Text zu NAH DRAN 56 (12./13. März 2016) von Johanna Withelm

 

 

Auch wenn vom Frühling noch nicht viel zu spüren ist, die Winterzeit neigt sich dem Ende zu und für mich heißt es Halbzeit als Studioschreiberin des ada. Sechs Texte habe ich geschrieben, sechs kommen noch. Für mich war es ein spannende Zeit bis hier her und ich blicke dem Ende jetzt schon betrübt entgegen – was ich aber auf jeden Fall jetzt schon feiern kann, ist die Vielfalt der Szene, die hier im Programm des ada Studios so deutlich sichtbar wird. Auch die NAH DRAN-Ausgabe 56 ist von der Zusammenstellung der Stücke wieder schön unterschiedlich ausgefallen. Zwei Soli und ein Duett bestimmen den heutigen Abend: Minimalismus trifft auf Polit-Performance sowie auf ein buntes und vollbeladenes Potpourri aus Tanz, Gesang und Video. Die ChoreografInnen, ausschließlich Frauen, kommen diesmal aus Frankreich, Kanada, Israel/ Philippinen und haben alle vor nicht langer Zeit ihre Ausbildung beendet.

Los geht es mit der französischen Choreografin Liselotte Singer, die im letzten Jahr den BA-Studiengang Tanz, Kontext und Choreographie am HZT Berlin abschloss. Der HZT-Ästhetik bleibt sie auf den ersten Blick treu: Skinny Jeans, Sneakers, Oma-Pullover, kaum Sound und reduzierte Bewegungssprache. Das Solo It's because I'm a libra ist im Rahmen der Vorbereitungen zu Singers Abschlussprüfungen entstanden und wurde gemeinsam mit der Choreografin und Tänzerin Maria Francesca Scaroni entwickelt. Im Abendzettel ein abstrakter Text: Gemeinsam wollen die beiden Frauen untersuchen „woher der Wind weht.“ Darum, wie man durch die Erinnerung seiner Umgebung (Wasser) geformt wird, soll es gehen, und darum, dass Dinge ihren Platz haben, um das Arrangieren von Möbelstücken, das eine kopfmäßige Routine bekommt, wenn man, wie Liselotte Singer in den letzten fünf Jahren jedes Jahr umgezogen ist.
Liselotte Singers Körper begibt sich zunächst in eine Pose nach der anderen. Es sind neutral anmutende geometrische Posen, in denen Singer einen Moment verharrt, manchmal korrigiert sie einige Körperteile, zögert, benötigt Zeit, um in die Position zu kommen, bevor sie diese wieder auflöst und kurz durch den Raum läuft, um sich in die nächste Pose zu begeben. Die körperlichen Posen sollen hier nicht mit Posing verwechselt werden, es handelt sich eher um das Gegenteil: der Körper wirkt hier wie ein Experimentierfeld der (mehr oder weniger) geometrischen Form im Raum und nicht mehr. Es werden über die körperlichen Posen auch keine Codes gesendet, kein spezifischer Ausdruck gesucht, überhaupt wird wenig gesendet. Diese reduzierte Körpersprache, die wenig Bedeutung provoziert, wirkt auf mich sehr beruhigend.
Ich meine einen Sound wie Wind zu hören, aber es kann auch das Geräusch eines vorbeifliegenden Flugzeugs von draußen gewesen sein, vielleicht war es auch beides. Dann erklingt noch eine (ich nehme an, Maria Scaronis) Off-Stimme, und spricht Anweisungen, wie man den Körper zu bewegen habe („Use your head“ etc.). Ich bin mir nicht sicher, ob Liselotte Singer den Anweisungen folgt. Manchmal tut sie es, manchmal ist es zeitlich versetzt, oft scheint es gar keine Verbindung zwischen Bewegung und Text zu geben. Die Bewegungen werden im Laufe des Solos weniger statisch, Gelenke rollen und bringen eine organische Form mit sich, aber sie behalten das Zurückgenommene und das Understatement – die Klarheit in der Bewegung bringt dabei jedoch eine Stärke mit sich, der ich gerne zuschaue. Insgesamt handelt es sich um eine Konzept-Arbeit, die im Erlebnis des Zuschauens sehr zurückhaltend bleibt. Die einzelnen Bereiche wie inhaltliche Thematik (Formen durch Erinnerungen, Arrangieren von Dingen), die zu hörenden Anweisungen der Stimme, die Bewegungen des Körpers stehen eher unverbunden nebeneinander, und so bleibt diese Arbeit sehr vage. Es werden kaum Bezüge aufgezeigt, der Zuschauer wird alleine gelassen, was ja grundsätzlich nicht schlecht ist. So dass ich am Ende bei der letzten Pose, eine Art Waage wie man sie im Turnunterricht gelernt hat, an den Titel „It‘s because I‘m a libra“ denke, und dann: Aha, Sternzeichen!“. Ein erschwerter Zugang ermöglicht eben manchmal auch wilde Assoziationen.

Was in „It‘s because I'm a libra“ an Konkretheit fehlt, ist im zweiten Solo dieses Abends mehr als vorhanden. Die kanadische Tänzerchoreografin Julia B. Laperrière, die an der Universität von Quebec in Montreal zeitgenössischen Tanz studierte und seit kurzem in Berlin wohnt, zeigt ihr Stück UnCOVERED woMAN. Die Kurzversion hat sie bereits bei 10 times 6 im November 2015 im ada Studio präsentiert, heute zeigt sie die Weiterführung dieser Arbeit, die sich mit dem Handel mit Frauenkörpern und der Beraubung der körperlichen Freiheit beschäftigt. Julia B. Laperrière trägt ein weißes weites Häkelkleid und sitzt mit nach vorne hängendem Oberkörper mit einem weißen Stoffbeutel um den Hals auf dem Boden, sie wird von zwei Scheinwerfern angestrahlt, die einen runden Schein an der Hinterwand bilden und ein starkes sakrales Anfangsbild erzeugen. Sie bewegt sich langsam, die Haare bedecken ihr Gesicht, dazu ertönt Schuberts Ave Maria. Langsam und zunächst uneindeutig bewegt sie die Finger, die irgendwann als Satansgruß, als Mudra aus der Meditationspraxis sowie als Stinkefinger zu erkennen sind und wieder vergehen. Laperrière begibt sie sich per Kopfstand in den Beutel, das weiße Kleid, unter dem sie nichts trägt, fällt herab und die nackte Hinterseite ihres Körper kommt zum Vorschein. Auch wenn Nacktheit mittlerweile oft als eine Art zeitgenössisches Kostüm gilt: in diesem Kontext (das Ave Maria, das weiße Kleid, der Kopf im Beutel) wirkt der nackte Körper erschreckend entblößt. Dann plötzlich, begleitet von einem lauten Punksong, reißt Laperrière sich das Kleid vom Leib und wirft sich nackt, mit dem Beutel über dem Kopf, durch den Raum, sie zieht sich den Beutel vom Kopf, die Haare bedecken wieder das Gesicht, sie hält sich schamvoll die Hand vor den Genitalbereich und krümmt gequält den Körper nach vorne. Dann ein langsam sichtbarer Wechsel zu stolzen und kämpferischen Gesten, sie stellt sich vor das Publikum und reißt die Fäuste in die Luft, um sich sogleich den Beutel, der zur Handtasche wird, lasziv über die Schulter zu werfen. Sie läuft damit catwalkartig durch den Raum, nimmt „weibliche“ Posen ein, in der die Brüste und das Becken ausgestellt werden, immer noch nackt. Laperrière produziert hier einen permanenten Wechsel zwischen Scham/Unterdrückung/Entblößung und Stolz/Selbstbehauptung/Kampf, und erzählt dabei viel über Machtstrukturen des Körpers und wie nah diese beiden Pole beieinander liegen.
Erst beim Verbeugen fällt mir auf, dass ich die ganze Zeit über nicht ihr Gesicht sah, das entweder durch Beutel oder durch Haare verdeckt war. Das alles erinnert sofort an einen politischen Protest-Akt, an die Pussy Riot-Ästhetik oder Aktionen der feministischen Gruppe Femen. Die Bilder und Mittel, die Laperrière benutzt, sind direkt, zuweilen gar etwas plakativ: das Weiß, die Nacktheit, der Beutel, der mal als Burka, mal als Handtasche, mal als Käfig dient, und natürlich das Ave Maria, die Anrufung der Mutter Jesu Christi und die Segnung der Fruchtbarkeit ihres Leibes... Die Kombination aus all dem geht wie mit dem Hammer auf die Zwölf, sie springt die Zuschauenden förmlich an. Wie schon bei der Kurzversion dieser Arbeit treffen mich diese Bilder auf unangenehme Weise, zwingen mich zum Hinschauen, sprechen mich direkt an, auch im Publikum ist das Unwohlsein zu spüren. Die Spiegelung zwischen Zuschauer- und Tänzerkörper verläuft hier heftig und erinnert mich an meinen (weiblichen) Körper auf schmerzhafte Weise. Insofern hat diese Arbeit, wenn man sie nach den Regeln einer Polit-Performance beurteilt, ihr Soll erfüllt. Ich schätze die ehrliche Haltung von Laperrière, und die offensichtliche Dringlichkeit, mit der sie sich dem Thema annähert, dessen Relevanz und Wichtigkeit unbestritten ist. „UnCOVERED woMAN“ als Bühnenstück ist auf Grund der scharfen und deutlichen Bilder konkret und direkt, aber auch bestens interpretierbar – und dadurch auch ein wenig vorhersehbar.

Das letzte Stück für heute trägt den Titel Na(ra)tive und stammt von der Tänzerin und Choreografin Shiri Lukash, die am Seminar Hakibbuzim in Israel Tanz studierte und mittlerweile international als Tänzerin diverser Companies arbeitet. Ebenfalls auf der Bühne wirkt die Sängerin SoRa mit.
Wenn das erste Solo stilles Wasser und das Zweite, sagen wir, scharfer Schnaps ist, ist das hier süßer Bananen-Milchshake. Diese Arbeit ist eine bunte Torte mit allerlei Überraschungen, ein riesiger Haufen an Information und Inhalt. Shiri Lukash setzt sich hier mit ihrer außergewöhnlichen Herkunft auseinander: sie hat ihre Kindheit sowohl in einem patriotischen israelischen Dorf, „wo man barfuß in einer Orangenplantage geht und ein blaues Hemd zu den Aktivitäten der Jugendbewegung trägt“, als auch in einem kleinen Dorf auf den Philippinen verbracht, „wo man Wasser aus dem Brunnen schöpft und es im ganzen Dorf nur an einem einzigen Ort ein Telefon gibt“. Zwischen diesen beiden Polen der Erinnerung oszillieren ihre Erzählungen, voll bis zum Rand mit Tanz, Sprache, Gesang und Videoprojektion. Rührend ist es, wenn Lukash auf einmal von Hawaii erzählt (wo einem nämlich eine Auster, wenn man ihr im Wasser begegnet, drei Wünsche erfüllt), bevor sie mit einer hawaiianischen Girlanden-Krone zuckersüßerweise in den Spagat rutscht.
Auch die israelischen Lieder und Sprechchöre, live per Videoprojektion ins Englische übersetzt, die sie mit kraftvollen Bewegungen begleitet, sind eindrucksvoll. Oder das aufgenommene Telefonat mit ihrer Mutter. Zwischendurch gibt es immer wieder Sequenzen, in denen Lukash tanzt, ein virtuoser, kraftvoller und präziser Tanz, der aber manchmal zwischen all den Geschehnissen leider etwas untergeht. Shiri Lukash erzählt auch noch von einem Verwandten, dem in den 1960er Jahren das Bein amputiert werden musste, von dem Schmerz und dem großen Verlust eines Körperteils. Dazu dann skurrile Videoprojektionen, die an eine Operation erinnern: ein zangenähnliches Gerät, das an etwas wie Knochen und Federnähnliches herumfuhrwerkt. Lukash wirbelt indessen immer wieder flink durch den Raum, erzählt viel, besticht durch ihre Fähigkeit zur Selbstironie, aber auch die Sängerin SoRa überzeugt mit ihrem ruhigen erhabenen Auftreten und ihrem wunderschönen Gesang, der aber ebenfalls im großen Ganzen etwas untergeht. Zeitweise habe ich das Gefühl, es geht hier darum, möglichst viel Material in kurzer Zeit unterzubringen, so dass das ganze bunte Gemisch streckenweise etwas ausufernd ist. Jedes einzelne Element ist spannend, jedoch dringt zu mir nur die Hälfte durch, zu viel Reize, die auf mich einhämmern. Ich denke, dass die Fülle des Materials für ein abendfüllendes Stück funktionieren kann, eher nicht für 20 Minuten. Vielleicht ist das aber auch ein Fall für Kill your Darlings!, um den einzelnen Erzählungen mehr Raum, und damit mehr Luft zum Atmen geben zu können.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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