Text zu NAH DRAN 50 (18./19. April 2015) von Thomas Schaupp

 

 

Fünfzig Ausgaben NAH DRAN – ein bemerkenswertes Jubiläum. Seit etwas mehr als acht Jahren veranstaltet das ada Studio unter Leitung von Gabi Beier nun diese Programmreihe. In den Darstellenden Künsten gibt es nur wenige vergleichbare Formate, die sich so lange halten können und einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen dürfen. Nun gut, eigentlich gibt es auch nur wenige vergleichbare Programmreihen... Umso mehr aber spricht dieses „goldene Jubiläum” für den Erfolg und wohl auch die anhaltende Notwendigkeit des Formats - das betone ich nicht zum ersten Mal. Aber in einer Zeit, in der Langeweile und Desinteresse hinter jeden Tür lauern und die Kultur immer wieder durch Sparmaßnahmen und Misswirtschaft gebeutelt wird, wiederhole ich das sehr gerne und zu solch einem Anlass sowieso und erst recht. Sich so erfolgreich zu halten und wichtig zu bleiben, das muss man erst einmal hinbekommen und spricht für die Idee dahinter... Chapeau und herzlichen Glückwunsch!

Fünfzig Ausgaben NAH DRAN, das heißt mehr als einhundertfünfzig präsentierte Stücke von NachwuchschoreographInnen und -tänzerInnen. Im Februar 2007 machten Stücke von Daniela Lehmann, Jörg Haßmann und Eva Burghardt/Nina Wehnert den Auftakt. Der Zufall will es, dass ausgerechnet zu dieser allerersten Ausgabe keine weiterführenden Informationen im Archiv mehr zu finden sind... Nur noch die Spur eines Anfangs als Verweis auf eine lange Geschichte. Wenn man den Blick durch das Archiv schweifen lässt, entdeckt man wiederkehrende, aber auch wechselnde Themen, Motive und Interessen. Man entdeckt so manche, inzwischen über die Berliner Grenzen hinweg bekannte Namen unter den ehemals eingeladenen KünstlerInnen. Allerdings sind auch viele inzwischen (wieder) Unbekannte dabei und manch ein/e ChoreographIn oder TänzerIn wurde bereits mehrmals zu NAH DRAN eingeladen... Jeder Name erzählt so nicht nur seine ganz eigene Geschichte. Er ist vielmehr auch Teil der einen Geschichte, an der NAH DRAN beziehungsweise das ada Studio selbst kräftig mitschreibt: Sie erzählt uns viel über den Tanz der letzten zehn Jahre und ist ein ganzes Stück weit erfreuliches, bewegendes, aber auch mahnendes Zeugnis und Abbild kultureller und politischer Entwicklungen innerhalb der Berliner Szene. Es bedarf selbstverständlich eines genaueren Blicks und sicherlich eines anderen Rahmens, um sich eingehender mit NAH DRAN und seiner Strahlkraft in der und für die Berliner Szene auseinanderzusetzen. Lohnen würde es sich allemal... Für den Moment bleibt mir nur, viel Glück zu wünschen für die Zukunft, auf hoffentlich mindestens weitere fünfzig brisante Ausgaben.

Ein Blick auf die Vergangenheit hilft, um die Gegenwart zu verstehen und bereichert in die Zukunft zu schreiten. Die Schwierigkeit, die unsere Gesellschaft scheinbar aber mit diesen (Denk-)Bewegungen eines „Zurück” hat, thematisierten Parwahne Frei und Rachel Oidtmann in ihrem kurzweiligem Stück „the nearest EXIT”: „Was bedeutet zurück gehen in einer Gesellschaft, in der vorwärts als Zeichen von Erfolg und Willensstärke gilt? Kann das richtige Stück rückwärts nicht manchmal einen Stillstand in der Vorwärtsbewegung lösen? Und kann man sich überhaupt nicht auch rückwärts vorwärts bewegen?", fragen die beiden im Programmtext. Und mit starken, virtuos ausgeführten Bewegungen setzten sich die beiden Tänzerinnen in einer abstrakten Choreographie mit zurückgewandten Bewegungen auseinander. Sie hüpften vorwärts und fielen plötzlich nach hinten, schnellten die Körper nach oben und lagen sodann wieder flach auf dem Boden, zogen ihren Leib hinter sich her und verdrehten die Torsi in unterschiedliche Richtungen. Die beiden durchsetzten die durchkomponierte Getriebenheit der Bewegungen aber auch immer wieder mit schönen Posen – Momenten des Innehaltens. Die Musik von Marin Zivkovic untermalte dies auf gelungene Weise, da sie sich zum einen im Verlauf des Stücks unaufdringlich wiederholte und zum anderen Bewegungs- und Atmungsgeräusche der Tänzerinnen zeitversetzt wiedergab. Das „Zurück” wurde so auch konkret als Zurückliegendes, also Vergangenes erfahrbar. Ein gelungenes Irritativ sind auch die von Teresa Grosser gestalteten Kostüme: Hose und Oberteile wurden von ihr verdreht. Vorne wird hinten getragen und umgekehrt, wobei der Halskragen wiederum richtig gesetzt ist – eine ganz simple, aber wirkungsvolle Idee. Denn in schnellen Richtungswechseln oder -bewegungen, beispielsweise als sich beide TänzerInnen mit dem Rücken zu uns an der hinteren Wand aufstellten und sich hin und her zur Seite bewegten, oder als sie im Stand vor uns scheinbar wegrannten und plötzlich nach „hinten”, also in unsere Richtung fielen, täuschte einem die Optik für einen ganz kurzen Moment völlig verdrehte Körper vor – Körper gefangen im Zwischen. Nur die der Arbeit zu Grunde liegenden Frage an die Bedeutung des „Zurück” in unserer Gesellschaft blieb am Ende unbeantwortet – zu sehr verharrten Parwahne Frei und Rachel Oidtmann letztlich in diesem Zustand des Hin- und Hergeworfenseins zwischen Vorwärts und Zurück. Aber das macht auch nichts, denn vielleicht liegt auch genau in dieser Poesie schon die eine oder andere Antwort.

Das zweite Stück an diesem Abend, „Urban RUPTURE” von Nebahat Erpolat, wirkte auf mich hingegen nicht kohärent. Allerdings handelt es sich auch um eine „Arbeit im Prozess”, wie man zumindest dem Programmheft entnehmen konnte. Meiner Meinung nach sind einfach zu viele Dinge auf einmal versucht worden, um die der Arbeit zu Grunde liegende Frage, „ob die Renaissance der Städte-Bewegung, der Stadtentwicklung und -planung, die in modernen Städten und Gesellschaften ihre Blüten treibt, nicht eine neue Weltordnung für Entfremdung und Isolation schafft”, in eine choreographische Arbeit zu übertragen. Neben den beiden Tänzerinnen Rachell Clark (die bereits bei der letzten Ausgabe von „10 times 6” mit einer eigenen Arbeit zu sehen war) und Alice Heyward befand sich auch der irische Sounddesigner Gearóid Ua Laoghaire auf der Bühne. Bezug nahmen alle drei zueinander nur über seine live evozierten, minimalistischen Klänge. Sie entstanden jedoch in einem ganz eigenen, vom Bühnengeschehen unabhängigen Prozess. Er produzierte sekundengenau, den Blick immer wieder auf den Sekundenzeiger einer großen Wanduhr gerichtet. Vielleicht folgten die Tänzer bestimmten Cues in der Klanglandschaft, aber braucht es dazu die sichtbare Präsenz des Musikers? Vielleicht war seine exponierte Position an der Seite des Bühnenraums auch nur dem Platzmangel am Technikpult geschuldet, aber für dieses Problem haben andere ChoreographInnen zuvor auch andere Lösungen gefunden. Er wirkte jedenfalls etwas deplatziert und das Verfolgen seines Tuns ablenkend bis verwirrend. Konfus wirkte aber auch, dass neben dieser Klanglandschaft an einer Stelle auch noch eine Stimme vom Band abgespielt wurde. Was sie uns mitzuteilen hatte, habe ich schon im Moment des Erlebens vergessen. Darüber hinaus mussten auch noch die beiden Tänzerinnen verschiedene Laute von sich geben, Laute zwischen einem Zischen und einem Kauderwelsch – wohl der Versuch, Isolation über die Unverständlichkeit des Gesagten aufzuzeigen. Und, ja, eine der beiden Tänzerinnen erzählte kurz auch noch etwas über die Bedeutung von „home” (Heimat wohl) oder so – auch daran kann ich mich nicht mehr genauer erinnern. Hinter all den Ausdrucksversuchen konnte ich keinen zusammenhängenden Sinn erkennen. Aber Rachell Clark und Alice Heyward, übrigens beides durchaus begabte Tänzerinnen mit einer spannenden Präsenz, bewegten sich natürlich auch noch: Mal waberten und zitterten sie sich hinter- und nebeneinander entlang der Flächen des Raums, mal trafen sie aufeinander und tanzten ein Duett, ohne jedoch eine klare Beziehung zueinander aufzubauen. Leider bekam ich auch recht schnell den Eindruck, als seien beide irgendwie peinlich berührt von dem, was sie umzusetzen versuchten. Keine schöne Erkenntnis, wenn sie denn tatsächlich eine ist. Jedenfalls, wenn ich so darüber nachdenke, Isolation passierte auf nahezu allen Ebenen, aber ein in sich stimmiges Stück ist daraus bisher noch nicht entstanden.

Den Abschluss dieses Abends bildete die Arbeit „The Zelig Project” von Sophie Camille Brunner und Jonas Maria Droste, eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Figur Leonard Zelig aus Woody Allens Regiearbeit „Zelig” aus dem Jahre 1983. Dieser Film selbst ist mir nicht bekannt, aber das war auch nicht weiter schlimm. Es machte Spaß, beiden bei der zunehmenden Dekonstruktion des Raums und der sich innerhalb seiner Grenzen abspielenden Beziehungen zueinander zuzuschauen. Die beiden entwaffnend natürlich und authentisch agierenden PerformerInnen bewegten sich körperlich und sprachlich zueinander und an Raum und Requisiten entlang (Spiegelwand, Leiter, Yogamatten und Decken) und nahmen deren vordefinierte Bedeutung und Funktion vor den Augen des Betrachters zunehmend auseinander, indem sie sich und die Objekte stets neu verorteten und (re-)definierten. Wir ZuschauerInnen wurden Teil dieses Prozesses, als Sophie Camille Brunner und Jonas Maria Droste die Spiegelwand einen Moment lang auf uns richteten und uns damit dazu zwangen, auf uns selbst zu schauen. PerformerInnen und ZuschauerInnen wurden so aus den gewohnten Rollen entlassen und Teil einer Performance, die sich selbst hinterfragte. Ein gelungener Abschluss, der nicht besser zum besonderen Moment des Anlasses hätte passen können: Wie schon eingangs angedeutet, ein Jubiläum lädt nicht nur zum Feiern, sondern auch zur Reflektion ein – auf dass die Zukunft von NAH DRAN bereichert sein wird von den Erkenntnissen des Vergangenen.


Das ada Studio wird seit 2008 als Produktionsort von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.


 

 

 

 

 

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