Text zu NAH DRAN 60 (26./27. November 2016) von Alexandra Hennig

 

 

An diesem Wochenende heißt es zum letzten Mal „NAH DRAN“ für 2016. Der Abend erzählt von Zweisamkeiten, von Poesie, von Dreamteams. Allein, zu zweit, aufeinander abgestimmt, mit virtuellen EPs bestückt.

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Den Anfang bildet ein Duett von Frida Ynvesson (Schweden) und Marie Rechsteiner (Norwegen) – skandinavische Klarheit. Schlicht und schön.
Die beiden in Berlin lebenden Tänzerinnen haben sich in „Human Sample II“ auf die Suche nach dem individuellen Selbst begeben und eine ausdefinierte Choreografie zwischen Alltagsbewegungen und zeitgenössischem Material geschaffen. Im gegenseitigen Nachahmen und Abgrenzen fragen sie, wie der Individualität – jede für sich, aber immer zu zweit – überhaupt auf die Schliche zu kommen ist. Der sogenannten Individualität.
Die Krux an der Sache: Zusammen bilden sie ein nahezu perfektes Doppel, so harmonisch aufeinander abgestimmt, dass alles andere zweitrangig wird. Die angekündigte Trennung von „unbewussten“ und „bewussten“ Bewegungen – an sich schon fragwürdig – lässt sich spätestens auf der Bühne nicht mehr aufrechterhalten. Das mag eine paradoxe Kritik sein: alles ist zu einem passenden Ganzen zusammengefügt, das Brüche und Randstellen, die sie interessiert hätten, gar nicht erst zulässt. Hier und da „entschwindet“ ihnen eine Verlegenheitsgeste – wenn sie sich scheinbar beiläufig durchs Haar fahren, aber auch diese Momente sind natürlich präzise gesetzt und ausbalanciert.

In weißen Oberteilen und schlichten Hosen haben sie sich positioniert. Zwei Holzblöcke sind auf der Bühne versammelt – die dienen abwechselnd als Podest und als Liegefläche. Immer wieder: geballte Fäuste, die nach oben und zu den Seiten gestreckt werden, wenn ihre Rücken rund werden und sie sich wieder auffalten: Siegerinnen-Posen, mit denen sie wie roboterartige Pilotinnen durch die technische Soundcollage steuern.

Da kommt kein Zweifel auf. Auch nicht in den angedeuteten Machtspielen, die der sonst so klaren Bewegungssprache entgegen stehen. In der Zwischenzeit rutschen sie in ein pantomimisches Schauspiel ab, das nicht so ganz zur sonst so klaren Struktur passen will.

Ansonsten kommen sie einfach nicht aus dem Takt. Die sehr formale Bewegungssprache, die ausladenden Gesten und Posen: verschränkte Arme, Handflächen, die Kinnpartien stützen, Köpfe, die in den Nacken geworfen sind und das alles perfekt aufs Metrum. Ich muss zwischendurch an „Rosas danst Rosas“ denken und merke fast gar nicht, wie die Ausgangsfrage darüber abgehängt wird.


(2)
Für mich hat dieser Klang eine ganz besondere Dramaturgie“

Véronique Langlott hat bereits im Mai eine Studie ihres „Lyrical ping pong” bei „10 times 6“ im ada Studio gezeigt. Dieses Stück ge- t-a-n-z-t-e Lyrik widmet sich dem 1981 erschienenen Gedichtszyklus „Alphabet“der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, die lange als Anwärterin auf den Nobelpreis galt.
Dabei hat Véronique Langlott ganze Übersetzungsarbeit geleistet: In Anlehnung an die Struktur der Verse, den Klang der Worte und deren Bedeutungsfelder findet sie zu ihren Bewegungsabfolgen und begibt sich in ein fortlaufendes Zwiegespräch mit Christensens Poem, dem Publikum und sich selbst.
Dabei füllt sie den sonst leeren Bühnenraum mit der unaufgeregten, aber klaren Präsenz ihrer Stimme. In weißen Turnschuhen, schlichter schwarzer Hose und Bluse betritt sie den Raum, dreht einen weiten Kreis und springt direkt routiniert in ihr eigenes Versmaß. Die Bewegungs-Silben werden wiederholt, kommentiert und neu zusammen gefügt. Das heißt – so oder so ähnlich – denn die Struktur, die sich Véronique Langlott erarbeitet hat, ist nur insofern zu durchschauen, als dass klar wird, dass es eine geben muss. Ganz lesbar wird sie im Laufe des Stücks nicht – und das ist auch das Spannende dabei.
Christensens Gedicht ist in der Fibonacci-Folge verfasst: die Anzahl der Verse einer Strophe ergibt sich aus der Summe der beiden vorangehenden Zahlen (0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 usw.) Diese Lyrik beherbergt nicht weniger als ein Abbild der Weltordnung aus Zahlen und Buchstaben – was für ein Thema schon für sich.
Ohne den Anspruch, Christensens Zyklus zu entschlüsseln, können wir uns zurücklehnen und sehen/hören: „Diese Bewegung…“ – wackliger Stand auf einem Bein – das andere etwas schräg nach vorn ausgestreckt, tänzelt der angehobene Fuß in der Luft „…Macht etwas mit mir…ich hab so das Gefühl von…einem Elch.“
Gepaart mit eigenwilligem, klugem Humor, der sich zwischen die Zeilen gelegt hat, hat Langlott wirklich ein eigenes Stück Lyrik vertanzt.
Auch (oder gerade) der*die nicht sachkundige Kenner*in wird eingeladen, das Ineinandergreifen von Sprache, Struktur und Bewegung einfach auf sich wirken zu lassen. Weil Langlott sich erlaubt, frei mit dem Gedicht umzugehen, etwa zwischen den Versen zu springen oder ganze Strophen zu vergessen, können wir unbekümmert staunen, wie der t-a-n-z zu den Worten gefunden hat.


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Are we one together or are we twice?”

Die in letzter Zeit oft kritisierte Zweierbeziehung wollen Johanna Ackva und Magdalena Meindl in ihrem Stück „haunting heroines“ aus der Verdrossenheit befreien und tragen dafür doppelt dick auf: Sie kündigen eine Record Release Party an, ohne Record, dafür als ephemeres Bewegungskonzert. Immerhin bekommen wir in der Pause vorab schon einen Flyer in die Hand gedrückt: „Stay for a Drink“ heißt es. Doch vor der Aftershow noch zum Stück.

In diesem sind sie nicht allein und nicht nur zu zweit unterwegs, sondern haben sich virtuelle Verstärkung in Form von bekannten Duetten (John Cage & Morton Feldman, Siegfried & Roy und anderen) in Vorbereitung auf das Stück dazu geholt. Die bleiben wie alle anderen Verweise auf der Bühne jedoch inkognito.

Dabei geben die beiden Performerinnen eigentlich ein schönes Dreamteam ab. Zum ersten „Song“ betritt Johanna Ackva mit Motorradhelm bekleidet die Bühne, während Magdalena Meindl ihre Arme zwischen ihren Beinen verschränkt hält – so abgestimmt gehandicapt performen sie das Intro und fegen über die Bühne:
I don’t use my arms and you don’t use your eyes.”

Dann nehmen sie noch einen Schluck Wasser und mit nonchalanter Heroinen-Attitüde hangeln sie sich von Track zu Track. Dabei zeigen sie eine Best-Of HZT-Bewegungsästhetik, die sie gut beherrschen, die aber hinter dem Merchandise und den Zwischenansagen zurück tritt. Von dem tänzerischen Material, an dem sie gearbeitet haben, hätte ich mir noch am ehesten eine Zugabe erhofft.
So bleibt der Eindruck, man sei bei einem Insider Event gelandet (alle wissen eh, um wen es geht und wer mit wem) – viele der Anspielungen über die Zwischenansagen referieren auf ein irgendwie vorausgesetztes Wissen, das passend zur „virtuellen EP“ einfach nicht greifbar wird. Auch wenn die beiden mehr als zwei sind, bin ich hier seltsam auf mich allein gestellt.
Gehört das zum Showbiz dazu?
What if we give you something we don’t have? Or what you don’t want?


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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