im Gegensatz zu den sinnlichen Erlebnissen der vorherigen zwei Arbeiten eher konzeptlastig, schwerer zu durchschauen und etwas schräg wirkt, wird auch hier getanzt, und zwar ziemlich gekonnt: Plötzlich entwickelt sich aus der chaotisch-theatralen Szenerie eine synchron ausgeführte Tanzkombination, in der die beiden Performer*innen immer wieder nach vorne fallen und von unsichtbaren Kräften hin und her geschleudert werden.
Am Ende sagt Rachael Mauney etwas wie: „Alle werden zu Tieren, nur wir beide sind die einzig übriggebliebenen Menschen auf der Erde”. Dann arrangieren sie nach und nach den Raum wieder exakt wie zu Beginn, sogar die Feldsalatblätter werden platziert, alles an seinem Platz und Ruhe macht sich breit. War irgendwas?


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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